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Letztes Kolonialreich

FURCHE: Was haben die Wahlen zum Kongreß der Volksdeputierten der Sowjetunion gebracht?

MICHAEL VOSLENSKY: Das waren seit November 1917 die ersten Wahlen im Sowjetstaat, die eine tatsächliche Wahl zwischen den Kandidaten ermöglichten. Die Sowjetbevölkerung hat diese Wahlen begrüßt und von der Möglichkeit einer Willensäußerung voll Gebrauch gemacht. In einem Einparteiensystem ist eine solche Möglichkeit natürlich nicht mit Wahlen im demokratischen Westen zu vergleichen. Aber in dem erlaubten bescheidenen freien Rahmen hat die Bevölkerung die Wahl genützt, um ihrer Stimmung Ausdruck zu verleihen.

FURCHE: Die abwartende Haltung der Sowjetbevölkerung gegenüber Michail Gorbatschows Reformprogramm war bis jetzt einer jener Faktoren, die den sowjetischen Reformprozeß lähmten. Hat sich das plötzlich geändert?

VOSLENSKY: Gegenüber der Perestrojka auf wirtschaftlichem Gebiet hat sich die Bevölkerung reserviert verhalten: Sie hat ja -,nach vier Jahren Gorbatschow! - noch nichts gebracht. Die wirtschaftliche Situation der Sowjetbevölkerung ist heute schlimmer als vorher. Der liberale Flügel der sowjetischen Presse schreibt darüber ganz offen: Die Versorgung ist schlimmer geworden.

Da geht die Bevölkerung natürlich auf Distanz zu einer solchen Art von Perestrojka. Aber Glasnost hat es ermöglicht, daß diel Menschen heute weniger Angst haben. Die Atmosphäre in der Gesellschaft ist besser geworden: Jeder kann jetzt in der UdSSR praktisch über alles offen reden.

Nun war darüber hinaus eine mehr oder weniger reale Wahl angesagt, und die Bevölkerung hat diese Möglichkeit ergriffen, um ihrer Mißstimmung Luft zu machen.

FURCHE: Warum greift die wirtschaftliche Reform nicht?

VOSLENSKY: Weil auf wirtschaftlichem Gebiet in der Sowjetunion eine Politik der Halbheiten betrieben wird. Die Führung - mit Gorbatschow an der Spitze — hat Angst vor radikaler Veränderung.

Jeder - auch Gorbatschow - weiß, daß die sowjetische Landwirtschaft so lange unproduktiv bleibt, wie Kolchosen und Sowchosen existieren. Kolchosen und Sowchosen gehören aufgelöst. Man müßte den Leuten sagen: Es steht euch frei, Anteil an Grund und Viehbestand zu erwerben oder in einer Kolchose weiterzuarbeiten, aber dann soll sie eine tatsächliche Kooperative mit echter Mitarbeit und Mitverantwortung werden.

Auf dem Landwirtschaftssektor gab es echte Hoffnungen. Und da hat sich nun die konservative Gruppe mit Jegor Ligatschow an der Spitze durchgesetzt. Es ist nicht gut, daß Ligatschow aus dem Ideologiebereich ausgerechnet in den Sektor Landwirtschaft versetzt wurde. Was hätte Ligatschow als Ideologe denn schon anstellen können? Aber jetzt bremst er den Fortschritt im Agrarbereich.

FURCHE: Wie schätzen Sie den Stand der gesellschaftlichen Entwicklung in der Sowjetunion ein? Welche Werte der Sowjetgesellschaft wirken noch?

VOSLENSKY: Die offiziellen Werte - die Ideologie des Marxismus-Leninismus —, sind nur amtlich, eben offiziell. Sie spielen kaum eine Rolle im Leben der Bevölkerung. Da ist die Rolle der Religion schon größer.

Und der Stand der gesellschaftlichen Entwicklung ist das deutliche Streben in der sowjetischen Gesellschaft heute, von der totalitären Machtausübung durch die Nomenklatura wegzukommen. Natürlich gibt es noch in der Gesellschaft verkappte und sogar offen auftretende Stalinisten, aber ich bezweifle, daß sie die Oberhand gewinnen - obwohl es Fluk

Michael Voslensky überden Stand der Demokratisierung in der Sowjetunion tuationen geben wird.

FURCHE: Den sozialistischen Menschen gibt es also nicht?

VOSLENSKY: Es ist falsch, vom „sozialistischen Menschen“ zu sprechen. Die kommunistischen Länder können heute nicht einmal definieren, was der Sozialismus eigentlich ist.

Unter Stalin war das klar: alles Eigentum war dem Staat untergeordnet Rundherum sah man sich von Feinden umgeben. Der Kapitalismus wurde als sterbendes, der Sozialismus als aufkommendes System betrachtet: „Vor uns liegt das kommunistische Paradies in der ganzen Welt“, — das war die Idee, die man den Sowjetbürgern eintrichterte.

Jetzt ist alles weg, vorbei - vor allem wegen der Entstalinisie- rung, wodurch Verbrechen und Massenmorde dieser Ära aufgedeckt werden.

Aber im Parteiprogramm der KPdSU steht noch, daß es sich in der Sowjetunion um einen „entwickelten Sozialismus“ handelt. Und auch die SED — die regierende kommunistische Partei in der Deutschen Demokratischen Republik - spricht in ihren Dokumenten vom „entwickelten Sozialismus“.

FURCHE: Jedes Land des Warschauer Paktes geht heute eigene „sozialistische“ Wege. Die Breschnew-Doktrin ist passe.

VOSLENSKY: Die de facto- Rücknahme der Breschnew-Doktrin, deren Existenz von der Sowjetunion ja nie offiziell zugegeben wurde, geht auf die Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan zurück. Dadurch ist es für die UdSSR heute politisch unmöglich geworden, irgendwo zu intervenieren und einzumarschieren. Die sowjetische Militärmacht ist für einen gewissen Zeitraum lahmgelegt. Aber man weiß nicht, für wie lange.

FURCHE: Aus Ihren Worten klingt heraus, daß das nicht für alle Zukunft gelten muß.

VOSLENSKY: Ich bin skeptisch gegenüber dem, was noch in den Köpfen der Machthaber in der Sowjetunion rumort. Wenngleich man sagen muß, daß die Ereignisse im heutigen Ungarn bei weitem das übertreffen, weswegen die Warschauer Pakt- Staaten 1968 in der Tschechoslowakei einmarschiert sind. Trotz SU-Militärpräsenz in Ungarn gilt der Grundsatz der Nichteinmischung. Das hat Gorbatschow auch dem ungarischen Parteichef Käroly Grosz bei dessen Moskau- besuch vor kurzem versichert.

FURCHE: Gibt es eine Abkehr vom militärischen Denken in der Sowjetunion?

VOSLENSKY: Ich sagte schon, daß ich diesbezüglich skeptisch bin. Der Militarismus hat in Rußland eine lange Tradition. Dazu ist die Sowjetunion als Vielvölkerstaat das letzte Kolonialreich der Erde. Und es fällt dem Kreml schwer, sich davon zu verabschieden.

FURCHE: Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund die Sprengkraft des Nationalismus ein?

VOSLENSKY: Die Sowjetunion geht notgedrungen den Weg, den alle Kolonialreiche in unserem Jahrhundert gehen mußten. Das Reich driftet auseinander. Das basiert auf objektiven Tatsachen, deren Mechanismus einfach ist:

Solange die Zentralmacht fest im Sattel sitzt, solange sind die Unterschiede zwischen den Herren und der Kolonie ganz groß. Im eigenen Interesse müssen die Herren die Kolonien aber entwickeln. Und so entsteht dort eine Schicht der einheimischen Intelligenz, die in ihrer Qualität nicht an die der Metropole heranreichen muß, aber doch in der Lage ist, im eigenen Land vernünftig und eigenständig zu handeln. Die Kolonie braucht dann die sie beherrschende Großmacht nicht mehr.

FURCHE: Und die internationalistische Erziehung bleibt auf der Strecke, auch innerhalb der regionalen Parteiorganisationen, wie das Beispiel im Baltikum zeigt, wo Parteigrößen auf der Welle von nationalen Volksbewegungen mitschwimmen.

VOSLENSKY: Nationale Bewegungen sind besonders stark in hochentwickelten Republiken wie etwa in Litauen, Lettland, Estland, Armenien; dort sind die lokalen Parteiorganisationen weniger auf Moskau ausgerichtet.

Jetzt erstarkt der Nationalismus auch in der Moldauischen Republik, in Weißrußland, in Georgien. Die islamische Renaissance sowie der verlorene Krieg in Afghanistan stimulieren die nationale Bewegung im sowjetischen Mittelasien. Mit Zuckerbrot und Peitsche mag Moskau in den südlichen Republiken vielleicht noch durchkommen. Auf Dauer ist das aber unhaltbar.

FURCHE: Gibt es Lösungsansätze, um — aus Gründen der internationalen Stabilität — das

Auseinanderfallen der Sowjetunion zu verhindern?

VOSLENSKY: Ich könnte mir eine konföderative Struktur vorstellen.

Denken wir daran, daß es auch kein britisches Kolonialreich mehr gibt, sehr wohl aber ein Commonwealth of Nations, und das ist eine existente Größe. Auch Frankreich hat ein Sonderverhältnis zu seinen früheren Kolonien.

Auch die Sowjetunion wird nicht total auseinanderfallen, weil es bestimmte Anziehungskräfte gibt — wie sie eben heute auch von Österreich auf den mitteleuropäischen Raum aufgrund historischer Verwandtschaft ausgehen. Aber Österreich ist ein kleines Land. Je größer das Land, desto wirksamer sind diese Kräfte, die auf greifbaren Interessen basieren.

Um ein Beispiel für die Sowjetunion zu nennen: Manche Armenier wollen die totale Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Aber auch sie fragen sich, was sein wird, wenn Armenien wirklich frei ist und allein dasteht. Gibt es keine Schwierigkeiten mit der Türkei? Oder: Unabhängigkeit von Aserbaidschan — aber dann Hinwendung zum Iran? Dieselbe Frage stellt sich bezüglich Kasachstan und China.

Für das Baltikum gelten diese Probleme nicht. Die baltischen Völker betrachten sich als Nord-1- europäer — sie würden sich, wenn irgend möglich, total abspalten. Aber auch sie müßten dann zu einem gewissen Sonderverhältnis zu Rußland kommen.

Emigranten aus dem Baltikum sagen mir immer wieder, daß es ihre Zielperspektive sei, frei zu werden; daß es aber notwendig sein werde, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland freundschaftlich zu gestalten.

Von Seiten Moskaus wäre das Vernünftigste — so schmerzhaft das sein mag—, sich diesem historischen Trend nicht zu verwehren. Auch das Sowjetreich müßte in Richtung eines Commonwealth driften — ohne Kataklysmen, ansonsten wird es immer wieder zu Explosionen kommen. Die Geschichte läßt sich weder vergewaltigen noch überlisten.

Mit Professor DDr. Michael Voslensky, Direktor des Forschungsinstituts für sowjetische Gegenwart in Bonn. Autor von „Nomenklatura ", sprach Franz Gansrigler.

Professor Voslensky spricht am Dienstag, 25. April 1989, um 20 Uhr im Hörsaal III des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien (Universitätsstraße 7) über „Die Machtverteilung unter Gorbatschow .

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