7015872-1988_26_03.jpg
Digital In Arbeit

Mauthausen

Vor drei Jahren feierte Mauthausen den 650. Jahrestag seiner Gründung. Da gibt es einen Ort mit jahrhundertelanger Tradition — und plötzlich wird der Name dieses Ortes zu einem Symbol des Grauens und der Menschenvernichtung. In Mauthausen hielt der Papst eine seiner berührendsten Ansprachen, und am Schluß trug er sich in das Goldene Buch der Gemeinde ein.

Für den Vizebürgermeister Kurt Lettner ist diese Unterschrift eine Kostbarkeit „auch für künftige Generationen, und sie bedeutet auch eine Aufwertung unserer Gemeinde“. Allmählich trauen sich die Leute wieder zu sagen: .Jawohl, ich bin aus Mauthausen“, erzählte mir der Vizebürgermeister. Er ist Jahrgang 1937 und belastet mit dieser Vergangenheit. Ob er es will oder nicht.

Es habe auch Leute gegeben, die zu helfen versuchten, berichtet Lettner. Da war zum Beispiel die Bäuerin, die sich beim Gendarmerieposten beschwerte über die Behandlung der Häftlinge, wenn sie außerhalb des Lagers. im Freien arbeiten mußten.

Vergessen wird das alles nicht, was in diesem Konzentrationslager von 1938 bis 1945 verbrochen wurde.

Oder im Nebenlager Hartheim. Ein idyllisches Renaissance-Schloß, das zynisch als Erholungsheim“ getarnt war. Dort wurden während des Krieges vor allem Geisteskranke getötet. Der Schriftsteller Franz Rieger hat in seinem Buch ,JSchat-tenschweigen oder Hartheim“ die Gewissenskämpfe eines Pfarrers geschildert, nachdem dieser erfahren hatte, was in Hartheim wirklich vor sich ging. Und wie diese Ereignisse trotz des Verdrängens allgegenwärtig waren, damals: insbesondere im Schweigen.“

Oder die Studentin Elisabeth Reichart, die in der Gedenkstätte Mauthausen einige Zeit als Führerin arbeitete und dadurch angeregt wurde, sich wissenschaftlich und literarisch mit dieser Vergangenheit zu beschäftigen. Mit dem Roman ,J?ebruar-schatten“ schrieb sie dann ein Buch über die „MühZ-viertler Hasenjagd“, den Ausbruch von 419 Häftlingen aus dem Konzentrationslager im Februar 1945. Fast alle wurden getötet — mit Hilfe der Bevölkerung, die zum Teil in einen richtigen Blutrausch verfiel.

Nicht vergessen sollten aber auch die drei Familien werden, die Häftlinge versteckten — wohl wissend, daß dies ihr Todesurteil hätte bedeuten können.

„Sind die Fragen des Gewissens stark genug — die Gewissensbisse, die uns geblieben sind?“

Das fragte Papst Johannes Paul II. in Mauthausen.

Es war eine sehr eindringliche Frage.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau