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Mehr Erziehung in die Schulen!

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Der Streit um die Schulorganisation geht weiter. Nichts geht weiter bei der überfälligen „inneren Reform". Die Sozialwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft (SWA) hat ihr eine Studie gewidmet.

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Der Streit um die Schulorganisation geht weiter. Nichts geht weiter bei der überfälligen „inneren Reform". Die Sozialwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft (SWA) hat ihr eine Studie gewidmet.

Die Schulreformkommission tritt am 21. Jänner wieder zusammen, um die siebte Novelle zum Schulorganisationsgesetz zu besprechen. Der Streit um die „Mittelstufe", um die Gesamtschule, steht hierbei nach wie vor im Mittelpunkt.

Nach fast zehn Jahren der Schulversuche, die eindeutig auf die Einführung der Gesamtschule für die Zehn- bis Vierzehnjährigen gezielt waren, mußte das Zentrum für Schulversuche (eine Dienststelle des Unterrichtsministeriums) feststellen:

„Die empirischen Befunde machen wahrscheinlich, daß die Form der Schulorganisation als solche die Lernerfolge der Schüler, wenn überhaupt, so nur im bescheidenen Grad beeinflußt."

Die Sozialwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft (SWA) legt nun eine Studienarbeit „Modelle zur inneren Schulreform" vor, die demnächst erscheinen soll und in der konkrete Anregungen gegeben werden.

„Es ist zu befürchten, daß die Lehrpläne noch dichter mit Wissensstoff vollgestopft werden", heißt es in der Einleitung, „daß unter dem Druck der Fülle des Lehrstoffes die Kreativität und Spontaneität im Unterricht verlorengehen, daß der Lehrer zu wenig Zeit im Unterricht findet für mehr Horizont und Tiefenschärfe und mehr schülergerechtem pädagogischen Tun."

Deshalb müßten in der Schule der Zukunft im Vordergrund stehen:

• die Frage nach der Einstellung zur Würde und Person des Schülers,

• die Frage nach der Wiedergewinnung des Erzieherischen,

• die Frage nach Sinn, Aufgabe und Verantwortung der menschlichen Existenz,

• die Frage nach dem vom pädagogischen Ethos getragenen Lehrer und nach einer partnerschaftlichen humanen Schule.

Die „innere Schulreform" muß von der Schulgemeinschaft ausgehen. Diese sei heute durch falsche Feindbilder — Eltern gegen Lehrer — geprägt. Der Abbau dieser Feindbilder wird nur langsam erreicht werden können. Gesprächstrainings können dazu mithelfen.

Sprechstunden, Sprechtage, Schulveranstaltungen sollten beitragen, die Kontakte zu verbessern, das Vertrauen zu stärken, eine echte Schulgemeinschaft aufzubauen.

Im Mittelpunkt der inneren Schulreform muß die Werterziehung stehen. „In der Erziehung herrscht Unsicherheit über Ziel und Orientierung. Man meint, daß in der Welt von morgen... nur der genügend informierte Bürger bestehen könne, und der, der das Lernen gelernt habe", heißt es in der SWA-Studie.

„Die Unsicherheit in Wert- und Normfragen, die weltanschauliche Pluralität fordern nicht ein Weniger, sondern ein Mehr an Erziehung", zitiert die Arbeit einen Aufsaz des Wiener Pädagogik-Ordinarius Marian Heitger.

Wenn die Schule daher eine Stätte der umfassenden Persönlichkeitsbildung sein soll, dann müsse „mit dem herrschenden didaktischen Materialismus Schluß gemacht werden, der das Wissen in übermäßiger Weise hervorhebt und das tiefere Eindringen in die Büdungsgehalte verhindert".

Der Unterricht müsse die Schüler motivieren, ihr Urteilen und Handeln nach ethischen Grundsätzen auszurichten, wie Ehrfurcht, Nächstenliebe, Achtung, Duldsamkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Toleranz und Solidarität - alles Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Zusammenleben.

Die innere Reform müsse der Verbesserung des Schulklimas dienen — das Miteinander muß in den Vordergrund treten.

Das „soziale Lernen" werde in Großschulen mit komplizierten Organisationsformen wie der Gesamtschule behindert, stellen die Autoren fest. Zeit, um Sozialkontakte zu Mitschülern und Lehrern zu intensivieren, bleibt meist nicht übrig.

Jedoch: „Kleinere Klassen in überschaubaren Schulen sind entscheidende Voraussetzungen dafür, daß ein soziales Klima entstehen kann... Wir brauchen Schulgemeinschaften, die hier neue, auch unkonventionelle Wege zu gehen bereit sind.

Ein gemeinsamer Abend mit Eltern, Schülern und Klassenlehrern erlaubt gegenseitiges Kennenlernen abseits der gewohnten Rollenzuordnung. Er kann auch der Aufarbeitung von Problemen gewidmet sein."

Die „Klassenvorstandsstunde" könnte für gemeinsame Projekte herangezogen werden, zur Lernhilfe für schwächere Schüler, aber auch für Aktionen der Nachbarschaftshilfe.

Große Bedeutung käme in der inneren Reform dem fächerübergreifenden Unterricht zu. Er ist unerläßlich, wenn die Unterrichtsprinzipien, die der Lehrplan fordert, verwirklicht werden sollen.

Sein strategisches Zentrum muß die Klassenlehrerkonferenz sein. Beispiele für fächerübergreifende Aktionen wurden an verschiedenen Privatschulen durchexerziert.

„Lernen und Bildung jenseits der Routine" können dazu beitragen, den Schulbesuch attraktiver zu machen und auch die tote Zeit zwischen Notenkonferenz und Schulschluß zu überbrücken.

Modelle hierzu sind etwa das „Melker Workshop" im Stiftsgymnasium Melk oder die Seminarwoche im Privatgymnasium Wien-Kalksburg. Im Stiftsgymnasium Seitenstetten mündet ein fächerübergreifender Workshop mit sportlichen und musischen Bewerben im großen Abschlußfest, in dem die besten Schüler der Öffentlichkeit vorgestellt werden, i

Schließlich kann die Untersuchung nicht auf die Frage verzichten, ob es heute noch möglich sei, eine christliche Erziehung anzubieten, wo doch weiten Kreisen die Bereitschaft fehle, christliche Normen und Werte als Maßstäbe für das eigene Handeln anzuerkennen.

Für die Erziehung sei die unantastbare Würde der Person als jener Grundwert anzusehen, der als Voraussetzung, Ziel und Regulativ des erzieherischen Tuns gilt. Der Wert der Würde der Person ist nicht ein Wert neben anderen, sondern deren Voraussetzung.

Der christliche Erzieher zwinge seine Schüler nicht zur Annahme christlicher Werte. Glaube sei nicht lehrbar, er kann aber bezeugt werden durch das glaubwürdige Leben des Lehrers. „Standpunktlosigkeit, Feigheit und Scheu, in der Klasse das Christentum zu bekennen, sind wahrscheinlich kein erfolgreicher Anschauungsunterricht für ein christliches Leben."

In diesem Sinn hat der Religionsunterricht die Aufgabe, zu zeigen, daß die Botschaft Christi auch heute lebbar ist und aufgeschlossene Menschen Sinnerfüllung im christlichen Leben finden können.

Die Schwerpunkte des Religionsunterrichts müssen in der Seelsorge und der Wissensvermittlung liegen sowie in der Hilfe, eigene Wege zur religiösen Praxis und Lebensbewältigung aus dem Glauben zu finden.

Die pastorale Aufgabe sei für viele junge Menschen wichtiger als eine bloße Wissensvermittlung und könne vielleicht von einem verzweifelten Schritt zurückhalten.

Auf eine fundierte Wissensvermittlung kann nicht verzichtet werden, doch soll die Verbindung mit dem Leben des Schülers erhalten bleiben. Unfehlbare Rezepte für ein Leben mit Gott könne der Religionsunterricht sicher nicht geben.

Der Religionslehrer aber müsse sich vor der Gefahr hüten, zum „religiösen Manager" zu werden, der schließlich selbst nicht mehr zur Ruhe komme, wird festgestellt „Wir können unsern Schülern nur so lange etwas .geben', solange wir selbst auch etwas .haben'." Das aber gilt wohl nicht nur für den Religionsunterricht.

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