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Medaille für Buchsprint

Das IOC sollte eine 199. Goldmedaille schaffen — für den Sieger im Wettlauf der Verlage, mit dem ersten fertigen Olympia-Bildband in die Buchhandlungen zu stürzen. Natürlich ist auch hier nicht nur sportlicher Ehrgeiz die Triebfeder. Der Kaufantrieb nimmt mit dem Quadrat der zeitlichen Entfernung von den Spielen ab, wer ihn rechtzeitig befriedigen kann, macht den großen Riß, und das bloße Dabeisein ist auch hier — gar nichts.

Blättert man das soeben vom Münchner Südwest-Verlag ausgelieferte „Olympia 76“-Buch des deutschen Groß-Moderators Harry Valerien durch, kann man sich nur wundern, wie es möglich ist, eine solche Anhäufung prachtvoller Farbbilder so schnell zu drucken. Als TV-Muffel erfahre ich jetzt endlich, wie es war, und wer's schon weiß, sieht's sicher gerne noch einmal in Ruhe.

Und die Texte? Unterschiedlich. Die differenziertesten, feuilletonisti-schesten stammen vom Österreicher Martin Maier. Rudolf Hagelstange gebe ich da nur die Silbermedaille, und ich glaube damit keineswegs patriotischen Vorurteilen erlegen zu sein (wie etwa der Montreal-Schiedsrichter Asarjan).

Insgesamt sind die Olympischen Spiele in diesem Band zu unkritisch gesehen. Wo Kritik auftaucht, wirkt sie eher wie ein Alibi. Gerade im Rückblick wären doch etwas differenziertere Urteile möglich. (Aber was heißt Rückblick, die Autoren saßen ja wahrscheinlich schon in Montreal hinter der Schreibmaschine, und das merkt man eben.)

Für meinen Geschmack fehlen wichtige Informationen. Zum Beispiel über die „Berufe“ der osteuropäischen Staatsamateure. Ich wüßte gerne, was jeder einzelne von ihnen vorgibt, beruflich zu tun. Vor allem aber fehlt die wichtigste Tabelle. Nämlich der Umfang der einzelnen Delegationen. Erst die ließe so etwas wie eine Gegenüberstellung von Aufwand und Medaillenertrag zu. Man sollte sie künftig nicht vergessen.

Der politisch motivierten Abreise der Afrikaner sind zwei Buchseiten gewidmet. Aber wieviele und welche Delegationen abreisten, erfährt man nicht. Etwas unterentwickelt finde ich auch die österreichische und Schweizer Sportler betreffenden Informationen. Auch wenn sie Mißerfolg hatten — der in Österreich und der Schweiz verkaufte Teil der Auflage von einem solchen Buch ist ja nicht so unerheblich. Ich könnte mir vorstellen, daß man nächstesmal, wie in einigen Fällen bei den deutschen, auch das Abschneiden schweizerischer und österreichischer Ferner-Liefen-Teilnehmer, durch eine Linie von der Spitzengruppe getrennt, anführt.

Übrigens — solche Olympia-Nachlesen sind tatsächlich nicht nur wegen der Bilder interessant. Beim ruhigen Durchsehen der Medaillenta-

bellen rücken manche verschobene Proportionen wieder zurecht. Mit einer Bronzemedaille können wir etwa auf Länder wie Albanien, Algerien, Ägypten, Griechenland, Indonesien, Irland, Israel, Libyen oder die Türkei herabblicken — die Zahl der totalen Nichtmedaillengewinner ist doppelt so groß wie die der Medaillengewinner. Wenn man die Winterspiele, denen ein Abschnitt des Buches gewidmet ist, einbezieht, sind wir geradezu eine Mini-Großmacht. Und was die Veranstaltungskosten im Vergleich mit dem Medaillensegen betrifft: Die Gastgeber der Sommerspiele mußten sich mit null Prozent der Gold- und mit einem Drittelprozent sämtlicher Medaillen begnügen, während Österreich als Gastgeber der Winterspiele in Innsbruck 5,4 Prozent der Gold- und einen ebenso hohen Prozentsatz aller Medaillen insgesamt einheimste.

Andere waren natürlich erfolgreicher, aber die waren ja auch nicht Gastgeber. Man muß den Trost auch in der Statistik zu finden wissen. So kann uns künftig nichts mehr passieren.

OLYMPIA 76 MONTREAL INNSBRUCK. Von Harry Valerien und zahlreichen Mitarbeitern. Südwest-Verlag, München, 308 Seiten, über 360 Photos, davon viele in Farbe, öS 230.—.

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