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Maria aus der Sicht der Bibel

Die Bibel und mit ihr die Kirche verstehen Maria als eine Frau, die eine besondere, aber nicht die erste Bedeutung im Plan Gottes hat. Gemessen an den ausführlichen Zeugnissen der Evangelien über Jesus kommt Maria selten vor. Das Bild, das die Bibel von ihr zeichnet, ist im einzelnen wenig ausgeführt und nicht ohne Unklarheiten. Einmal ist Maria die Wissende; dann wieder versteht sie nicht, jedenfalls offenbar weniger als manche andere. In eine alte Erinnerung an das Mädchen von Nazaret wird im Zug der Überlieferung das Gesamtbild, das man von Maria aus dem Ganzen ihres Lebens gewonnen hatte, eingebracht. Bestimmend ist dabei die Größe des Sohnes und die Überzeugung: Die Frau aus Nazaret ist Urbild des Glaubens.

Der Engel kommt zu Maria und bringt ihr die Botschaft, daß sie Jesus empfangen soll (Lk 1,26-38). Höhepunkt des Textes, in dem die biblischen Sprechweisen von Erscheinungs-, Berufungsund Verkündigungstexten miteinander verbunden sind, ist die Verheißung der Zukunft des Kindes (V. 32—33). Christen zur Zeit des Lukas (um das Jahr 90) bezeugen in der Sprache alttestamentli- cher Messiaserwartung: In Jesus, der ihnen als Auferstandener neu geschenkt ist, erfüllen sich die größten Hoffnungen ihres Volkes. Auch Maria begann wohl erst seit Ostern echt zu verstehen.

Jedem Glaubenden gilt die Zusage: „Ich bin mit euch“ , „Ich bin mit dir“ ; jeder ist eingeladen, wie Maria Gottes Ruf zu antworten. Und doch wird in besonderer

Weise von Maria aus Nazaret gesprochen. Die meisten Berufungserzählungen der Bibel fassen (im nachhinein) zusammen, wovon ein Berufener gelebt hat, worin er zeit seines Daseins gewachsen ist. In ihrer Jugend hat sie wohl eine besondere Sternstunde erfahren, ein Getroffensein von Gott; sie war bereit, dem Ruf zu folgen. Was damals genau geschehen ist, wissen wir nicht. Wo ich im Inneren angerührt bin, dort versagen die Worte, eigene und erst recht fremde. Lukas lädt durch sein geistgewirktes Kunst-

werk ein, die tiefere Wahrheit dieses Textes zu ahnen: Es ist eine Wahrheit des Herzens, die nicht auf der Ebene vordergründiger Berichterstattung liegt. •

Berufung ist lebenslanges Ereignis. Das anfängliche Starterlebnis hat Maria wohl auf den Weg gesetzt; aber das weitere Suchen nach der Gestalt ihrer Berufung war ihr nicht erspart. Eine glaubende Jüdin der Zeitenwende erfährt sich als Mutter des erhofften Messias: Traum vieler Jüdinnen jener Zeit. Die Wirklichkeit ist oft anders als der Traum. Wie Jesus und seine Freunde war auch Maria von Erwartungen und Vorstellungen jener Zeit geprägt. Es ist nur zu verständlich, daß seine Entwicklung ihr Schwierigkeiten bereitet; einen ersten, knappen Hinweis darauf bietet Lukas, wenn er vom Konflikt des heran- wachsenden Jesus mit seinen Eltern berichtet (Lk 2,41-52).

Noch schwerer mag es für sie gewesen sein, sein öffentliches Auftreten mitzuerleben. Das war zu unvernünftig, zu gefährlich! Jesus selbst mußte bis zuletzt um die Gestalt seiner Sendung ringen; das galt wohl auch und noch mehr für Maria. Sie ist nicht immer die fromme, ergebene „Gottesmutter“ . Sie kann aufbegeh- ren, gegen ihn rebellieren (Mk 3,20—21.31—35). Aber sie geht ihren Weg weiter. Oft mag sie geschwankt haben zwischen der Faszination ihres so einmaligen Sohnes und dem Leid über die Entfremdung zwischen ihm und ihr, zwischen ihm und den Führern seines Volkes. Besonders schmerzlich war für sie wohl, daß andere, die ihr fremd waren (seine Jünger), seine engsten Vertrauten wurden. Sie blieb abseits; Los vieler Mütter.

In der inhaltsreichen Szene der Hochzeit zu Kana zeigt der Evangelist Johannes, daß Maria mit Jesus der „Stunde“ , das heißt dem Willen des Vaters, unterworfen ist (Joh 2,1-12; v.a.V.4). Symbolträchtig faßt er Marias Leben zusammen, wenn er sie mit dem Lieblingsjünger in der Todesszene darstellt (Joh 19,25—27). Das Kreuz gehört zu ihrem Leben. Sie ist den Weg bis zur Neige in Treue gegangen. So ist sie Urbild der Gemeinde. Nach Ostern begleitet die Mutter das Werk ihres Sohnes in die Zukunft (Apg 1,14). Wieder bleibt sie im Hintergrund. Nur die Legende weiß mehr von ihr zu erzählen - und Menschen, die von ihr glauben lernen.

Die Autorin ist katholische Theologin in Wien.

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