Leitartikel

Was Medien bedroht

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Pressefreiheit ist auch in Österreich wieder zum Thema geworden. So manche Aufgeregtheit der letzten Zeit geht aber an den eigentlichen Problemen vorbei. Es ist eine besondere Koinzidenz, dass jenes vieldiskutierte ZIB 2-Interview von Armin Wolf mit Harald Vilimsky im Vorfeld des Internationalen Tages der Pressefreiheit (3. Mai) stattfand. Und hiezu wieder­um ins Bild fügt sich die Hinunterstufung Öster­reichs im jährlichen globalen Pressefreiheitsranking der NGO „Reporter ohne Grenzen“. Und weil wir ja eine türkis-blaue Regierung haben und Europawahlen vor der Tür stehen, durchzieht eine eigenartige Aufgeregtheit den öffentlichen Diskurs dieses Landes.

Die Pressefreiheit ist auch in Österreich wieder zum Thema geworden. So manche Aufgeregtheit der letzten Zeit geht aber an den eigentlichen Problemen vorbei. Es ist eine besondere Koinzidenz, dass jenes vieldiskutierte ZIB 2-Interview von Armin Wolf mit Harald Vilimsky im Vorfeld des Internationalen Tages der Pressefreiheit (3. Mai) stattfand. Und hiezu wieder­um ins Bild fügt sich die Hinunterstufung Öster­reichs im jährlichen globalen Pressefreiheitsranking der NGO „Reporter ohne Grenzen“. Und weil wir ja eine türkis-blaue Regierung haben und Europawahlen vor der Tür stehen, durchzieht eine eigenartige Aufgeregtheit den öffentlichen Diskurs dieses Landes.

Wobei man schon einmal bei oben genanntem Ranking ein paar Fragezeichen anbringen könnte: So liegt Österreich (Platz 16) zwischen Irland und Luxemburg (keine so schlechte Gesellschaft, oder?) und ganze 16(!) Plätze vor Frankreich, während Länder wie Namibia oder Ghana deutlich vor der Grande Nation rangieren. Je länger man die Lis­te studiert, desto mehr gerät man ins Kopfschütteln. Dass sich Polen irgendwo zwischen Dominikanischer Republik und Haiti findet und Ungarn etwa in einer Liga mit Kirgistan, Moldawien oder Liberia spielt, wundert einen dann schon gar nicht mehr.

Entgleisung

Was aber ist Pressefreiheit eigentlich? Für manche besteht deren ultimative Bedrohung darin, wenn Harald Vilimsky Armin Wolf androht, dessen Vergleich eines Cartoons der steirischen FP-Jugend mit einem Stürmer-Cover könne „nicht ohne Folgen bleiben“. Das war nun in der Tat eine völlig inakzeptable Entgleisung des freiheitlichen EU-Spitzenkandidaten. Auch die Empfehlung des ORF-Stiftungsratsvorsitzenden Norbert Steger, Wolf möge sich eine „Auszeit“ nehmen („auf Gebührenzahler-Kosten“!) ist so bizarr wie deplatziert. Aber Bedrohung der Pressefreiheit? In Wahrheit nützt der Konflikt beiden: Die FPÖ braucht das Feindbild ORF (an dem es tatsächlich genug zu kritisieren gäbe, womit sich auch ein weites Betätigungsfeld für die Kanzlerpartei, die den Medienminister stellt, eröffnete – ist da jemand?); und Wolf kann sich zum Helden des unabhängigen Journalisten stilisieren (was er ja auch ausführlich in seinem Blog getan hat) und sich der Solidaritätsbekundungen aus der Twittercommunity sicher sein. Ein Wort noch zum Stürmer-Vergleich: Es ist schon seltsam, dass jene, die sonst jeden Vergleich des NS-Regimes mit anderen Totalitarismen als Nivellierung der Singularität des Holocaust anprangern, schnell mit Nazi-Analogien bei der Hand sind, wenn es der eigenen Sache dient.

Der Konflikt zwischen FPÖ und ORF nützt in Wahrheit beiden Seiten: die einen brauchen das Feindbild, die anderen die Selbstbestätigung.

Überlegenheitspose

Vielleicht ist dieser Hang zur moralischen Überlegenheitspose, dieses wechselseitige schulterklopfende Sich-Bestätigen, generell das Selbstreferenzielle der Branche, welches die eigene politmediale Blase mit dem wirklichen Leben zu verwechseln neigt, die eigentliche Gefahr für die traditionellen Medien. Dazu kommt die Disruption durch den digitalen Wandel, welcher ein komplett verändertes Mediennutzungsverhalten nach sich zieht. Diese technologisch getriebenen Entwicklungen wirken sich weit stärker aus, fordern klassische Print- wie elektronische Medien weit stärker heraus, als es politischer Druck (zumindest unter europäischen Verhältnissen) je vermöchte.
Der zentrale Punkt ist auch hier – wie in anderen Bereichen –,
dass scheinbar festgefügte Rollenbilder ins Schwimmen geraten, zugeschriebene Kompetenzen fragwürdig werden: Wer „Journalist“ ist und Meinungshoheit ausübt, ist in Zeiten von Social Media und Online-Foren nicht mehr ausgemacht. Auch journalistische Autorität will stets neu erkämpft und behauptet werden. Das wäre die positive Lesart. Die negative lautet, dass Dummheit, Bosheit und mehr sich noch nie so leicht und schnell verbreiten konnten wie heute. Beides ist wahr.