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Mauerblümchen im Orchester

„Die Frau gehört in die Küche und nicht in ein Symphonieorchester.“ Dieses Zitat stammt nicht aus längst vergangener Zeit, sondern von Maestro Karajan aus dem Jahr 1979. Erst kürzlich wieder flammte die Diskussion über die Rolle der Frau in der Musik, vor allem über ihre Chancen auf einen Platz in einem Spitzenorchester, heftig auf.

Verschanzen sich doch die Chefs der beiden führenden österreichischen Orchester, der Wiener Philharmoniker und der Wiener Symphoniker hinter Argumenten wie „Traditionsbewußtsein“, sozialen und gesetzlichen Problemen, um der Aufnahme von Frauen in ihre Reihen weiterhin aus dem Wege zu gehen.

In allen anderen österreichischen Orchestern spielen bereits Frauen - der Anteil beträgt zwischen zwölf und 21 Prozent -, und bisher traten keine Probleme auf. Trotzdem werden von Vertretern der Spitzenorchester immer wieder Vorurteile wie: „Frauen zerstören das einheitliche Gesamtbild“ oder „Frauen sei die Belastung nicht zuzumuten“, in die Diskussion geworfen.

Zwar möchte niemand der Frau künstlerische Qualitäten absprechen, Prof. Altenburger (Wiener Philharmoniker) hält Frauen sogar für „erstklassige Künstlerinnen“, doch die Tradi- i tion steht eben an erster Stelle.

So hat wohl auch noch keine Frau versucht, sich um eine vakante Philharmoniker-Stelle zu bewerben, die Sinnlosigkeit eines solchen Versuchs ist schon vorher klar. Eine Frau hätte auch keine Chance, als beste Kandidatin beim Probespielen hervorzugehen, da nicht alle Durchgänge anonym durchgeführt werden, also die Chancengleichheit nicht garantiert wird.

Diese Chancengleichheit war eine der Hauptforderungen einer vom Bundeskanzleramt im März veranstalteten Enquete, die sich mit der Studien- und Berufssituation der Frau im Musikbereich beschäftigte. Denn die Hoffnun-

gen auf eine musikalisch Karriere werden meist schon während des Studiums begraben.

Der Anteil der Mädchen an der Musikhochschule beträgt bei Studienbeginn fünfzig Prozent, bei den Absolventen schrumpft der Anteil der Frauen aber auf zwanzig Prozent. „Viele von ihnen sehen dann auch in der Musikpädagogik ihre einzige Berufschance,“ meint dazu Elena Ostleitner (Musikhochschule Wien), die sich seit Jahren mit den Problemen der Frau in der Musik beschäftigt.

Allerdings bestehen nicht nur Vorurteile gegenüber Instrumentalistinnen, auch Dirigentinnen haben kaum Chancen, mit guten Orchestern zu musizieren, und Komponieren galt jahrhundertelang als Männersache. Musikalische Kreativität und Beherrschung der großen Kompositionsformen wurden in der abendländischen Musikkultur ausschließlich mit Männern in Verbindung gebracht.

Mit Vorurteilen wie: Frauen fehle der Genius, die abstrakte Form des Tonsatzes zu beherrschen, wurde die komponierende Frau in ein Außenseiterdasein abgedräpgt. Von großen musikwissenschaftlichen Werken wurden und werden Komponistinnen nahezu ignoriert, obwohl sich in Musikbibliotheken unzählige Kompositionen von Frauen befinden. Und zwar aus allen Werkgattungen-vom Madrigal bis zur Oper, vom Streichquartett bis zur Symphonie.

In den Biographien vieler Komponistinnen liest man häufig von Schwierigkeiten mit Familienmitgliedern, Dirigenten und Konzertveranstaltern, die wenigsten konnten mit Unterstützung für ihren Beruf rechnen. Durch den dauernden Kampf gegen Vorurteile oft entmutigt, gaben viele das Komponieren bald wieder auf, oder ihre Werke verschwanden in Musikbibliotheken.

Der 1978 in Köln gegründete Arbeitskreis „Frau und Musik“ hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, das um-

fangreiche musikalische Schaffen von Frauen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und diese Werke auch aufzuführen. Die Mitglieder des Arbeitskreises - Interpretinnen, Musikwissenschaftlerinnen, Musiksoziologinnen und Musikjournalistinnen aus aller Welt - sind in Archiven bereits auf rund 5.000 Werke von über 1000 Komponistinnen gestoßen.

Doch gespielt werden Kompositionen von Frauen im internationalen Konzertbetrieb fast nicht. In einer Forschungsarbeit, die das Repertoire der Wiener Philharmoniker zwischen 1842 und 1974 und das der Symphoniker zwischen 1900 und 1974 erfaßte, wurde festgestellt, daß die Werke keiner einzigen Frau einen zweiprozentigen Anteil am Repertoire erreichen konnten. Für amerikanische Orchester ergab sich ein ähnliches Ergebnis.

Die aktuelle Diskussion in Österreich zeigt, daß die Vorurteile noch lang nicht überwunden sind. Zwar sollten bei der Besetzung vakanter Stellen die besten Bewerber aufgenommen Werden, da sind sich die Vertreter der Spitzenorchester einig, doch ist der beste Bewerber eine Frau, kommt es zu einem Rückfall in das Zitieren altbekannter Phrasen.

Die Philharmoniker möchten nicht von der Tradition abgehen, das „Problem“ ist in diesem Orchester noch nicht ausdiskutiert, während es die Symphoniker als „Imageverlust“ ansehen, in dieser Frage den ersten Schritt zu tun.

Nach einer kürzlich zu diesem Thema veranstalteten TV-Diskussion („Cafe Central“) lautete Karl Löbls Resümee: „Die Situation für Frauen bei den Philharmonikern und Symphonikern ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“

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