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Mehr Freiheit, mehr Leistung

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Seit 40 Jahren ist Hans Tuppy in allen Bereichen der Hochschulpolitik engagiert. Nun soll er als Minister diese Erfahrungen für die Entwicklung der Universitäten einbringen.

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Seit 40 Jahren ist Hans Tuppy in allen Bereichen der Hochschulpolitik engagiert. Nun soll er als Minister diese Erfahrungen für die Entwicklung der Universitäten einbringen.

Hans Tuppy, Jahrgang 1924, Ordinarius für medizinische Chemie an der Universität Wien - seine Ernennung zum Wissenschaftsminister scheint die logische Krönung einer Laufbahn, die 40 Jahre lang immer wieder der Hochschulpolitik gedient hat.

Schon als ganz junger Student war Tuppy an der Wiedereröffnung der Universität Wien, dann an der Gründung der Freien österreichischen Studentenschaft beteiligt. Tuppy war unter den ersten, die in den frühen sechziger Jahren konkrete Vorschläge zur Hochschulreform lie-

ferten; er war Mitglied im „Rat für Hochschulfragen“, in der Hochschulreformkommission.

Als Dekan und Rektor stand er mitten in den Problemen der Hochschulverwaltung, als Präsident des Forschungsfonds und der Akademie der Wissenschaften in jenen der Forschungsförderung.

Vor vielen Jahren formulierte Tuppy die Idee eines „Zeitze-hents“: Jeder Staatsbürger trägt materiell zu den Aufgaben der Gesellschaft bei, er zahlt seinen ^ehent'. „Meine Überlegung war die, daß es nicht nur auf materielle Beiträge ankommt, sondern

daß es notwendig ist, auch durch Engagement in der Gemeinschaft einen nichtmateriellen Beitrag zu leisten, daß wir einen zumutbaren Teil unserer Zeit dafür verwenden, neben den unmittelbaren beruflichen Pflichten auch etwas Gemeinschaftsorientiertes zu tun.“

Das Engagement, das Aufspüren unkonventioneller Wege, um Besserungen zu erreichen, die Motivierung zu vermehrter Leistung, die Stärkung der Eigeninitiative und Eigenverantwortung — sie ziehen sich nun wie ein roter Faden durch die Vorstellungen des neuen Ministers durch — von seinem Arbeitsbereich in Hochschulen, Forschung, Museen, Denkmalschutz.

Das Universitätsorganisations-gesetz, Schöpfung der Ära Firnberg, ist Gesetz, also durchzuführen — aber die Koalitionspapiere

lassen die Möglichkeit offen, es weiterzuentwickeln.

Tuppy: „So soll die Rechtsfähigkeit der Universitäten ausgeweitet werden. Es soll ihnen die Möglichkeit eingeräumt werden, mit selbst eingeworbenen Mitteln aus Geschenken an die Universität aktiv zu werden, als Privatrechtsträger aufzutreten.“

Erste Schritte in dieser Richtung sind schon in jüngster Vergangenheit erfolgt. Nun können die Universitäten und ihre Gliederungen — natürlich unter Kontrolle — mit dem Geld frei arbeiten, das sie sich selbst akquirie-ren.

Derselbe Grundsatz wäre auch für die Forschung anzustreben, und er taucht auch später bei der Behandlung der Museen auf: Privatrechtsträgerschaft, um die Eigeninitiative anzuregen und zu m belohnen und damit den Institutionen mehr Mittel lockerzumachen, als sie der Staat bereitstellen kann. Wodurch sich auch eine größere Öffnung der Universitäten wie der Museen gegenüber dem privaten Bereich ergäbe.

Tuppy weiter: „Voraussetzung dafür ist, daß die Hochschulspitze und ihre Führung Managementfähigkeiten einbringt. Hier sehe ich zur Zeit eigentlich an allen Universitäten eine gewisse Schwäche.“

Das UOG hat — gegen den Widerstand der Universitäten — die direkte Unterstellung des Universitätsdirektors unter das Ministerium gebracht.

„Das ist keine gute Teilung. Ich fände es erfreulich, wenn wir hier einen Konsens finden könnten. Der ganze Tenor der Koalitionsvereinbarungen geht in die Richtung, mehr Verantwortung zu übergeben.“

Tuppy könnte sich die Umgestaltung der gesamten Führungsspitze der Universität nach dem Mo-

dell des Aufsichtsrates in der Industrie vorstellen. Aber gehen seine Gedanken auch so weit, daß die Universitäten — wie in Deutschland - ihr Geld en bloc erhalten und selbst verteilen könnten?

„Das ist eine längere Entwicklung. Wir können nur Schritte in dieser Richtung gehen. Aber ich könnte es mir gut vorstellen.“

In der abgelaufenen Ära kam es mehrfach zu Konflikten, wenn das Ministerium bei Berufungsvorgängen nicht den Dreiervorschlägen der Universität entsprach.

Tuppy: „Ich hoffe, daß ich mithelfen kann, eine Atmosphäre entstehen zu lassen, in der die Berufungskommissionen die Leistungen sehr genau prüfen und ihre Vorschläge begründen werden. Ich hoffe, mich an die Dreiervorschläge bei Berufungsver-

handlungen halten zu können -und auch an die Reihung. Ich werde allerdings auch nicht zögern, Rückfragen zu stellen oder notfalls von der Reihung abzugehen, wenn mir die Begründungen nicht ausreichend erscheinen. Wenn ich im autonomen Bereich erstellte Reihungen umstoße, werde ich es begründen.

Die Ministerverantwortlichkeit erlaubt es nicht, sich zu binden. Ich halte es auch für sachlich durchaus richtig. Ich habe es aber nicht für richtig gehalten, wenn das Ministerium Vorschläge zurückwies, ohne es zu begründen.“

Die Notwendigkeit, eine leistungsorientierte Atmosphäre zu schaffen, klingt mehrfach an. Die Personalkommissionen werden diesen Trends entsprechen, „wenn man weiß, daß der Minister persönlich an diesen Vorgängen vitalen Anteil nimmt“.

Eine ähnliche Problematik gibt es bei Habilitationsverfahren. Hier soll eine zweite Instanz erhalten bleiben, aber sie sollte in einer Weise gebildet werden, die der Hochschulautonomie besser gerecht wird.

Auch ohne an den Grundsatz der Mitbestimmung aller Hochschulangehörigen zu tasten, ohne die festgelegten Paritäten im Grundsatz ändern zu wollen, sieht der neue Minister doch Möglichkeiten, bei Fachentscheidungen eine stärkere Bindung der fachlich Ausgewiesenen zu erreichen.

Studentenvertreter waren die einzigen, die seine Ernennung kritisierten. Sieht der Minister hier ein Konfliktfeld?

Tuppy: „Kann man es .Konfliktfeld' nennen, wenn die Lehrenden - und mit ihnen der Minister - von den Studierenden eine gute Leistung verlangen, die sich auch international vergleichen läßt? Das ist eine ganz unabding-

bare Forderung, daß unsere Ausbildung theoretisch und praktisch unseren Absolventen auch über die Grenzen des Landes hinaus Chancen bietet, daß sie sich bei der immer stärker werdenden übernationalen Integration beteiligen können, aber daß sie auch im Inland dem Wettbewerb gewachsen sind.

Ich glaube, das, was momentan zur Beunruhigung führt, wird sich bald anders auswirken, darin, daß die Absolventen einen besseren Ruf haben, weil man weiß, daß Österreichs Hochschulen gute Absolventen hervorbringen.“

Aber kein Numerus clausus?

„Kein Hinausselektieren, nur

um eine Zahl zu erreichen. Kein extremer Leistungsdruck — die Leistungsanforderungen müssen zumutbar sein. Das Studium soll Freude bereiten, es soll eine Herausforderung sein, deren Bewältigung freut.

Ich habe die vielleicht idealistische Vorstellung, daß die allermeisten jungen Leute auf zum mindesten einem Gebiet gute Voraussetzungen für ihren Berufs- und Lebensweg mitbringen. Es muß aber frühzeitig die Orientierung erfolgen. Selbst- und Fremdorientierung. Wir müssen auch dafür sorgen, daß wieder die Handarbeit ohne akademische Ausbildung honoriert wird.“

Die Orientierung soll schon in der Eingangsphase des Studiums erfolgen, im Hinblick auf intellektuelle wie praktische Fähigkeiten. Also für die künftigen Ärzte zunächst ein Praktikum am Krankenbett?

„Das ist eine schwierige organisatorische Aufgabe am Beginn des Studiums, wo die fachliche Qualifikation noch nicht vorliegt. Also eher eine sozialmedizinische Hilfe. Wobei es nicht um Krankenbetten im engeren Sinn geht, als um die Betreuung behinderter Menschen.“

Ist in den vergangenen Jahren genug für den Ausbau der Universitäten getan worden oder muß er fortgeführt werden?

Tuppy: „Unbedingt! Die räumlichen Verhältnisse sind teilweise katastrophal, noch immer und schon wieder. Es haben sich die Zahlen der Lehrenden, Forschenden und Studierenden laufend erhöht.“

Die fachliche Diversifikation war stark. Die Studentenzahlen werden auch mit schwächeren Geburtenjahrgängen nur wenig

„Es zeigt, daß die Regierung im Bereich der Wissenschaft Gas geben will.“

absinken, da viele zusätzliche Qualifikationen erwerben wollen. „Wenn man heute fordert, die Hochschulen sollen sich öffnen, sollen auch Kontakt pflegen mit dem Kulturleben, mit der Gesellschaft, mit der Wirtschaft — das sind zusätzliche Aufgaben, die man nicht leisten kann, ohne den Hochschulen auch mehr Möglichkeiten zu geben. Hier werden die Wünsche und Erwartungen sicherlich größer sein als die zur Verfügung stehenden Mittel.“

Man wird Prioritäten setzen, mitunter sparsamer wirtschaften müssen als bisher. Aber Sparen allein kann es nicht sein.

Nachholbedarf melden vor allem die Bibliotheken. Der Gerätepark ist überaltert. Die Ausstattung mit EDV in allen Bereichen erfordert große Mittel.

„Ich bin glücklich, daß im Koalitionsübereinkommen eine Erhöhung des Anteils der Forschung am Brutto-Nationalprodukt von 1,29 auf 1,5 Prozent bis 1990 vorgesehen ist. Das zeigt also, daß die Regierung nicht bloß gewillt ist zu bremsen, sondern im Bereich von Wissenschaft und Forschung auch Gas zu geben.“

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