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Mehr als nur der Zeitgeist

Skeptiker hatten den Publi-kumserfolg, den die Veranstalter des ersten Festivals "Wien modern" im Jahr 1988 verbuchen konnten, zur Mode abzuwerten versucht. Claudio Abbado, die Wiener Philharmoniker und eine Reihe glanzvoller internationaler Namen als Zugpferde hätten dem gewagten Unternehmen den Anstrich des "Schicken", "Mondänen", "Zeit-geistigen" gegeben und die Kon-zertszene so "modisch maßgestylt".

Nun laden Wiener Konzerthaus und Musikverein, Staatsoper, Ver-einigte Bühnen Wien, Volksoper, Hochschule für Musik, Odeon, der Kunstverein Alte Schmiede und viele andere Veranstalter zwischen 27. Oktober und 9. Dezember bereits zum dritten Festival "Wien modern" - zu einem Fest für Luciano Berio, Elliott Carter, Ernst Kfenek und Witold Lutoslawski. Kann man angesichts so bedeutender und zugleich so wenig populärer Namen noch von einer "Mode" der Neuen Musik sprechen?

Skeptiker wollen es offenbar nicht wahrhaben, aber in Wien hat sich Verständnis für neue Musik etabliert. Dieses garantiert einem Dreitagegastspiel des legendären Kronos-Quartetts für neue Musik aus San Francisco und dem Festival "Töne & Gegentöne" ebenso enormen Publikumszulauf wie Avantgardegruppen beim Wiener Tanz-Festival oder den Konzerten von "Wien modern". Selbst bislang als heikel gefürchtete Programme werden von einem - vorwiegend jungen - Publikum besucht, wenn nicht sogar gestürmt.

Insgesamt 33 "Wien modern"-Konzerte, Gespräche mit Komponisten und Dirigenten wie Abbado, Pinchas Steinberg, Gunther Schuller, Ingo Metzmacher, Lutoslawski, Berio, Beat Furter, Friedrich Cerha, Michael Gielen werden geboten. Ein paar Dutzend Randveranstaltungen vernetzen "Wien modern" mit den Bereichen des Theaters, der Literatur, der bildenden Kunst und zeigen einen Trend auf: Öffnung der Grenzen der Künste, Verfließen der Ideen, Kontaktsuche nach allen Richtungen. Man ist versucht, die politischen Umwäl-zungen im osteuropäischen Raum auf die Kunstszene zu projizieren: Hier wie dort ein bemerkenswerter geistiger Positionswechsel, eine bewußte Annäherung an bislang sorgsam gemiedene künstlerische Reibungsflächen.

Das Wiener Publikum hat sich auf diese Zusammenschau wie auf die Auseinandersetzung eingestellt, aus den Bundesländern kommen immer mehr Interessierte und für Musik- und Kunstfreunde in den Ländern des ehemaligen Ostblocks sollte man den Zugang konsequent erleichtern und fördern. Für Öster-reich und den "Osten" ergeben sich in künstlerischer Hinsicht bei der Suche nach Identität viele gemein-same Anknüpfungspunkte.

Schon 1988 und 1989 hatte man auf die richtige Mischung gesetzt: Neben den kaum bekannten Namen des ungarischen Komponisten György Kurtag und der Russin Sofia Gubaidulina baute man auf popu-läre Künstler wie Pierre Boulez, György Ligeti, Luigi Nono, Wolf-gang Rihm, Karlheinz Stockhausen und Friedrich Cerha. Auch 1990 gehorcht die Auswahl diesem Prin-zip. Neben der Aufarbeitung des CEuvres des österreichischen Alt-meisters Ernst Kf enek - aus Anlaß seines 90. Geburtstages im August dieses Jahres wird auch die Zwi-schenkriegszeit-Oper " Kehraus um St. Stephan" uraufgeführt - stehen die Avantgarde-Päpste der sechziger Jahre Luciano Berio und Wi-told Lutoslawski.

Als späte Entdeckung für die eu-ropäische Musikszene wird das Schaffen des faszinierenden New Yorker Komponisten Elliott Carter, geboren 1908, in Konzerten, Gesprächen und Analysen darge-stellt. Gleichzeitig spannen aber zwei Dreißigjährige, der Veroneser Marco Stroppa und der Salzburger Gerhard Winkler, den Bogen zur Gegenwart.

Seit den fünfziger Jahren ent-wickelte Ideen, Techniken, Metho-den der Avantgardemusik prallen auf neue Ideen und neue künstleri-sche Wertvorstellungen, die zeigen, wie Etabliertes hier weiterlebt und dort durch Neudenken überholt wird. "Wienmodern 1990" beschert daher auch eine spannende Aus-einandersetzung mit dem histori-schen Avantgardebegriff und seiner Abschaffung durch die Kom-ponisten der Gegenwart.

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