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Leuchtkraft Österreichs

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Was Österreich in fast 50 Jahren seiner Freiheit geleistet hat, ist unbestritten. Doch wie soll es weitergehen. Ist Monetarisierung Trumpf oder hat Österreich Europa etwas anderes anzubieten?

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Was Österreich in fast 50 Jahren seiner Freiheit geleistet hat, ist unbestritten. Doch wie soll es weitergehen. Ist Monetarisierung Trumpf oder hat Österreich Europa etwas anderes anzubieten?

1985 feierten wir 40 Jahre Zweite Republik. Viel wurde von der Vergangenheit gesprochen, der Wiederaufbau gepriesen, der fremden Besetzung, dem Hunger und der Entbeh-* rangen der ersten Jahre gedacht, an den Triumph des Staats Vertrags erinnert, dem „Österreich ist frei!", der jubelnden Menge zugerufen von Leopold Figl, Überlebender von Hitlers Konzentrationslagern und einer der Politiker, die in gemeinsamem Leid ihre Feindschaft in der Zerrissenheit der Ersten Republik überwunden hatten und unter dem Druck bitterer Erfahrung und der Last fremder Besetzung das Gemeinsame über das Trennende stellten.

Gedacht wurde auch des österreichischen „Wirtschaftswunders", das aus der Bettelarmut zu relativem Wohlstand und sozialer Sicherheit breiter Bevölkerungsschichten geführt hatte, und Österreichs Geschick in Konfliktbewältigung einen Papst veranlaßte, unser Land als „Insel der Seligen" zu preisen, dessen Oberflächenharmonie in anderen westeuropäischen Ländern mit Neid gemischten Respekt auslöste. (Unvergessen ist mir der Aussprach eines amerikanischen Diplomaten in den sechziger Jahren: „Welch ein gutes Land, darin seine Kinder großzuziehen!")

Die gedämpfte Kritik an mangelnder Vergangenheitsbewältigung vermochte den Stolz der Offiziellen über das Erreichte nur wenig zu trüben.

Doch merkwürdig. In all der Feststimmung fiel es kaum jemandem ein, danach zu fragen, wie es mit Österreich weitergehen soll: Die nächsten 40 Jahre standen nicht zur Diskussion. Statt Entwürfen möglicher und wünschenswerter Zukünfte nahm man stillschweigend unser Mitschwimmen im Strom der Entwicklung an, in der Meinung, es werde eben alles immer mehr, immer größer, immer schneller gehen und damit automatisch immer besser.

Jetzt, im verflixten siebenten Jahr nach diesem Jubiläum schaut die Welt ganz anders aus. Das Eis der Diktaturen im Osten unseres Kontinents ist gebrochen, doch die Schollen reiben sich aneinander. Aus der Weltgefahr des Atomkriegs zwischen den Supermächten ist die regionale Gefährdung durch wilden Chauvinismus, Wirtschaftschaos, Massenelend und Massenflucht erwachsen. Doch was uns durch die räumlich Nähe erschüttert und erschreckt, ist global betrachtet noch um vieles übertroffen durch politische-, wirtschaftliche- und Naturkatastrophen in anderen Kontinenten.

Österreich müßte sich, will es seine, in relativ glücklichen 40 Jahren gewonnene und gefestigte Identität als kulturell und politisch achtenswerte Nation bewahren, die Fragen stellen: Wie soll unser Land im Sturm der Veränderungen die nächsten 40 Jahre bestehen?

Welches sind unsere echten Reichtümer und Hilfsquellen?

Sind unsere Vorstellungen von politischer Moral und Verantwortung für die Zukunft vereinbar mit den Zielen, die sich die politischen und wirtschaftlichen Großmächte, allen voran die USA, die EG und Japan gesetzt haben? Zielen, die nur mit brutaler Ausbeutung der Natur und der Bevölkerung anderer Kontinente erreicht werden können.

Ist der parasitäre Charakter unserer Industriegesellschaft vereinbar mit den Lippenbekenntnissen zu Menschenrechten und zur gemeinsamen Zukunft im „global village"?

Europa und mit ihm Österreich wird sich auf die eigenen Hilfsquellen, auf seinen Boden, seine Naturschätze und seine Menschen verlassen müssen, um Kindern und Enkeln ein nach unseren Begriffen menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.

Unser Land hat trotz unverantwortlichem Raubbau an seiner Natur und trotz des verschwenderischen Lebensstils einer relativ breiten Schicht von Privilegierten und Großverdienern aller Art immer noch eine - gemessen an anderen europäischen Ländern -gute Ausgangslage für die Bewältigung des Rückzugs aus dem Wachstumswahn, ohne durch ein tiefes Tal der Entbehrungen gehen zu müssen: Wald, unendlich kostbares Wasser (in einer Welt, in der Dutzende Länder Durst leiden), noch immer viel unverbauter Boden, eine relativ geringe Bevölkerungsdichte und ein geringes

Bevölkerungswachstum, ein hoher Bildungs- und Ausbildungsstand, eine homogene und damit intern konfliktarme Bevölkerung und ein ausgebautes Netz sozialer Sicherheit, das (noch) nicht reinen Unternehmensinteressen geopfert wird.

Freilich wird von diesen Reichtümern und Vorteilen wenig gesprochen: „Monetarisierung" ist Trumpf. So bemüht sich etwa der ORF seit Monaten in penetranter Weise den Österreichern einzureden, die täglich schwankenden Aktienkurse an den Börsen seien das eigentlich Weltbewegende. Was ist schon eine Hungerkatastrophe in Somalia oder ein Bürgerkrieg in Armenien gegen zwei Prozentpunkte plus oder minus im Aktienindex der Börsen von Frankfurt, Tokio und Wien? Der Geldschleier zwischen uns und der Wirklichkeit wird täglich dichter gewoben zum Verberger des Vabanquespiels, das wir mit unseren Lebensgrundlagen betreiben.

In den nächsten Jahrzehnten wird es viel mehr darauf ankommen, den Wald und damit die Wasserwirtschaft und die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, die Verkehrslawine durch Verminderung der Zwangsmobilität und durch bewußte Selbstbeschränkung aufzuhalten, der Chemisierung und damit der Vergiftung des Lebenskreislaufs durch Rückkehr zu bewährten natürlichen Methoden zu begegnen, die gewaltigen Altlasten zu sanieren und vor allem als Leitmotiv im Wirtschaftsdenken das große, kleine Wort „genug" einzuführen.

Politisch werden diese Notwendigkeiten nur dann ohne Zwang durch Katastrophen durchsetzbar sein, wenn zugleich die soziale Gerechtigkeit nicht ab-, sondern ausgebaut wird. Österreich" hat in mehreren Fällen positive Zeichen gesetzt. Einige davon auf sozialem Gebiet, einige auch

in entscheidenden Umweltfragen: das Spektakulärste war wohl die durch eine Volksabstimmung herbeigeführte Absage an die Atomenergie.

Die Kleinheit unseres Landes ist ein Vorteil, weil sie die KontaKte zwischen Gruppen und Einzelmenschen erleichtert. Die Leuchtkraft des guten Beispiels kann von einem kleinen Land ebenso ausgehen wie von einem großen. Wenn wir in den nächsten Jahren zeigen, daß es anders geht, daß wir ohne Ausbeutung anderer unser Haus bestellen und in ihm gut zu leben vermögen, jp, haben wir dann nicht mehr für W Europa getan, als es jeder Bei- ■ tritt zu einem Wirtschafts- block vermag, welcher von Bürokraten dirigiert wird, ■ d i e nichts anderes im Sinn jEf haben, als den Kampf um Fort- Setzung des Gewohnten zu füh- ren?

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