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Literatur von Hand zu Hand

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In Alpbach sprach die emigrierte russische Dichterin Natalja Gorbanevskaja über „Samisdat“, ein auf der Welt einmaliges Verbreitungssystem der in der Sowjetunion unterdrückten Literatur. Die Leser der sowjetischen Dichter, vor allem der Lyriker, beschränken sich nicht auf das Lesen, sie betätigen sich als Kopisten und sind damit Teil des größten illegalen Literaturverbreitungsgetriebes der Welt.

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In Alpbach sprach die emigrierte russische Dichterin Natalja Gorbanevskaja über „Samisdat“, ein auf der Welt einmaliges Verbreitungssystem der in der Sowjetunion unterdrückten Literatur. Die Leser der sowjetischen Dichter, vor allem der Lyriker, beschränken sich nicht auf das Lesen, sie betätigen sich als Kopisten und sind damit Teil des größten illegalen Literaturverbreitungsgetriebes der Welt.

Ich will versuchen, etwas über die Lage der Literatur und der Literaten in der Sowjetunion zu sagen, und zwar abseits dessen, was vor sich geht, wenn Literatur und Literaten in Lager gepfercht werden. Mehr noch, ich möchte eine Situation herausgreifen, die sich mir als die günstigste darstellt, diejenige des Lyrikers, des Dichters. Ich halte die Lage des Dichters für die allergünstig-ste, sowohl was die Bedingungen seines Schaffensprozesses angeht, als auch seine Beziehung zum Leser. Warum?

Was die Literatur an Material benötigt, ist im Vergleich zu anderen Kunstformen einfach, billig und leicht zu verarbeiten. Der Maler braucht Pinsel, Farben, Leinwand, Staffelei. Noch teurer und sperriger ist das Material des Bildhauers. Beide benötigen ein Atelier, sehr viel Zeit und physische Kraft. Um neue Werke zu schaffen, müssen sie die früheren verkaufen; sie brauchen Ausstellungen, diese aber verwaltet der Staat. Sie brauchen schließlich einfach einen Betrachter, einen Außenstehenden, Fremden, nicht nur einige Dutzend immer der gleichen Freunde und Freunde von Freunden, die zu ihnen ins Haus kommen. Die seltenen Ausstellungen der Nonkon-fonmisten geraten, da sie illegal oder haliblegal stattfinden, in eine Atmosphäre von Sensation und Skandal, wodurch sie eine tiefergehende, kontemplative Auseinandersetzung des Betrachters mit Bild oder Skulptur fast ausschließen.

Was den Scbaffensprozeß angeht, so mag es scheinen, als habe es der Komponist einfacher. Am Klavier oder am Tisch schreibt er seine Musik in Ruhe und seiner Inspiration folgend. Doch bleibt diese Musik un-aiufgeführt — und solcher Beispiele gibt es viele. Jahrelang werden in der Sowjetunion die Werke der begabten jungen Kiewer Schule eines Silvestron, Gratoovskij und anderer der Dodekaphonia und dergleichen Todsünden Angeklagter nicht gespielt — bleibt aber die geschriebene Musik unausgeführt, ist sie nicht nur für den Hörer nichtexistent, sondern auch dam Komponisten fehlt sie als reale klangliche Erfahrung, was zum Verlust der schöpferischen Maßstäbe führen kann, zur •musikalischen Graphomanie, vielleicht sogar zum Venlust des Antriebs zum Komponieren überhaupt

Ich spreche hier — wie auch im Zusammenhang mit anderen Kunstgattungen — niclrt von Fällen der Kapitulation, des Konformismus oder dem Einschwenken in die Geleise der offizialLen Kunst, die in ihrer Gesamtheit — von winzigen Ausnahmen abgesehen —i durch einen modrigen, spießigen sozio-rea-listischan Geschmack gekennzeichnet ist

Die Lage des nonkonformistischen Theaters und Films können Sie sich bereits vorstellen. Hier kann der einzelne überhaupt nichts ausrichten, alles gehört dem Staat. Deshalb kommt es vor, daß 'die besten Stücke gleich nach der Premiere abgesetzt werden, manchmal sogar schon vor der Premiere. Viele der besten Filme liegen im Archiv, sie kommen nicht in den Verleih oder erscheinen bis zur Unkenntlichkeit geschnitten. Ganz zu schweigen von Fällen, wo ein Stück oder Drehbuch kurzweg verboten wird.

So läuft alles darauf hinaus, daß wir es am leichtesten haben. Wir — die Schriftsteller, vor allem die Poeten. Wir sind am wenigsten gezwungen, uns au verkaufen. Papier, Bleistift, vielleicht sogar eine Schreibmaschine anschaffen — das

ist das ganze Problem. Wie Alexander Galitsch schreibt:

Die ,Erika' macht vier Kopien und damit basta und das reicht —. Es reicht, weil vier Kopien, wenn der Samisdat es will, sich in dutzen-de und hunderte verwandeln. Und wieder hat es der Dichter am leichtesten: Gedichte sind kein Roman, sie lassen sich am raschesten abtippen, im Lande verbreiten, auswendig lernen. Diese ihre mündliche Existenz, zu allen Zeiten eine natürliche Eigenschaft der Lyrik, wurde bei uns auch zu einem praktischen Vorzug ihrer Verbreitung und sogar — Erhaltung.

Anstelle einer Erläuterung, warum und welche Gedichte in den Samisdat gelangen und nicht in Dnuckerei und Buchhandlung, möchte ich die Geschichte eines solchen Falles von mündlicher Bewahrung lyrischer Dichtung wiedergeben. Die Geschichte beginnt zugegeben, nicht in unserer, sondern in jener weit schrecklicheren Zeit des allumfassenden Terrors, die man gewöhnlich „Stalinismus“ nennt. Doch hat diese Geschichte bis auf unsere Tage kein offizielles Happy-End gefunden.

In den Jahren 1935 bis 1940 schrieb Anna Achmatova, die zu den größten russischen Dichtem des 20. Jahrhunderts zählt, den Gedichtzyklus „Requiem“. Vielleicht hat jemand von Ihnen das „Requiem“ gelesen — es ist ja jetzt in vielen Ländern -und Sprachen greifbar. Damals aber wurden die Gedichte nicht nur nicht abgetippt, nicht nur nicht vervielfältigt, sie blieben nicht einmal im handschriftlichen Original erhalten. Lydia Tschukovskaja erzählt in ihren Erinnerungen, wie die Achmatova ihr neue Teile dieses Zyklus und andere Gedichte derselben Zeit vortrug, von denen beide wußten, daß man sie nicht aufheben durfte, zu groß war die Gefahr. Dabei waren es strenggenommen keine politischen Gedichte, sondern die tragische Lyrik einer Mutter, deren Sohn verhaftet worden war, einer Frau in den endlosen Schlangen vor den Gafängnistoren, einer Dichterin, die das Leid ihres ganzen Volkes sah und mitvollzog.

Anna Achmatova las ein neues Gedicht vor, manchmal kontrollierend, ob die Tschukovskaja alles gut behalten hatte, manchmal auf Kontrolle verzichtend, da sie sich auf das phänomenale Gedächtnis der Freundin verlassen konnte. Dann wurde das Blatt mit dem Gedicht an die Kerzenflamme geführt. „Ein feierlicher Begräbnisrdtus“, wie Achmatowa in einem ihrer Gedichte sagt. Das Gedächtnis der Achmatova, das Gedächtnis von Lydia Tschukovskaja und einiger Vertrauter bewahrten die Gedichte — bis Ende 1962! Dann erst schrieb Achmatova den Zyklus vollständig nieder und gestattete Abschriften. In einer der Moskauer Wohnungen, wo die Achmatova abstieg, wenn sie aus Leningrad kam, schrieb ich selbst das „Requiem“. Durch solche wie ich, durch unzählige Kopisten, verbreitete sich das „Requiem“ in dutaenden, humderten Exemplaren, gelangte in den Westen, wurde gedruckt — auf russisch und in anderen Sprachen, nur nacht in der Heimat — bis zum heutigen Tage nicht. Dort erschienen nur einzelne Gedichte, die sich abstraktlyrisch auslegen lassen. Und das, obwohl, ich möchte es wiederholen, das „Requiem“ kein politisches Werk ist, sondern ein lyrisches Zeugnis von der Tragik unserer Geschichte. Und obwohl jenes historische Phänomen gemeint ist, das offiziell als verurteilt und überwunden gilt, kann das heutige System, diese direkte Fortsetzung des von Lenin und Stalin geschaffenen, die Verbreitung eines solchen Zeugnisses nicht vertragen. Dank dem Samisdat lebt das „Requiem“ in Rußland und ist sehr bekannt. Doch ist nicht nur seine Drucklegung verboten, es “wird auch regelmäßig bei allen Hausdurchsuchungen konfisziert (bei mir holte man gerade jenes von mir selbst albgeschriebene Exemplar mit dem AutQgraph der Autorin). Und bei gerichtlichen Prozessen gilt das „Requiem“ bisweilen als Beweis „antisowjetischer Propaganda“. Nicht nur die Freiheit zu schreiben, sondern auch die Freiheit zu lesen kann bei uns mit Lager oder Irrenhaus bezahlt wenden.

Mehrmals bereits habe ich das Wort Samisdat verwendet — ich weiß, es ist auch in westliche Sprachen einigegangen. Wem es aber nicht vertraut ist, dem möchte ich erklären, daß es sich nicht um irgendeine Form von Verlag handelt, sondern um ein einfaches, primitives System der Verbreitung von Texten, die nicht verlegt werden können — aus Gründen der Zensur, der Ideologie, tja sogar des Stils. Die „Herausgeber“ des Samisdat sind die jeweiligen Autoren und fast jeder Leser. Du möchtest etwas anderes als den Kaugummi der offiziellen Literatur, in .'der nur ab und zu und unter großen Schwierigkeiten ein wahrhaftes' Werk erscheinen (kann? Bitte sehr, setz Dich an die Maschine und schreib sie ab, diese Erzählung, 'diese Gedichte oder diesen Artikel. Die restlichen Exemplare gibst Du Deinen Freunden, und sie ihrerseits werden Dir zu lesen geben, was sie abgeschrieben oder von jemanden erhalten haben. Vielleicht schenkt man Dir ein Exemplar — das ist selten, doch auf jeden Fall wirst Du es nicht allein lesen. Meistens wird man es Dir nur zum Lesen geben für eine ungewisse Zeit, für zwei, drei Tage, für eine Nacht. Das ist unser Samisdat. Stellen Sie sich vor, in Frankreich wäre Apollinaire jahrzehntelang unzugänglich oder in Deutschland Rilke. So aber war es in Rußland in der Mitte der fünfziger Jahre: Von den großen Dichtern des sogenannten „silbernen Zeitalters“ war mir Alexander Block erhältlich, Pasternak wurde kaum publiziert, CMebnikow nicht wiederverlegt, die Achmatova 20 Jahre nicht gedruckt — danach erschienen von ihr zwei kleine Gedichtsammlungen, und bald darauf eröffnete man gegen sie eine staatlich gelenkte Hetzkampagne .und sie wurde wieder nicht gedruckt. Verboten war selbst die Erwähnung des Namens Gumiljevs, den man er-

schossen .hatte, Mandelstamis, der im i Lager umgekommen war, der Zveta- i jeva, die sich umgebracht hatte. i

Knochen lagen unter der Erde, auf < der die folgenden Generationen her- < anwuchsen. Aus den meisten wurden : Marodeure, die auch heute in der sowjetischen Literatur die Macht der ' „triumphierenden Gemeinheit“ und j der schamlosen Propaganda ausüben. 1 Die Ehrlichtsten zogen sich ins . Schweigen zurück oder wurden, wie , sich Achmatova ausdrückt, „in die Übersetzung getrieben“. Die Arbeit i an Übersetzungen, nicht „aus Liebe“, . sondern um des Stückchens Brot willen, oft genug von Texten der gleichen, nur anderssprachigen Marodeure, entzog dem eigenen Schaffen den Saft. Daher brachten diese Generationen -r- von Ausnahmen abgesehen — keine wirklich freien Dichter hervor.

Solche Dichter traten erst wieder mit meiner Generation Ende der fünfziger Jahre auf. Es war dies eine Generation, von der Eruption des lyrischen Samisdat jener Zeit geformt. Alle vorher erwähnten Autoren lasen Wir in Maschinschriftkopien, wir schrieben sie weiter ab, wir lasen und tippten gegenseitig unsere Gedichte. Zum ersten Mal seit Bestehen der Sowjetmacht entstand etwas wie eine neue Dichterschule. Von der großen „russischen“ Dichtung des beginnenden 20. Jahrhunderts hatten wir nicht nur eine Poetik, sondern auch eine Ethik. Eben deshalb wurden so wenige von luns zu Marodeuren, wanderten so iwenige aib in die Prosperität des Offiziellen. Viele, die talentiert begonnen hatten, hörten ziu schreiben auf. Wenige konnten sich durch Zufall in der offiziell gedruckten Lyrik veran-tkem und bieten das Bild weißer Raben. Die Stärksten blieben Dichter des Samisdat. Als Dichterschule zerfiel unsere Generation, und das ist 'natürlich. Doch sie schenkte Rußland einen so großen Poeten wie Josif Brodskij — den ersten nach den Großen des „silbernen Zeitalters“. Sein Schicksal ist ein Beispiel für die Einstellung des reptiihaften offiziellen Litenaturbetriebes gegenüber allem Außerordentlichen. Allein in den letzten Jahren wurden aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen: Lydia Tschukovskaja, Vladimir Voj-novitsch, Alexander Solsehenizyn, die beute hier anwesenden Wladimir Maximow und Alexander Galitsch und andere.

Josif Brodskij war nie Mitglied des Schriftstellerverbanides. Brodskij trug in seinen Gedichten keinen ideologischen oder politischen Streit aus. Doch die metaphysische Tiefe seiner Lyrik stand im Widerspruch zu den

lligemeinen Normen einer ober-lächlich optimistischen Weltan-cbauung; seine komplizierte Poetik md schließlich sein Talent waren ine Herausforderung für die herr-chende Kaste grauer Mittelmäßigkeit in der sagenannten Sowjetdich-ung. Die Verfolgung Brodskijs be-;ann 'auf direktes Ersuchen des ^eningrader Schriftstellerverbandes. Ds war die Abrechnung mit einem ungen Dichter, der es wagte, eine :igene Stimme au haben, man rech-lete ab mit dem Liebling der achmatova, auf den sie zu Recht so ;roße Hoffnungen .gesetzt hatte. Die geniale und moralisch 'Ungebrochene \chmatova war für die Leningrader ^iteratenmaf ia ein lebender Vorwurf. Sine neue Hätz gegen sie war aus-&#187;eschlossen — so verfolgte man Brodskij. 1964 wurde der 24jährige als „Schmarotzer“ in die Verbannung geschickt. Heimgekehrt, war er dem bespann KGB-Schriftstellerverband abermals ein Dorn im Auge, obwohl =r kein „Dissident“ war, keine „antisowjetischen“ Gedichte verfaßte, leine Protestbriefe unterzeichnete, an keinen Demonstrationen teilnahm — er, der, vertieft in seinem lyrischen Laboratorium, der sogenannten „Politik“ immer fremd geblieben war. Er war einfach unabhängig, ein unabhängiger Dichter, ein unabhängiger Mensch: das war schon genug. Im Mai 1972 war der russische Dichter Josif Brodskij gezwungen, Rußland zu verlassen. .

Doch Brodskij lebt in Rußland weiter, seine Gedichte, alte wie neue, werden weiterhin im Samisdat verbreitet, so wie Poesie und Prosa anderer Schriftsteller, ob sie in Rußland oder in der Emigration leben. Die wahre russische Literatur — ein 'einheitliches, durch keine Staatsgrenzen trennbares Ganizes — ist eine lebendige Erscheinung. Sie lebt im Samisdat, in Büchern, die im Westen erscheinen, ganz selten einmal auf den Seiten sowjetischer Ausgaben. Von der Lage der Literatur in Rußland sprechen — das heißt, von jener zu neun Zehntel verbotenen Literatur sprechen, nicht aber über die Tonnen Makulatur der Beherrscher des sowjetischen literarischen Establishments.

Und wenn ich sage „Dolce vita des russischen Dichters“, ist das nicht bloß Ironie. Unser Leben ist in der Tat wundervoll: unsere Gedichte, sowie auch die Prosa unserer Schriftsteller, fallen nicht ins Leere und dienen auch nicht seichter Unterhaltung. Wir haben den besten Leser in der Welt, einen Leser, der auf jedes tiefe und wahre Wort anspricht und bereit ist, für dieses Wort sogar seine Freiheit au riskieren.

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