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Ludwigs „Barde“

Niederösterreichs Landeshauptmann Siegfried Ludwig läßt seit einiger Zeit seine politischen Großtaten von einem „Barden“ besingen. Ob im persönlichen Gespräch oder bei Pressekonferenzen: Eifrig verkündet dieser die Saga von der „Neuen ÖVP in Niederösterreich“, geschaffen vom keineswegs „gehürnten“ Siegfried.

Und pikanterweise ist der unermüdliche Sänger niemand anderer als der - durch Parteigericht unter LH Andreas Maurer aus der blau-gelben ÖVP ausgeschlossene - Ex-Bürgermeister von Melk, Kurt Wedl.

Ludwigs „Barde“ kann übrigens mit Walther von der Vogel weide jubeln: „Ich han min Lehen, all die Werlde!“ Denn Wedl wird im September einen sicher einträglichen Posten antreten: Er wird stellvertretender Geschäftsführer der Nö Umweltschutzanstalt. Unddie- ser Posten wird in Niederösterreich, wo ÖVP und SPÖ gemeinsam regieren, von der ÖVP besetzt.

Aber Wedl wird kein Landesbeamter (Beamtenposten werden in Nö seit Jänner öffentlich ausgeschrieben!). Und er hört auch nicht gern, daß er auf einem „Parteiposten“ gehievt wird. Er will als Fachmann gelten. Als Jurist und Verlagsmann sei er Fachmann in Verwaltungsfragen, erklärt er. Und als führenden Kopf (zumindest im Landtagswahlkampf 1979) einer Grünen Liste in Niederösterreich hält ihn die ÖVP offenbar für einen Umweltschutz- Fachmann ...

Nun,'in Wahrheit geht es der ÖVP und ihrem Chef Siegfried Ludwig weniger um den Umweltschützer Wedl, sondern um die rund 8000 Stimmen, die er ihr 1979 abspenstig gemacht hatte. Mit seiner Grünen Liste „Wahlgemeinschaft für Bürgerinitiativen und Umweltschutz Nö“ (WBU) hatte Wedl das Abwandern eines zweiten Mandates von der ÖVP zur SPÖ verursacht. In Niederösterfeichs Landtag steht es seither nur noch 29:27 für die ÖVP.

Kurt Wedls Kommentar zu diesem neuen Machtverhältnis: „Die ÖVP unter der Administration Maurer - Bernau hat eine Wähler-Wegwerfpolitik betrieben!“ Und an dem Bauern Andreas Maurer - Landeshauptmann von 1966 bis 1980 und VP-Landespartei- chef von 1975 bis 1980 - und Otto Bernau, Maurers Landesparteisekretär, läßt Wedl kaum ein gutes Haar.

In einem Interview mit dem linksextremen Wochenmagazin „Extrablatt“ führte Wedl eine ganze Liste „obrigkeitlicher und antidemokratischer Herrschaftsanmaßungen“ der Ära Maurer an. Und immer wieder betont Wedl, wie „versteinert“ die ÖVP und ihre Politik im Land unter der Enns unter Maurer und Bernau konzipiert war.

Ludwig dagegen wird als der „Befreier“ von dieser düsteren „schwarzen“ Demokratur in Niederösterreich gemalt.

Das hat seine Gründe.

Kurt Wedl „regierte“ von 1970 bis 1975 das Donaustädtchen Melk. Und er regierte zwar gut und mit mancher neuen Idee die Kommune, stieß aber durch seine Eigenwilligkeit und intellektuelle Überheblichkeit seine eigenen VP-Parteifreunde vor den Kopf.

Als er im Bundespräsidenten-Wahl- kampf Kirchschläger - Lugger ziemlich offen Kirchschläger als SP-Kandi- daten favorisierte, war dann das Maß voll. Der Parteistreit innerhalb der ÖVI* im Bezirk Melk eskalierte in einem Bruch.

Wedl gründete mit seinen Anhängern in der ÖVP eine „Wahlgemeinschaft Melk“, die noch heute mit sieben Sitzen im Melker Gemeinderat vertreten ist. Und übrigens fast nach den jüngsten Gemeinderatswahlen Melk einen „roten“ Bürgermeister beschert hätte. Denn in der Melker SPÖ (acht Mandate) wollte eine starke Gruppe mit der „Wahlgemeinschaft“ die 14 VP-Mandate niederstimmen ...

Kurt Wedl sitzt noch immer im Melker Gemeinderat. Gefährlicher als dort wurde er der ÖVP aber - wie bereits erwähnt - bei den Landtagswahlen 1979 durch seine WBU. Man spricht heute noch in Niederösterreich von einem „Wedl-Effekt“, der zu einem Fast-Erdrutschsieg der SPÖ geführt hätte.

Die VP konnte zwar mit zwei Mandaten Vorsprung die Mehrheit behaupten, doch - wie es LR Ernst Höger (SP) treffend ausdrückt: „Bei einem Zweiparteiensystem ist der Verlust eines weiteren Mandates soviel wie der Verlust von zwei Mandaten. Es entscheiden dann nur noch die Stimmen über die Mehrheit im Land.“

In der ÖVP weiß man um diese Situation. VP-Landesparteisekretär Walter Zimper: „Die Landtagswahlen 1984 werden Schicksalswahlen!“ Man scheut sich daher nicht, um jede nur mögliche Wählerstimme rechtzeitig zu werben. Nicht vielleicht so sehr, weil man wirklich um den Verlust der Mehrheit fürchtet. Diese Angst hat der „Blitzstart“ Ludwigs als Landeshauptmann zerstreut.

Aber man braucht einen „Supersieg“, der die Ablöse des Bauernbundes (Maurer) durch den ÖAAB (Ludwig) an der Landesspitze rechtfertigt. Das alte Team muß als „verbraucht und abgenutzt“ (so immer wieder Zimper) ausgewiesen werden.

Ludwig und Zimper wollen Wedl natürlich nicht in die Volkspartei zurückholen. Zimper: „Einer, der aus der Ferne das Lob Ludwigs singt, ist viel einträglicher.“

Und Kurt Wedl, der als Umweltschutzfachmann im Auftrag Ludwigs nun die Möglichkeit der Gründung einer „Akademie für Umweltschutz und alternative Energien“ prüft, singt dieses Lob.

Obwohl Wedl nicht sagen kann, wie viele „Divisionen“ seines „liberal-bürgerlichen Lagers“ (Wedl) ihm noch zur Verfügung stehen, mischt sich in sein Lied manchmal ein drohender Unterton. Dann etwa, wenn er, der derzeit nicht mehr bei Landtagswahlen kandidieren will, erklärt: „Wenn die ÖVP in den alten Schlendrian verfällt, muß man überlegen, ob man die zerstreuten Bataillone nicht wieder sammelt...“

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