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Liegt der Ausweg im Tauschhandel?

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Seit 200 Jahren wird es gepredigt und ist zum Glaubenssatz geworden: Je freier der internationale Handel, umso besser geht es allen Menschen. Stimmt das heute noch?

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Seit 200 Jahren wird es gepredigt und ist zum Glaubenssatz geworden: Je freier der internationale Handel, umso besser geht es allen Menschen. Stimmt das heute noch?

Was sagt die Theorie? Das eine Land kann das eine, das zweite das andere billiger erzeugen. Produzierte jedes Land nur das, was es billiger als andere anbieten kann, und kaufte von anderen alles, was diese billiger auf den Markt bringen, lebten alle Menschen besser. Das ist unbestreitbar.

Gewiß, für die Entwicklung bestimmter Produktionen mag vorübergehend ein Schutz durch Zölle oder Importreglementierungen gerechtfertigt sein. Das sollte aber die Ausnahme von der Regel bleiben. Viele internationale Abkommen, die den Abbau von Han-

delsschranken bezwecken, sehen ja auch solche Ausnahmen für die sogenannten Entwicklungsländer vor.

Abgesehen von diesen „legitimen" Ausnahmen stehen auch wirtschafts-, sozial- und verteidigungspolitische Interessen einem schrankenlosen internationalen Güteraustausch entgegen. Dennoch sind hinsichtlich vernünftiger internationaler Arbeitsteilung in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht worden.

Nun aber gibt es drei Faktoren," die innerhalb von längstens zwei Jahren zu neuen, verschärften Handelsrestriktionen und global zu einer Verminderung des Welthandels führen werden: Der erste ist die maßlose Uberschuldung der meisten armen Länder. Sie zwingt diese Länder, ihre Importe drastisch zu reduzieren.

Der zweite Faktor: In den nächsten Jahren wird die Weltwirtschaft weiterhin stagnieren. Bei eher sinkender Nachfrage werden aber die industriellen und auch landwirtschaftlichen Produktionskapazitäten weiter wachsen. Um diese zu nutzen, werden die Regierungen entweder Importe erschweren oder - bei verschärftem internationalen Wettbewerb — die Exporte oder die exportie-

renden Unternehmen noch mehr subventionieren. (Das Abdecken der Verluste etwa von VOEST und VEW, die rund 80 Prozent ihrer Produktion ausführen, ist ein Beispiel für Exportsubvention.)

Das aber wird Maßnahmen vieler Regierungen gegen „Dum-ping"-Importe und damit weitere Handelsbeschränkungen zur Folge haben.

Der dritte negative, den freien Welthandel geradezu zur Farce machende Faktor sind die Wechselkurse. Sie werden weniger durch die Kaufkraft der Währungen im eigenen Land als durch politisch und wirtschaftspolitisch bedingte Kapitalbewegungen bestimmt. So haben die USA zwar eine gewisse wirtschaftliche Erholung erreicht, die Depression scheinbar überwunden. Dies aber nur dank des Imports ausländischen Kapitals, d^s aufgrund sehr hoher, von der Regierung indirekt subventionierter Zinsen und dank der Furcht von Kapitalisten in aller Welt vor Kriegen und Unruhen in ihren Ländern hereinkommt.

Der Dollar ist nun, gemessen an seiner inneramerikanischen Kaufkraft, enorm überbewertet. Noch weiter kann der Dollar aber nicht mehr steigen, ohne der wirtschaftlichen Weltgeltung der

USA zu schaden. Dieser Impuls zugunsten der europäischen Exporte wird also nicht mehr lange wirksam sein.

In dieser Lage werten die armen und am meisten verschuldeten Länder ihre Währungen ab, um exportieren zu können. Sie brauchen Exporte, um ihre nötigsten Importe und wenigstens die Zinsen für ihre Schulden zu bezahlen. Als Beispiel erwähne ich mein zweites Heimatland Venezuela: Infolge Abwertung verdient dort ein Hilfsarbeiter monatlich umgerechnet nur mehr 1600 Schilling. Tatsächlich kann er darum Einkäufe tätigen, die in Osterreich jedoch 6000 Schilling kosten würden!

Bei derartigen Verzerrungen der Wechselkurse (also der Konkurrenzbedingungen) kann es keinen freien Welthandel geben. Nicht — wie oft behauptet wird — das Hunger-Lohn-Dumping, sondern das Wechselkurs- und Sub-

ventionsdumping macht ihn unmöglich.

Österreich könnte nicht so viel exportieren,

■ wäre nicht der Dollar überbewertet,

■ würden die österreichischen Exporte nicht durch Milliarden-Subventionen für wichtige Exporteure und für die landwirtschaftliche Uberproduktion verbilligt,

■ würdendieexportierendenUn-ternehmen korrekt kalkulieren,

■ und würde die Regierung nicht enorme Exportfinanzierungskredite zu sehr ermäßigten Zinssätzen bereitstellen, wodurch Exporteure ihren Kunden langfristige Zahlungsziele billig zugestehen können.

Österreich exportiert ein Viertel seines Nationalprodukts und mehr als die Hälfte seiner Industrieproduktion. Da einige seiner Industrien nichts oder nur wenig exportieren, bedeutet das, daß einige Zweige bis zu drei Viertel ihrer Erzeugung im Ausland verkaufen. In größeren Ländern setzen aber auch die Exporteure 60, 70 oder 80 Prozent ihrer Produktion im Inland ab.

Sie können daher Exporte zu „Grenzkosten" kalkulieren, nur das berechnen, was sie für diese an Material- und Lohnkosten aufwenden. Muß ein Unternehmen aber drei Viertel seiner Erzeugung exportieren, kann es nicht so kalkulieren. Je härter die internationale Konkurrenz, umso abhängiger werden somit die exportierenden Industrien kleinerer Länder von Staatssubventionen.

Auf der anderen Seite stehen die armen, verschuldeten Länder. Sie können nicht oder kaum die Zinsen ihrer Schulden und ihre notwendigsten Importe bezahlen. Gerne kauften sie mehr, ließe man sie das durch Waren, nicht durch „harte" Devisen bezahlen. Sie verzichteten dann oft auch auf längerfristige Zahlungsziele.

Damit decken sich die Interessen der kleinen, „reichen" Länder — wie Österreich — mit denen der armen. Für die einen wie die anderen sind Kompensationsgeschäfte der Ausweg. Beide erhielten ein wenig mehr für ihre Exporte, zahlten ein wenig mehr für ihre Importe. Aber die einen ersparten sich unsinnige Subventionen und die anderen könnten sofort — und nicht auf langen, zweifelhaften und riskanten Umwegen über internationale Finanzierungen — mehr ex- und importieren, besser leben und ihre Wirtschaft entwickeln.

Gewiß: Der freie Welthandel bleibt das Ideal. Bei durch Politik, Kapitalflucht, Regierungsinterventionen völlig verzerrten Währungsrelationen und verfälschten Konkurrenzbedingungen ist es aber besser, teilweise zu Kompensationsgeschäften zurückzukehren, als arme Länder verhungern zu lassen, und kleine, bisher relativ reiche, durch erbarmungslose Konkurrenzkämpfe auf den Weltmärkten zu ruinieren.

Österreichs Außenhandelspolitik sollte keineswegs radikal geändert werden. Nur — angesichts der gegebenen internationalen Lage — rechtzeitig etwas flexibler.

Der Autor ist Unternehmensberater.

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