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Medizinmänner für das 21. Jahrhundert...

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Wissenschaftler — ein etwas vager Begriff — erkennt man bekanntlich an ihren weißen i Rittein und' den Retorten oder Eprouvetten, die sie in ihren Händen halten. Zusammen mit den Städteplanern sind sie dabei, [ die Medizinmänner des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu werden. Nur sind die Städteplaner nicht so, leicht zu erkennen.

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Wissenschaftler — ein etwas vager Begriff — erkennt man bekanntlich an ihren weißen i Rittein und' den Retorten oder Eprouvetten, die sie in ihren Händen halten. Zusammen mit den Städteplanern sind sie dabei, [ die Medizinmänner des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu werden. Nur sind die Städteplaner nicht so, leicht zu erkennen.

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Tatsächlich ist der Beruf der Städteplaner nicht annähernd so neu, wie es vielfach den Anschein hat. Im Jahre 753 v. Chr. begann Romiulus den Bau der nach ihm benannten Stadt mit der Durchführung des ersten Teiles seines Planes, der Konstruktion der Stadtmauer. Remus war davon nicht sehr beeindruckt. Aber dies mag Legende sein. Wie so vieles andere, findet man auch einen Hinweis auif Städteplanung im Alten Testament. Konstantinopel wiederum, die neue Kaiserstedt, war durchaus „geplant“. Aus der jüngeren Geschichte wären Washington D. C, Canberra und Brasilia zu erwähnen. Und es wäre unrecht, nicht auch Wien und Paris als Produkte architektonischer Städteplanung in diese Liste einzu-beziehen.

Hier aber liegt der Unterschied. Haussmann war ein Architekt. Das Konzept der Ringstraße und des Heldenplatzes war ein architektonisches Konzept. Es mag sein, daß

Haussmann außer der Ästhetik der großen Boulevards auch noch praktische Erwägungen vorgeschwebt sein mögen. Und es ist natürlich wahr, daß die Ringstraße verkehrstechnisch einem Ring von Mauern, nur hie und da durch ein Stadttor unterbrochen, vorzuziehen war.

Aber es läßt sich wohl behaupten, daß es sich hier nicht einfach um freie Beispiele moderner Städteplanung handelt.

Der Städteplaner von heute will, so scheint es, nicht nur Städte, sondern auch das Leben der Städter planen. Er denkt in binarischer Computer-Terminologie: wenn nicht Planung, dann Chaos. Deshalb genügt es ihm nicht, eine schöne Straße anzulegen wie zum Beispiel den Paseo de la Reforma in Mexiko. Diese Straße verbindet Chapultepec, Kaiser Maximilians „Schönbrunn“, mit dem Zentrum der Stadt und gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Der moderne Städteplaner ist nicht nur Architekt, sondern auch

Verkehrstechniker und will obendrein Soziologe, Historiker und Prophet sein, der weiß, was für diese Generation und kommende Generationen gut ist. Und dementsprechend plant er. Nun gehören aber Städte zu den ältesten sozialen und politischen Institutionen der menschlichen Geschichte. Städte bilden die Grundlage. Aus ihnen wurden Staaten. Sie sind älter und ursprünglicher als das Nationalbewußtsein der Völker. Man könnte fast sagen, sie sind etwas Organisches, und naturgewollt. Es ist aber bis jetzt noch keinem Wissenschaftler gelungen, auch nur eine einzige einzellige Amöbe künstlich herzustellen.

Man kann natürlich eine günstige Umgebung schaffen, in der ein Organismus sich ideal zu entwickeln vermag. Man kann Hindernisse und schädliche Einflüsse beseitigen. Genauso kann man versuchen, einem erkrankten Organismus wieder zur Gesundheit zu verhelfen. Nur besteht immer die Gefahr, daß ein Eingriff mehr schadet, als er nützt. Vielleicht, wenn man die Heilung einer erkrankten Stadt den Kräften der Natur überließe? Viele unserer modernen Städte sind krank. In Österreich in Europa, auf der ganzen Welt. Vielleicht sollten unsere modernen Städteplaner sich als Städteärzte versuchen und vorerst dem Patienten all die Wundermittel und Patentmedizinen, die bereits soviel Unheil angerichtet haben, entziehen. Danach erst einmal etwas Ruhe und Bettwärme!

Man hört vielfach, das Auto sei der Ruin der Städte. Das stimmt nur insofern, als man bereit ist, Symptom mit Krankheit gleichzusetzen. In einer modernen Großstadt fährt kaum jemand zum Vergnügen im Auto. Es hat deshalb wenig Sinn, mit Parkverboten und ähnlichem gegen das Automobil anzukämpfen; es sei denn, man wollte bloß sadistischerweise dem vieflgeplagten Autofahrer das Leben noch schwerer machen. Statt „Auto“ lese man einfach „Verkehrsmittel“. Und Verkehrsmittel werden benützt, um von da nach dort zu gelangen. Die Notwendigkeit dafür ist aber eine Sache für sich.

In der mittelalterlichen oder antiken Stadt wohnt der Handwerker hinter seiner Werkstatt, der Kaufmann über seinem Laden. Der Lehrling gehörte zum Haushalt des Meisters und wohnte bei ihm. Kaufmann, Handwerker, Lehrling — niemand war von öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln abhängig, um frühmorgens zur Arbeit oder am Abend nach Hause zu gelangen. Das Wirtshaus oder die Schenke waren wohl, wenn schon nicht in derselben Gasse, dann gleich um die Ecke. Die Pfarrkirche war nicht weit. Stadtteile, Viertel, Bezirke waren noch sozio-ökonomische Einheiten mit individuellem Charakter, und der Verkehr erstickte noch nicht die Städte.

Wenn es einmal als Regel akzeptiert ist, daß man im Stadtzentrum arbeitet und am Stadtrand schläft, und wenn das, was früher einmal nur wenige konnten, heute der großen Majorität möglich ist, dann wird das Verkehrsmittel zur Notwendigkeit. Und wer fährt nicht lieber im eigenen Wagen, als mit einem bereits so unattraktiv benannten „Massen“-Verkehrsmittel? Wer aber bereits 20 Minuten zu fahren hat, wird nicht anstehen, ge-gebenenffalls auch 23 Minuten zu fahren. Was sind denn schon drei Minuten, wenn man vielleicht besser oder schöner wohnen kann? Nun, drei Minuten wären in diesem Fall 15 Prozent mehr Verkehr.

Da nun einmal das Automobil zur „konventionellen Notwendigkeit“ geworden ist — gibt es etwas Praktischeres als die modernen Einkaufszentren mit ihren riesigen Parkplätzen? Warum sich in der Stadt plagen und Gefahr laufen, Parkstrafen zahlen zu müssen, wenn man es in Varendorf, sagen wir, soviel bequemer haben kann?

So spricht man von Wohnbezirken, Geschäftsvierteln, Fabriksgegenden, Einkaufszentren: Und so' wird geplant Je weiter Heim, und Arbeitsplatz und die Geschäfte,: in denen man einkaufen muß, auseinanderrücken, desto abhängiger wird der Städter von seinem Automobil, desto größer das Verkehrsproblem mit zunehmender Verkehrsdichte, desto lauter der Schrei nach Schnellstraßen und nach Fußgängerzonen, die ihrerseits durch die notwendigen Umwege und Umfahrungen das Verkehrsproblem noch akuter werden lassen.

Dazu kommt noch eines. Ein Bürogebäude oder ein Einkaufszentrum steht vielleicht 40 Stunden in der Woche in Verwendung Das heißt, seine tatsächliche Ausnutzung beträgt nicht einmal ganze 25 Prozent. Straßenbeleuchtung, Straßenreinigung, Polizeischutz und ähnliches können jedoch nicht dementsprechend auf ein Viertel reduziert werden. Für den einzelnen — für den Kunden, Klienten, Patienten, Unternehmer — mögen solche Einkaufszentren, Büro- oder Ärztegebäude eine Bequemlichkeit darstellen. Für die Gesamtheit, für die Stadt sind sie eine arge wirtschaftliche Belastung.

Viele Stadtverordnungen sehen vor, daß Läden bestimmter Art, wie zum Beispiel kleine Lebensmittelgeschäfte, aus manchen Straßen residenziellen Charakters verbannt sind. Das leuchtet nicht ein. Man verbietet ja nur das, was Leute ansonsten gerne täten, denn sonst bedürfte es keines Verbotes. Wenn die kleine Greißlerei in der betreff enden Straße keine Existenzberechtigung hat, wird sie von selber verschwinden. Wenn sie aber reüssiert, dann ist das ein Zeichen dafür, daß. sie. gebraucht wird. Warum also jemand zwingen, seine Einkäufe mit dem Aütö zu machen?

Es mag leicht sein, auf Fehler hinzuweisen. Was aber soll geschehen? Da diese Fehler nicht einer natürlichen, spontanen Entwicklung entsprechen, sondern in den allermeisten Fällen sorgfältig geplant und gesetzlich verankert wurden, wäre die erste Antwort darauf, sie nicht fortzusetzen. Um sie zu korrigieren, braucht man nur Baubewüli-gungen für Einzweckgebäude zu verweigern. Ein Bürogebäude, in dem nicht auch im Erdgeschoß ein paar Geschäfte und in den oberen

Stockwerken einige Wohnungen vorgesehen sind, sollte in Zukunft nicht zugelassen werden. Bald würde der Arzt wieder im selben Hause wohnen, in dem er seine Ordination hat, der Anwalt nahe seiner Kanzlei, wie früher einmal der Meister hinter seiner Werkstatt wohnte. f

Vom sozialen Standpunkt aus gesehen hieße das, daß endlich die Vierzigstundenwoche eingeführt werden würde. Denn heute muß man zur Arbeitszeit noch realistischerweise den täglichen anstrengenden Weg von und zur Arbeitsstätte hinzurechnen.

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