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Maßlosigkeit und Süchtigkeit

1945 1960 1980 2000 2020

In Salzburg fand Ende Juli die 29. Internationale Pädagogische Werktagung mit dem Generalthema,,Das rechte Maß" statt. In Vorträgen und Arbeitskreisen wurde dieses in der heutigen Zeit so aktuelle Thema ausführlich behandelt. Die FURCHE bringt A uszüge aus dem Vortrag von Univ.-Prof Asperger, ehemals Vorstand der Kinderklinik an der Universität Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

In Salzburg fand Ende Juli die 29. Internationale Pädagogische Werktagung mit dem Generalthema,,Das rechte Maß" statt. In Vorträgen und Arbeitskreisen wurde dieses in der heutigen Zeit so aktuelle Thema ausführlich behandelt. Die FURCHE bringt A uszüge aus dem Vortrag von Univ.-Prof Asperger, ehemals Vorstand der Kinderklinik an der Universität Wien.

Immer ist der Mensch in Gefahr, das Maß zu verlieren. Das ist in seiner Existenz tief begründet. Immer ist die Jugend in besonderem Maß in dieser Gefahr; und heute ist das in höchster Ausprägung der Fall.

Die Vorgänge, in denen sich im jungen Menschen Neues anbildet, körperlich (vor allem hormonell) und geistig (grundlegende Umstrukturierung des Selbstbewußtseins); haben etwas Rauschhaftesansichundwerdenvonden Jungen auch so erlebt: „Jugend ist Trunkenheit ohne Wein", so heißt es von alters her. Ein Maß wird da nicht gesucht und nicht gefunden. Erzieher sollten verstehen, daß bei den extremen Gegensätzen, die sich in der Pubertät im jungen Menschen abspielen, ein Maß kaum gefordert werden darf.

Noch ein Faktum ist zu besprechen: So weit wir in der menschlichen Geschichte zurückschauen und die Länder der Erde überblicken können, immer finden wir das leidenschaftliche Bestreben, im Rausch ekstatisch aus sich herauszutreten (das heißt ja eben „Ekstase"), sich darin zu überhöhen, ja das menschliche Bewußtsein zu erweitern.

Es ist sicher, daß der Rausch bei genial veranlagten Menschen - und daraufkommt es sicher an! - schöpferische Impulse zu wecken vermag, ja daß manche Genies nur im Rausch zu schaffen vermochten. Nur-genial wird man durch den Rausch nicht!

Wir haben bisher die allgemein menschlichen Kriterien besprochen. Jetzt aber kommt es darauf an, die Erscheinungsformen der Süchtigkeit in der Gegenwart und in unserem Kulturkreis zu erörtern. Hier liegen, darüber sind sich alle Verantwortlichen klar, die Dinge sehr im argen.

Die Luxussituation der westlichen Länder bringt alle die Mittel, die Bewußtseinsveränderung erzeugen, in reicher Fülle heran, auch Rauschdrogen aus dem Osten, dem Nahen und dem fernsten Osten.

Die moderne Zeit hat aber auch ein riesiges Angebot pharmazeutischer Produkte auf den Markt gebracht, die zur Sucht führen können: Hypnotika, Analgetika und Sedativa. Sie sollen die nicht mehr tragbar erscheinenden Spannungen mildern oder beseitigen, sollen Schlaf und Vergessen bringen, die gesamte Bewußtseinslage herabsetzen. Aber gelöst werden dadurch die Spannungen freilich nicht.

Und schließlich, besonders gesucht: „Psychodelisch" und halluzinogen wirkende Substanzen, die zu einer Veränderung der Bewußtseinslage im ganzen führen, im Drogenrausch bunte Träume (im buchstäblichen Sinn bunt und farbenfreudig) und sexuelle Halluzinationen erzeugen.

Nun aber kommen wir zu dem entscheidenden Punkt unserer Erörterungen: Was veranlaßt vor allemjunge Menschen dazu, so sehr das Maß des Menschlichen zu verlassen und sich in die Sucht fallen zu lassen wie in einen Abgrund - denn nicht wenige sind sich

des bösen Ausgangs ganz bewußt, ja scheinen ihn zu suchen: als einen vorgezogenen Selbstmord, als eine zumindest hingenommene Selbstzerstörung? ...

Wir sind es gewohnt, bei diesen Fragen zuerst die angeborenen, ererbten Faktoren zu besprechen. Wenn auch die moderne Forschung meist wie gebannt nur auf die Umweltbedingungen schaut und vor anderen Gegebenheiten die Augen verschließt, ergeben doch unvoreingenommene Untersuchungen, daß sich in hohem Prozentsatz eine gleichsinnige, erbliche Belastung feststellen läßt (Alkoholismus, Depressionen, hohe Selbstmordrate).

Dem aufmerksamen Blick ist es aber seit langem nicht entgangen, daß es in sehr hoher Zahl in der familiären Situation so bedrohter junger Menschen entscheidende Schwachstellen gibt. Gerade die Geschichte dieser schwer oder gar nicht mehr „sozialisierbaren" Menschen zeigt, was eine gesunde Familie an unverzichtbaren Prägungen bietet - und wie sich ein Kind kaum je gesund entwickeln kann, wenn diese Faktoren ausfallen.

Bei der Durchleuchtung des Familienbildes von süchtigen jungen Leuten findet sich eine große Zahl von gestörten oder zerstörten Familien, durch Tod des Vaters oder, noch schlimmer, durch Scheidung. Dazu sei nur eine einzige Zahl erwähnt: Bei den jungen Leuten, die Rosenberg aus Australien betreute, hat nur die Hälfte der Untersuchten bis zum 15. Jahr mit beiden Eltern zuhause gewohnt.

Aber auch wenn man keinen so eklatanten Zerfall der Familie feststellen kann, lassen sich in vielen Fällen schwerwiegende Erziehungsfehler

nachweisen - eine zu harte, etwa gar mit Mißhandlungen vorgehende, oder aber eine „überprotektive" Erziehung.

Wie aber sieht das Charakterbild „des" Süchtigen aus? Da wird vor allem eine herabgesetzte „Frustrationstoleranz" beschrieben: Diese jungen Menschen sind nicht imstande, ein Versagen, einen Schmerz, einen starken Affekt (Trauer, Verlassenheit, Nicht-akzeptiert-Werden, Konfrontation mit Stärkeren, Hübscheren, Tüchtigeren) zu ertragen und in das eigene Lebenskonzept richtig einzubauen: Mit seinen Gefühlen zu leben, sie zur Mitmenschlichkeit einzusetzen - und doch mit Kritik und Verantwortung „darüberzu-

stehen", sich also von ihnen nicht „überspülen", beherrschen zu lassen.

Das muß jeder Mensch von Kindesbeinen an erlernen, wobei die „Trotzphase" und besonders die Pubertät kritische, entscheidungsschwere Entwicklungsphasen sind. Dazu gehört etwa auch, daß man erkennt, daß Gefühle und Affekte nicht nur vom äußeren Erlebnis bedingt sind, sondern sehr auch von der inneren Gestimmtheit, daß man sich also auf diesem Feld nicht einfach „gehen lassen" darf.

Hat jemand das nicht erlernt, so ist das ein schwerer Persönlichkeitsdefekt. Und die Möglichkeit, hier auf falsche Wege abzugleiten, nämlich auf den der Sucht, liegt gefährlich nahe. Man sucht Schmerzfreiheit (besonders auf dem Gebiet des vegetativen Nervensystems „dystonisch" Veranlagte sind da gefährdet), sucht Euphorisierung, um den Unlustgefühlen, der Verstimmung zu entgehen - oder aber, mit einem der

Halluzinogene, in eine Traumwelt zu flüchten, die das zu erfüllen scheint, was die Realität nicht bietet.

Eine Störung der Realitätsbeziehungen kommt auch insofern zustande, daß die „Schuld" an dem Fehlverhalten nach außen verlagert wird - und dazu scheint die heutige Allgemeinsituation in den Zivilisationsländern Vorschub zu leisten.

Der tragische Ernst unserer Problematik liegt darin, daß man der Sucht verfallen ist, als einer schweren Krankheit (Sucht kommt ja von „siech", keineswegs von „suchen"!), einer Krankheit, aus der es allein aus den Bemühungen des Süchtigen keine Rettung gibt.

Die Gewöhnung vor allem an das Heroin (die am häufigsten verwendete „harte" Droge) führt dazu, daß immer größere Dosen ertragen („Toleranzsteigerung") - und gebraucht werden.

Stehen diese nicht zur Verfügung, oder versucht man dem Süchtigen „ihr" Gift plötzlich zu entziehen, so kommt es zu „Abstinenzerscheinungen", die subjektiv höchst qualvoll sind, aber, ist der Organismus schon sehr geschwächt, lebensbedrohlich werden können: schwere vegetative Symptome wie Schweißausbrüche, heftiges Erbrechen, Schmerzzustände, Krämpfe, Delirien, Angst, ja halluzinatorische Zustände, bis zum vegetativen Zusammenbruch.

Das Wort „Verfallenheit" trifft aber vor allem auf das psychische Verhalten des Suchtkranken zu: der Wille zur Gesundung ist völlig erloschen, die seelischen Kräfte konzentrieren sich einzig darauf, sich den „Stoff zu verschaffen, und sei es mit schwerst kriminellen Taten, mit völliger Aufgabe der „bürgerlichen" Existenz.

Was da als Abwendung von menschlicher Gemeinschaft, als Unfähigkeit, in ihr, mit ihr zu leben aufscheint, das ist sicher im „süchtigen Charakter" schon angelegt, wie die Frustrationsintoleranz. Und so wie bei dieser wird die Gemeinschaftsunfähigkeit durch die Zerstörungsprozesse im Gefolge des Drogenkonsums noch verstärkt.

Was sich da im Rausch der Opiate, noch mehr in dem der Halluzinogene, aber selbst bei Haschisch vollzieht, geschieht in völliger Einsamkeit - und auch wenn Rauschdrogen gemeinsam, bei Heroin- oder Haschparties, eingenommen werden, so ist das nur eine „gemeinsame Einsamkeit"!

Ubereinstimmung herrscht darüber, daß bei Süchtigen nur eine lang-dauernde stationäre Behandlung Aussichten auf Erfolg hat. Dabei geht es nicht allein - und nicht hauptsächlich -um medizinische Maßnahmen (etwa Beherrschung der Entzugssymptome), sondern um Menschen führung.

Es gilt ja, in dem Kranken die durch die chronische Vergiftung verschüttete oder noch gar nicht entwickelte Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit

aufzubauen, ihm darin „Entwicklungshilfe" zu leisten.

Das ist nicht Sache einer Technik eines bestimmten Lehrsystems, sondern der Fähigkeit des Therapeuten, einen andern anzusprechen, für ihn da zu sein, ihm gewogen zu sein (für viele zum ersten Mal im Leben).

Es braucht Zeit und Geduld. Vorschnelles Fordern an den Kranken würde ihn ein weites Stück (oder ganz) ins Hoffnungslose zurückstoßen. Ziel der Therapie ist eine Selbstfindung des Kranken, eine Führung zur Realität seiner Lebenssituation; auch eine Führung zur Arbeitswelt, für viele etwas ganz Neues, nie Erlebtes.

Dabei müssen er selber und die ihn behandelnden Personen für ihn seine Fähigkeiten genau erkennen - damit er so zu Erfolgserlebnissen gebracht werden kann, was ein wichtigesHeilmittel ist.

Um solche Ziele zu erreichen, braucht es ein gut aufeinander eingespieltes Team, das vor allem in der menschlichen Anteilnahme einig ist, so daß sich der Kranke dieser geschlossenen Front der helfenden Gemeinschaft nicht entziehen kann.

Es wird auf diesem Feld von einer Berliner Modelleinrichtung „Syna-non" berichtet - „Leute lernen leben" steht auf der Eingangstür - in der Lebensform einer Kommune mit nur gemeinsamen Eigentum, unter strengster, aber anfeuernder Führung der schon sehr weit in die Sucht „Eingetauchten".

. Und glaubhaft wird von Erfolgen berichtet, die weit über denen der offiziellen Einrichtungen stünden. Aber das ist wohl der kleinen Gruppe und dem besonderen Impetus der führenden Menschen zuzuschreiben.

Von einer Heilung der so schwer Erkrankten kann man sicher erst dann sprechen, wenn sie neue Menschen geworden sind, mit wirksamer Selbstkritik und mit der Fähigkeit, die daraus folgenden Verpflichtungen wahrzunehmen.

Damit aber kommen wir zu Folgerungen, die weit wichtiger - und auch aussichtsreicher sind als die therapeutischen Aufgaben bei den Süchtigen, die wir eben geschildert haben, nämlich zu dem Problem: wie verhindert man, daß junge Menschen der Drogensucht anheimfallen und dadurch ihr Leben zerstören?

Die Jungen brauchen von uns, ihren Erzeugern und ihren Erziehern: das Brot der Liebe (noch weit mehr als das Brot der Nahrung des Leibes), das Brot, der ihnen geschenkten Zeit (in all den Arbeitsanforderungen der Eltern -aber wie schlimm ist das Los der Schlüsselkinder!); sie brauchen unser Verstehen für ihre phasentypischen und zeittypischen Notwendigkeiten (wie schwierig für uns Alten, die wir aus einer anderen Zeit kommen!); sie brauchen unser Beispiel weit über unsere Belehrungen hinaus. So brauchen sie von uns Alten, die wir gelernt haben, „verzichtend und erfüllend den Kreis unseres Werdens zu schließen" (Hans Di-bold), das Beispiel des Maßes - dieses Maß können sie, an ihre Entwicklungsgesetzlichkeit gebunden, selber noch nicht finden.

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