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Markt allein genügt nicht

Wirtschaftsethik: Ein wichtiges Thema in einer Zeit, in der vieles - auch in der Wirtschaft - fragwürdig wird. Bei einem Symposium der Bundeswirtschaftskammer wurde nach Antworten gesucht.

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Das ist Teil des modernen Selbstverständnisses. Damit ist im Grunde genommen ausgesagt, daß jeder das Recht hat, seine Ziel- und Wertvorstellungen nach eigenem Gutdünken zu entwickeln und zu verwirklichen.

Wie unterschiedlich solche Optionen ausfallen können, zeigt ein

Blick auf die ethischen Systeme, die in den vergangenen Jahrhunderten in unserem Kulturkreis entwickelt worden sind.

So sah Thomas Hobbes die Selbsterhaltung als oberstes Gut und die Moral als Ausfluß eines egoistischen Kalküls zur Verhinderung des Kriegs aller gegen alle an. Er sei damit ein Vordenker des Kapitalismus gewesen, stellte Ewald Waibl, Innsbrucker Dozent für Philosophie, in einem tJber-blicksreferat fest.

„Schade niemandem und hilf jedem, soviel du kannst!" ist hingegen der moralische Imperativ von Schopenhauers Mitleidsethik. Die Utilitaristen wiederum gingen von der Vorstellung aus.

das größte Glück für die Allgemeinheit sei die Grundlage für Entscheidungen. Dabei dürften einzelne allerdings ruhig durch die Finger schauen.

Das sind nur einige der vielen ethischen Ansätze. Bis in die Gegenwart wurden neue entwickelt: So die Verantwortungsethik von Hans Jonas, für den die Sicherung des Uberlebens Priorität hat (FURCHE 43/1986).

Jeder Ansatz baut auf einer Vorstellung vom Wesen des Menschen auf. Und jedes System versucht, diese „Grundwahrheit" schlüssig zu entfalten. Fragt sich nur: Sind alle diese Wahrheiten gleich „wahr"? Darüber traut sich heute kaum jemand eine Aussage zu. Von den Teilnehmern des Symposiums (hauptsächlich der Wirtschaft nahestehende Personen) gab es diesbezüglich jedenfalls keine Antwort.

Wo über das Wesen des Menschen und den Sinn seines Lebens keine Ubereinstimmung herrscht, wird die Ausrichtung gemeinschaftlichen Tuns zum Problem. Es erscheint naheliegend, sich auf gemeinsame „Spielregeln", die letzte Sinnfragen ausklammern, zu einigen.

Wolfgang Schmitz, ehemaliger Nationalbankpräsident, wies auf die Notwendigkeit einer Ordnungspolitik, die auf einem ethischen Minimalkonsens der Beteiligten aufbaut, hin. Voraussetzung sei die Einhaltung von Spielregeln wie: Verträge einhalten, Privateigentum anerkennen, parlamentarische Mehrheitsentscheidungen respektieren…

Auf dieser Grundlage haben die westlichen Industrieländer das System der Sozialen Marktwirtschaft entwickelt. Es hat sich - jedenfalls im Vergleich zur zentralen Planwirtschaft im Ostblock — in vieler Hinsicht gut bewährt. Ist es deswegen aber der objektiv einzig angemessene Zugang zur Lösung menschlicher Versorgung? Ist es tatsächlich so wertneutral, wie es oft dargestellt wird?

Vielfach werden den Grundsätzen unseres Wirtschaftens wie Effizienzsteigerung, Wachstum, Wettbewerb oder Rationalisierung derselbe Stellenwert beigemessen wie Naturgesetzen. Sind sie also mit jedem Menschen- und Weltbild unbegrenzt vereinbar?

In einem der Referate des Symposiums versuchte ich aufzuzeigen, daß die Prämissen unseres Wirtschaftens durchaus wertgeladen sind. Das beginnt schon bei der Rechtfertigung wirtschaftlichen Tuns, beim Konsum: Konsumieren ist gut, je mehr umso besser ist ein Postulat, auf dem unsere auf Wachstum ausgerichteten wirtschaftspolitischen Bemühungen aufbauen. Diese Annahme räumt alle Grenzen für wirtschaftliche Expansion weg.

, Der beste Weg, die Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen und zu befriedigen, sei das freie Spiel der Kräfte, ist eine weitere Annahme. Im Kampf werden die besten Lösungen gefunden. Also: Setz dich durch, du tust damit das Beste für die Allgemeinheit, lautet die Parole. Wer auf der Strecke bleibt, wird im sozialen Netz aufgefangen.

Und die Richtung der Bemühung? Steigerung der Effizienz. Also: Verbessere das Verhältnis von Leistung und Anstrengung. Was zwei tun können, sollten nicht drei machen; was die Maschine kann, soll der Mensch sein lassen.

Der wirksamste Weg dorthin ist

Es geht von der Vorstellung aus, der Mensch sei vor allem ein unbeschränkt genußsüchtiges, egoistisches, auf kämpferisches Durchsetzen ausgerichtetes Verstandeswesen.

Es stimmt fraglos, daß jedermann diese Facetten an sich entdecken kann. Den ganzen Menschen afcer — und vor allem seine besten Seiten - beschreiben sie nicht.

Diese einseitige Festlegung hat aber Konsequenzen. Denn das System wirkt auf den Menschen zurück: Es fördert den Typ, von dem es ausgeht. Untersuchungen über Manager zeigen das deutlich. Sie müssen primär entschieden, aggressiv, produktiv, energisch sein. Wichtig ist ihnen ihre Karriere. Sie neigen zu Opportunismus, wie eine Untersuchung von Paul Zulehner ergeben hat.

Nicht nur die Exponenten der Wirtschaft sind betroffen. Wir alle geraten in den Sog des Modells: Vorrang für Konsum, Funktion, Image, Karriere …

In unserem gegenwärtigen System kommen Solidarität und die Rationalisierung, also die Durchdringung mit der menschlichen Vernunft. Je rechenbarer, durchschaubarer und somit leichter zu steuern, umso besser, ist eine weitere scheinbare Selbstverständlichkeit.

Noch einmal: Die Verwirklichung dieser Prinzipien hat ihre Meriten gehabt. In den Industrieländern hat die materielle Not weiter Kreise der Bevölkerung einer Situation des weitverbreiteten Wohlstands Platz gemacht. Rechtfertigt dieser Erfolg aber die unbeirrte Fortsetzung dieses Wegs?

Eines muß uns klar sein: Das Modell ist durchaus nicht neutral.

Kooperation zu kurz. Sie gilt es, heute ordnungspolitisch zu fördern.

Um diese Forderung entspann sich eine heftige Debatte. Den meisten Ökonomen erscheinen nämlich Effizienz und Wettbewerb wertneutral. „Ein Unternehmer, der sich dem Wettbewerb stellt, tut genug für die Humanität", war in der Diskussion zu hören. Es genügt, auf die Not in der Dritten Welt und auf unsere Umweltmisere zu schauen, um zu erkennen, daß Markt — trotz all seiner Meriten — allein nicht genügt.

Das Symposium fand vom 18. bis 20. M&rz in Baden bei Wien statt

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