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Logik um jeden Preis

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Sie machten es sich alles andere als leicht: Sie tüftelten und deutelten an der Kunst nicht wenig herum. An kunstvoll gefügten Worten fehlte es denn auch nicht, um manchen Gemeinplätzen den intellektuellen Wortaufputz maßzuschnei-dern, und alles, was bis vor kurzem noch fraglich schien, als das Endgültigste der Welt ins Licht eines Systems zu rücken. Denn als die Ausstellung „Logische Kunst“ anläßlich des 2. Internationalen Wittgenstein-Symposions in Kirchberg am Wechsel noch dazu diente, das Spannungsfeld zwischen „analytischen Philosophen und den logischen Künstlern“ anzudeuten und ins Gespräch zu bringen, trug der Titel hoch ein Fragezeichen: „Logische Kunst?“

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Sie machten es sich alles andere als leicht: Sie tüftelten und deutelten an der Kunst nicht wenig herum. An kunstvoll gefügten Worten fehlte es denn auch nicht, um manchen Gemeinplätzen den intellektuellen Wortaufputz maßzuschnei-dern, und alles, was bis vor kurzem noch fraglich schien, als das Endgültigste der Welt ins Licht eines Systems zu rücken. Denn als die Ausstellung „Logische Kunst“ anläßlich des 2. Internationalen Wittgenstein-Symposions in Kirchberg am Wechsel noch dazu diente, das Spannungsfeld zwischen „analytischen Philosophen und den logischen Künstlern“ anzudeuten und ins Gespräch zu bringen, trug der Titel hoch ein Fragezeichen: „Logische Kunst?“

Und da standen noch nebeneinander die Sätze „Kunst ist logisch“ und „Kunst ist nicht logisch“. These und Antithese, Herausforderung zum Gespräch. So formuliert, schienen die Bemühungen um das Thema denkbar, möglich. Doch jetzt übersiedelte die Ausstellung in die Wiener Secession (wo sie bis 29. Jänner zu sehen ist). Und dafür glaubte die seit ihrer Gründung um die neue Kunst besonders verdiente Niederösterreich-Gesellschaft für Kunst und Kultur dem ganzen eine breitere Basis geben zu müssen.

„Logische Kunst“ - apodiktisch steht das jetzt da. Seiner Fragwürdigkeit und des Fragezeichens entkleidet, und dadurch im Gedankenahsatz nicht glaub-, sondern eher fragwürdiger geworden. Man hat die Schau auch vergrössert. Was nur irgendwie zu vereinnahmen war, wurde hereingeholt.

Ein jeder der Wiener „Gruppenpäpste“, Secessionschef Painitz, Galerieleiterin Insam, St. Stephan-Chef Oberhuber konnten den einen oder anderen ins Rennen bringen. Marc Adrian und Walter Angerer, Waltraud Cooper, Roland Goeschl, Hans Florey und Walter Kaitna, Kurt Kren und Painitz, Josef Pillhofer, der Photograph Thomas Reinhold, Hermann Stiegler und Peter Weibel wurden um den ebenfalls hereingeholten Joannis Avramidis gruppiert. Ein buntes Kunterbunt von geistig kunstvoll Zurechtgerücktem. Aber was haben hier dem Abstrakten zuneigende Bildhauer wie Pillhofer oder Angerer verloren, fragt sich jeder Betrachter? Was soll hier das tief in der Tradition verankerte Werk eines Avramidis, der sich zwar für seine Figuren ein spezifisches Konstruktionsverfahren erarbeitet hat, aber etwa zu Painitz' statistischem Verfahren oder mit Weibels sprachlogischen Transpositionen und raumplastischem Denken in keinen Zusammenhang zu rücken ist?

Das ist die Krux der Schau: Sie zeigt manches, aber belegen oder beweisen kann sie kaum etwas (oder auch natürlich alles). Was sie wirklich zustandebringt und dokumentiert, könnte sich freilich jeder auch selbst denken: daß logische Kräfte vor allem als Ordnungskräfte im künstlerischen Schaffensprozeß wirksam werden und wie weit Logik in der Kunst in den Bereich der Sprache verweist Oder, wie der Kunstkritiker Kristian Sotriffer in seinem Vorwort anmerkt: „Gibt es eine logische Phantasie oder eine phantastische Logik? Kunst hat mit Phantasie zu tun, aber ohne sie kommt auch der Logiker nicht weiter. Das erklärt, daß auch logisches Denken kein statisches ist. Seit Plato und Aristoteles hat es sich unentwegt fortentwik-kelt und auch die Künste befruchtet. Umgekehrt darf angenommen werden, daß der Kunst immanente Denkformen als Stimulans auch für theoretische Ordnungssucher Bedeutung haben können.“ Und so gesehen, kann man eigentlich nur jedem das Lesen des Katalogs empfehlen. Aber dazu braucht man die Ausstellung wirklich nicht.

Seit den frühen sechziger Jahren ist David Hockney einer der interessantesten Zeichner der europäischen Kunstszene. Sehr früh entwickelte er einen höchst raffinierten Stil als Zeichner, als Radierer, später auch als Maler. Einen Namen hat er sich zuerst im Reich des Pop, dann in der Spielart des Realismus gemacht, ohne daß man ihn allerdings hier oder dort eindeutig hätte fixieren können. Dazu war er eigentlich stets zu eigenwillig, zu originell. Ihm ein Etikett anzuhängen, hat er sich stets verbeten. Die Ausstellung von 75 seit 1960 entstandenen Zeichnungen und einigen seiner besten Radierungs- und Lithozyklen belegt das deutlich. „I paint(draw) what I like, where I like und when I like“, so hat er einmal seinen Arbeitsstil zusammengefaßt Und so bunt, originell, vielschichtig, schillernd und vieldeutig wirken auch diese hinreißend gezeichneten Arbeiten. Diese Porträts Peters, Mos, Christophers und wie die Freunde alle heißen, diese schmissig und mit provokant leuchtenden Bonbonfarben hingeworfenen Skizzen aus kalifornischen Gärten, Hollywood, Bangkok und Ägypten, die Bäume in Chateau des Carrennac oder die Palmen irgendwo in einer mondänen Jet-Set-Welt.

Ironie schwingt fein mit, wenn er der Bourgeoisie diskreten Charme scheinbar nachempfindet oder der Symbolik alter Märchen seine Pointen aufsetzt. Und viel ließe sich über seine eminent verfeinerte Porträtkunst sagen. Denn da hält er es wohl mit Va-lery, der von „gewolltem Sehen“ spricht, welches im Zeichnen Mittel und Ziel erblickt. Für Wien interessant ist jenes Blatt, das (wie soviele andere) wert wäre, der Albertina zu gehören: Da sitzt der große alte Kitaj, ein Freund Hockneys, vor der Wiener Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz (siehe Photos). Erinnerung an Kitaj s Wiener Zeit, an Hockneys häufige Wien-Aufenthalte. Es wäre Zeit, von diesem bedeutenden Mann der englischen Kunst für die Sammlungen der Albertina Wichtiges aus dem zeichnerischen Werk zu erwerben.

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