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Marksteine der Palästinenser

Im Grunde begannen arabische politische Strategien in Palästina als Reaktion auf zionistische Ansprüche auf eben dieses Land, das vor dem Ersten Weltkrieg zu drei Provinzen des osmanischen Reiches gehörte, also keine geographisch-politische Einheit darstellte. Auch die zionistischen territorialen Vorstellungen bezogen sich nicht immer auf das gleiche Gebiet.

Einen ersten Markstein der Entwicklung bildet das Ende des osmanischen Reiches und der Beginn der britischen Mandatsherrschaft. Durch Großbritannien wurden die Grenzen neu gezogen imd ,J>alästina“ als territorialpolitische Einheit geschaffen. Für die arabischen Bewohner bedeutete dieser Schritt zunächst eine Enttäuschung ihrer Hoffnungen auf ein vereinigtes arabisches Königreich.

Eine weitere Enttäuschung bedeutete die Balfour-Deklaration (1917), als die britische Regierung ein Land, über das sie (noch) nicht verfügte, einem Volk, das im Prinzip (noch) nicht dort lebte, versprach. Jedenfalls sahen sich die palästinensisch-arabischen Führungsschichten ab etwa 1920 genötigt, ihre politischen Unabhängigkeitsbestrebungen auf das nunmehrige Mandatsgebiet zu konzentrieren.

Es entstanden einerseits (meist halb feudale) Vereinigungen und Strukturen, die mit den Zionisten um politische Ansprüche im Land beziehungsweise auf das Land wetteiferten, andererseits kamen auch (meist) bäuerliche Massen in Bewegung, entweder weil Boden an Zionisten verkauft wurde und sie ihren Lebensunterhalt verloren oder weil sie angesichts der zionistischen Pläne eine Eska- • lation solcher Vorgänge befürchteten. Die klassischen Forderungen der palästinensischen Nationalbewegung waren: Beendigung von Einwanderung und Bodenerwerb durch die Zionisten, Unabhängigkeit auf der Grundlage der vorhandenen Mehrheitsverhältnisse.

Den zweiten Markstein bildeten die Jahre 1947/48. Die in den Augen der Welt nach dem Holokaust legitim erscheinenden Ansprüche auf einen jüdischen Staat ziunin-dest in einem Teil Palästinas mußten den arabischen Einwohnern als ohne ihre Schuld zustande gekommene Eskalation des sowieso schon abgelehnten und bekämpften Usurpationsprozesses ihres Landes vorkommen. In den nach der UN-Teilungsresolution (November 1947) aufflammenden bürgerkriegsähnlichen Unruhen und im regulären Krieg, der dem Abzug der Briten und der Ausrufung des Staates Israel (Mai 1948, FURCHE-Dossier 19/1988) folgte, kam es zu umfangreichen Fluchtbewegungen und Vertreibungen der palästinensischen Araber.

Ihre ganze Infrastruktur brach zusammen, ihre Heimat ging verloren, ihre politischen Anliegen gerieten in Vergessenheit. Das für sie vorgesehene Gebiet Palästinas wurde zwischen Israel und Jordanien aufgeteilt.

Palästinensische Aktivität machte sich „nur“ in zwei Formen bemerkbar. Erstens: Grenzüberschreitende Uberfälle der sogenannten Feddajin, bei denen es sich häufig um Bauern handelte, die zu ihrer Habe zurückgelangen wollten. Zweitens: Beteiligung palästinensischer Intellektueller an gesamtarabischen Bewegungen.

Die Hoffnungen, auf dem Weg der Baath-Ideologie oder des Nasserismus auch zur „Befreiung Palästinas“ zu gelangen, endeten mit der arabischen Niederlage 1967.

Diese ist als dritter Markstein in der Entwicklung zu bezeichnen. Schon vorher waren einige palästinensische Aktivisten zur Ansicht gelangt, nur auf die eigenen Kräfte bauen zu können. Die PLO entstand 1964, die wichtigste Teil-organisation AI Fatah von Jassir Arafat begann ihre bewaffneten Operationen 1965. Aber erst die Enttäuschung über die arabische Niederlage und die israelische Besetzung Restpalästinas führten zum Aufschwung einer breiten Widerstandsbewegung. Die Übernahme der PLO durch Arafat (1969) kann als Symptom für die relative Unabhängigkeit der Bewegung von arabischen Regimen angesehen werden.

Die „Charta“ der PLO (1964, 1968 leicht revidiert) versucht in erster Linie Flüchtlings-Interessen auszudrücken: Rückkehr auch im Sinne einer Rückgängigmachung der Ergebnisse des Zionismus in Palästina, das heißt des Staates Israel. Verständlich, daß dieses Ziel nur auf dem Wege eines bewaffneten Kampfes erreichbar schien. Die Autoren der Charta hatten keine Vorstellung einer Einbeziehung der nun einmal bestehenden jüdisch-israelif sehen Bevölkerung.

Der Aufschwung 1969 erlaubte eine Neuformulierung: Nun wurde ein „demokratischer, weltlicher Staat für Christen, Moslems und Juden“ angestrebt.

Den vierten Wendepunkt, der mehr oder weniger zur gegenwärtigen Programmatik führt, muß man in den Jahren 1973/74 ansetzen. Die Anerkennung der PLO als einzige legitime Vertretung des palästinensischen Volkes durch die arabische Gipfelkonferenz von Rabat (1974) ebnete einen Weg zur Formulierung von Strategien, die weder diplomatische Bemiihungen noch die „Befreiung“ eines Teiles von Palästina ausschlössen.

Diese Wendung unterstreichend, kam es im Gefolge von Rückschlägen der bewaffneten palästinensischen Diaspora (Libanon 1976, 1982, 19P3) zu einer stärkeren Berücksichtigung der 1967 besetzten Gebiete durch die PLO-Führung. Dort war es den Israelis trotz Siedlungspolitik und Repression nicht gelungen, den Widerstand der Bevölkerung zu brechen.

Obwohl die gegenwärtige Linie der PLO-Führung im Prinzip schon mehrere Jahre lang verfochten wurde, entstand erst durch die Intifada ein verstärktes lokales und internationales Interesse, die PLO in diplomatische Bemühungen einzubeziehen; besonders nachdem König Hussein seinen Anspruch auf die besetzten Gebiete zurückgezogen hatte.

Sicher haben die Unabhängigkeitserklärung von Algier (15. November 1988) und die Aufnahme eines Dialogs USA-PLO (14. Dezember 1988) dem Anliegen der Palästinenser genützt. Die Vor-stellimg aber, Israel könne von einer Welt-Koalition zur Teilnahme an einer internationalen Friedenskonferenz bewogen oder gezwungen werden, scheint so lang illusionär, als nicht durch vorbereitende Schritte ein minimaler Konsens zwischen Israel und den Palästinensern erreicht wird.

Der Konflikt entzieht sich nämlich einer einfachen diplomatischen Lösung. Es geht nicht nur um Territoriimi, sondern primär um Existenz, Legitimität und Identität der beiden ursprünglichen Kontrahenten.

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