7013955-1988_19_14.jpg
Digital In Arbeit

Luft aus Heiligem Land

Für jenen Landstrich zwischen dem Mittelmeer im Westen und der Jordan- und Arawasenke im Osten, zwischen den Jordanquellen im Norden und dem „Bach Ägyptens“ im Süden (Wadi el Arish), in dem vor 40 Jahren der Staat Israel ausgerufen wurde, dürfte der Ausspruch Napoleons, daß die Geographie Geschichte sei, zutreffend sein.

Die Brücke zwischen Asien und Afrika diente Nomaden, Heeren der Pharaonen, Armeen der Herrscher Mesopotamiens, Legionen Roms, byzantinischen Söldnern,

Kreuzrittern und türkischen Ja-nitscharen als Durchzugsland und Stützpunkt.

Dieser geschichtsträchtige Landstrich entspricht dem Gebiet des „Heiligen Landes“ mit den Heiligtümern dreier großer Weltreligionen (den sogenannten Buchreligionen). So liegt unter der jeweils gewaltsam übergestülpten, politisch-militärischen Decke eine ganz andere, seit über 1600 Jahren aus Reiseberichten bekannte Schicht - das im weitesten Sinn religiös bestimmte Ziel: das „Heilige Land“.

Es ist bis heute Schauplatz vieler Einzel- und Gruppenreisender geblieben. Ja vielleicht haben die Einwanderung vom Hitler-Faschismus verschont gebliebener Juden, die Gründung des Staates Israel, Reiseerleichterungen und die israelische Werbung um Touristen geradezu eine Reisewelle in den letzten Dezennien ausgelöst. Sehen doch auch viele Christen in diesem Reiseziel eine neue Chance der Begegnung mit dem Judentum, der Wurzel ihres Glaubens, und mit ihren Schwesterkirchen im Orient.

Nun sind die Beweggründe für Reisen ins „Heilige Land“ nicht allein vom Dialoggedanken zum Judentum und von christlicher Ökumene getragen, sondern unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Ins „Heilige Land“ fahren: Gläubige, Fromme und Wißbegierige ebenso wie Ungläubige, Frömmelnde und Ignoranten. Vom Interesse her trifft man Mönch und Kaufmann, einen aufgeklärten, bürgerlichen Forscher und einen neugierigen Politiker, einen einfachen Pilger und einen reisenden Autor. Als Reiseleiter des Bibelwerks konnte ich schon etliche Gruppen ins „Heilige Land“ begleiten und feststellen, welch unterschiedliches Reisepublikum auf traditionellen Pilgerwegen dahinzieht oder gezogen wird.

T Ein „frommer Pilger“ begibt sich an „spirituelle Plätze zur Bereicherung und Erwärmung des Herzens“. Diese Aussage hat eine lange Gültigkeit und trifft sogar heute noch zu. Den herkömmlichen Püger interessieren weder Orte, noch Geschichte, noch die Bibel, noch die heute in Israel lebenden Menschen, sondern nur durch Christus, die Apostel und Maria geheiligte Plätze, die mit bekannten Kirchenliedern korrespondieren.

Diesem frommen Typ entspricht der „weltliche Püger“: er sucht den „imaginären Orient“, so wie er sich ihn vorstellt - Reise als Ereignis des Innenlebens. Vorurteile, Sympathien und Antipathien sind im Gepäck, Beobachtungen und Begegnungen dienen als Bestätigungen. Der alsbaldigen

Ernüchterung folgt die Enttäuschung.

Selbst im „Heiligen Land“ gibt es tägliches Leben—wer hätte das gedacht? Welch hehre Gefühle hatte er doch beim Betreten des „Heiligen Landes“, und jetzt findet er eine ganz normale Gegend mit fleißigen Bauern und Handwerkern, Kaufleuten und Beamten vor. Es gibt Busse und Straßen und sogar eine Eisenbahn - natürlich alles nicht so ordentlich wie zu Hause.

Da hakt der um die märchenhaften Vorstellungen betrogene Reisende ein und tröstet sich mit guten Vorschlägen: man könnte verbessern, verschönern und modernisieren. So wurde und wird der noch vorhandenen morgenländischen Wirklichkeit ein abendländisches Wunschbild aufgepfropft.

Dem wird von israelischer Seite entsprochen, denn: was man sieht, hört und was durch den Darm geht, muß eurö-amerikanisch sein. So gelingt es dem als Romantiker ausgezogenen „weltlichen Püger“, der von zu Hause exportierten Fäulnis anderswo zu begegnen. Und die importierte Dummheit holt ihn spätestens im Souvenirladen ein, wo er Luft vom Heiligen Land in der Konservendose von der Firma „Luftgescheft“ kaufen kann — natürlich erst zu Hause zu öffnen (entsprechend einem rabbinischen Wort: die Luft des „Heiligen Landes“ macht weise)! Was sind dagegen Sand und Jordanwasser—die traditionellen Mitbringsel?

Zu einer anderen Gruppe gehören die „neugierigen Püger“, die religiösen Sozialtouristen, die schon die neuzeitlichen Wallfahrtsorte abgegrast haben. Neugier ist eine äußerst produktive Triebfeder, kann aber Blüten seltsamster Art treiben. So stürmen sie bestimmte Heilige Stätten in Eroberungsmanier und benutzen die Bibel wie einen Reisebericht aus dem vorigen Jahrhundert. Sie suchen auch das

Schlachtfeld, wo David den Stein gegen Goliat schleuderte, die Straße, auf der Jesus wandelte, und den Platz der Brotvermehrung. Wirkungs- und Kulturgeschichte werden für sie zu einem unbedeutenden Einerlei.

Die neugierigen Püger — vergleichbar den Bildungstouristen — möchten zwar alles wissen, was sie eh schon wissen. Das Neue sollte aber ihren religiösen Horizont nicht übersteigen.

Eine kleine Zahl von älteren Reisenden männlichen Geschlechts interessiert sich überhaupt nicht für biblische Orte oder Geschehen. Was an kulturgeschichtlichen Meisterwerken vorhanden ist, halten „die Herren“ für ohnedies sehr bescheiden, gemessen an Griechenland, Ägypten, Syrien oder Jordanien. Sie interessieren sich für die Aufbauleistungen der Israelis, die Wüstenstädte und Kibbuzim, wenn auch im besetzten Gebiet, und vor allem die militärische Tüchtigkeit Israels.

Wie vielen alten Herren drängt sich ein Vergleich mit der deutschen Wehrmacht auf und sie beginnen — nicht bedenkend, wo sie sind — von glorreichen Zeiten zu schwärmen. Leider helfen noch manche israelische Reiseleiter von ihrer Seite nach - die meisten von ihnen sind einschlägig ausge-büdet. Sie lassen den Pilgern an den Heiligen Stätten volle religiöse Freiheit, die politische Arbeit erledigen sie im Autobus. Das ergibt eine wunderbare Mischung aus religiösem Glassturz und versteckter Propaganda.

Bei den vom Bibelwerk durchgeführten Reisen gut die Bibel als Reiseführer, Kommentar und Verständnishüfe des „Heüigen Landes“ in Zusammenhang mit Kultur- und Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart. Die Nicht-Objektivierbarkeit der aktuellen Politik läßt am Abend beim Stammtisch grüßen.

Der Autor ist Mitarbeiter beim Osterreichischen Katholischen Bibelwerk.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau