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Literatur als Provokation. Eine Erregung

Jedes Jahr erscheinen in der Zeitung knapp nach Ostern, Pfingsten, Weihnachten und auch sonst mit schöner Regelmäßigkeit schreckenerregende Verkehrsunfallsbilanzen von Hunderten Toten und Tausenden Schwerverletzten. Und Jahr für Jahr findet man unter den Blutbadstatistiken händeringende Mahnungen und eindringliche Appelle des Kuratoriums für Verkehrssicherheit an die Autolenker, doch nüchterner, langsamer, verantwortungsbewußter, vorsichtiger und rücksichtsvoller zu fahren. Jahr für Jahr nützen die gutgemeinten Aufforderungen nicht das geringste. Aber das Kuratorium ist phantasielos und einsichtslos, verdrängt seine offensichtliche Inkompetenz und Überflüssigkeit und appelliert unbeirrt weiter.

Etwa analog funktioniert das Verhältnis zwischen Literatur und Wirklichkeit, zwischen Kunst und gesellschaftlicher Realität. Nachdem die unzähligen mehr oder weniger anerkannten „Gewissen der Nation" von ihren Schreibtischen und Klausen und Kanzeln aus jahrhundertelang geradezu dramatisch an dieser Realität vorbeigepredigt haben, sich im Gegenzug die globale Gewissenlosigkeit ins Gesicht schlagen lassen mußten und sich damit zu hochgradig paradoxen Gestalten degradiert haben, zu peinlichen Konkursmasseverwal-tern der Katharsis, ziehen nun immer mehr Dichter und Denker die Konsequenzen aus dem kaputten Globus und den stupiden Läuterungsvorschlä-

gen und Verbesserungsversuchen, legen die Hände demonstrativ postmoralisch in den Schoß, kündigen dem konventionellen Kuratorium für Ethik und wirken direkt aus der Perspektive des Katastrophilisten heraus, des Verbrechers, des Mörders, des Sadisten, des wütenden Autisten, des Fried-hofrowdys, des Kinderschänders et cetera. Die Welt selbst ist das Weltgericht, sagt Schopenhauer.

Negativität als Theraphie In der Psychoanalyse gibt es die Methode der „paradoxen Intervention", die der Therapeut als Ultima ratio bei dem Patienten anwendet, der sich partout nicht helfen lassen will und zum Beispiel auf seinen enervierenden Selbstmorddrohungen trotzig beharrt, indem sich der Therapeut schließlich für überfordert und hilflos erklärt und dem Patienten lakonisch zum Suicid rät, um so dessen Lebenswillen zu stimulieren. Der Therapeut, der Dichter verschreiben dem Patienten, dem Leser die Krankheit als Therapie. Nicht immer freilich gelingt der Zauber.

Indem die Literatur bei allen eventuellen Widerwärtigkeiten und Extremen ihrer Inhalte die Schrift der Tat, die Kunst dem Leben entgegensetzt, indem „kein Papierblut aus dem Papier herausfließt", gibt es überhaupt keine Literatur, die nicht ganz automatisch der Humanität verpflichtet wäre, Literatur ist Humanität, aber es gibt Literatur, die zu raffiniert für ihre Leser - und vor allem Nichtleser - ist und von verkrampften Pseudomorali-sten und nicht zu inkriminierenden Volksverführern sehr schnell skanda-lisiert wird. Als ob der Spiegel der Skandal wäre, den er zeigt. (Aber ich schreibe hier einen zwecklosen, absurden Essay.)

Nachdem es eine auf Romanzen und Gutherzigkeit und Nußkipferln und Menschenliebe und Heimattreue und Landschaftslob und Almenjodeln und Volkstanz und Sonnenuntergänge zusammengestutzte Literatur gegeben hat, die mit ihren Idyllen den Holocaust und den Massenmord und die Atombomben beim Fallen unterhalten hat, wurde anschließend die Freiheit der Kunst erfunden, der auch im Weltschmutz zu wühlen erlaubt ist, und bis heute wird nach Tunlich-keit die Frage vermieden, was Literatur darf und was nicht.

Die Literatur darf alles, außer wenn die Literatur keine Literatur ist. Sondern zum Beispiel Rundumschlägerei. Oder Nestbeschmutzung. Oder eine ärgerliche Sauerei. Oder verbale Jauche. Oder Pornographie. Was Literatur ist, weiß jeder Kuhhirt besser als die Literaten. Die Hintertür der Zensur. Wäre irgendeine Literatur aber tatsächlich Pornographie, dann verstünde ich die Volksempörung nicht, dann müßte doch jeder Landsmann, der eine Pomosammlung bei sich daheim versteckt hat, auch eine Bibliothek versteckt haben, dann dürften sich die Verleger doch nicht so vor belletristischen Projekten sträuben, dann dürfte der l iterarisdfhe Markt nicht in einem fort über die enormen Absatzschwierigkeiten jammern. Die Pornohändler machen bessere Geschäfte als die Buchhändler, die Zuhälter, nicht die Dichter brausen mit einem Sportwagen durch ihre allerliebste Heimat. Und sie haben weder Subventionen, noch Bachmannpre'ise nötig.

Im konkreten Fall Urs Allemann, der zumindest in Kärnten eine Kulturwut sondergleichen evoziert hat, treffen - glaube ich - alle diese Interpretationen noch nicht genau den Punkt: Es wird keiner beschrieben, der Babys fickt, sondern ein Eremit, der in dumpfer Ahnung seinerteleologischen Inferiorität in seiner Mansarde hockt und diesen extremen Satz formuliert und variiert. Der Text handelt gewiß nicht von Kinderschändung und Perversität und hat überhaupt nicht viel Realistisches, Naturalistisches, sondern steht in der besten Tradition Absurder Literatur.

Kritik an der Kritik Gegen Ende des Textes stülpen die Brüste der Baby weibchen Brüste aus. Faustdicke Beulen „Haben schloh-weisses Haar. Winzige Dörrgreise. Pergamenthaut. Knochenzunder. Andere stürben jetzt. Sterben aber nicht. Sterben nie. Werden nur älter. Würden, wenn ich sie ficken würde, auf der Stelle zerfallen. Ohne zu sterben. Alternd. Atmend. Zu Staub. Versteh ich nicht. Atmender Staub. Na na. Babystaubwolke." Dazu müßte man den Text freilich zuende lesen.

Das Lamento über Kritiker, die den Gegenstand ihrer Kritik nicht kennen, ist auch schon ein alter Hut in diesem Land. Ich habe Fred Dickermann, dem Literaturchef des Landesstudios Kärnten, auf der Fahrt zu einer Lesung nach Lienz vorgeschlagen, Allemanns Babyficker und vor allem die „Babystaubwolke" zu verfilmen, um meinen Kärntner Landsleuten die Borniertheit ihrer Empörung zu verdeutlichen. Tatsächlich hat die Jury völlig falsch entschieden, indem sie Urs Allemanns „Babyficker" den Zweiten Preis, den des Landes Kärnten zuerkannt hat - und nicht den Ersten Preis, den Hauptpreis, den Ingeborg-Bachmannpreis, denn per Volksentscheid ist längst klar, daß er, Allemann, und nicht Emine Sevgi Özda-mar, die incognito und offiziell gewonnen hat, die niemand auch nur dem Namen nach kennt und von der niemand etwas gehört oder gesagt oder gelesen hat, das Rennen gemacht hat. (Obwohl ihre Arbeit das fürchterliche Verb „ficken" der Trattnigschen Unkenntnis zum Trotz pikanter- und peinlicherweise ebenfalls enthält!).

In Kärnten, wo man trotz des supergesunden Volksempfindens vergeblich jemanden suchen wird, der fünf zeitgenössische Kärntner Dichter aufzählen kann, kennen den Namen Allemann mittlerweile alle Mann und sozusagen jedes Kind. Die Jury war überflüssig, das Volk kürt sich seine Helden und Tyrannen selber. Und Schlimmeres soll nicht passieren, als daß sich eventuell jemand im Grab umdreht, und sei es die hochmoralische Dichterin Ingeborg Bachmann, die sich von aberwitzigen Germanisten seit Jahrzehnten unterstellen lassen muß, daß die Hausnummern 6 und 9 in der Ungargasse in ihrem Roman „Malina" durchaus sexualsymbolisch und geradezu libidinös zu deuten seien. So ein Ferkel!

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