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„Mehr leisten“ ist eine leichte Parole

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Die Fragestellung der FURCHE hat mich beim ersten Augenschein verwirrt, (das gestehe ich unumwunden): Was soll ein Ausblick auf das Jahr, 1975 im Februar? Nach kurzem Nachdenken erkannte ich,aber, wie sinnvoll die Fragestellung und die Termi- nisierung ist. Wirtschaftsjahr und Kalenderjahr decken sich ja, um einige Beispiele anzuführen — nicht nur in der Landwirtschaft, in der Fremdenverkehrswirtschaft und in der Bauwirtschaft -—, nicht. Die Weihnachtssaison ist der Höhepunkt der Aktivitäten der Konsumgüterproduktion und Distribution, und in unserer Konsumgesellschaft beginnt dann nach dem Weihnachtsgeschäft das Atemholen, und Nachdenken. Man verzeihe mir, daß ich in dieser Zeitschrift die Dinge so kaltschnäuzig beim Namen nenne; auch mich irritiert in höchstem Maße, daß das christliche Freuden- und Familienfest zu einer Konsumorgie entartet ist, auf die sich nur die ganz kleinen Kinder freuen, die die Familienkrisen und den Streß der Eltern, der gerade zu dieser Jahreszeit seinen Höhepunkt findet, noch nicht fürchten gelernt haben. Aber was soll man tun?

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Die Fragestellung der FURCHE hat mich beim ersten Augenschein verwirrt, (das gestehe ich unumwunden): Was soll ein Ausblick auf das Jahr, 1975 im Februar? Nach kurzem Nachdenken erkannte ich,aber, wie sinnvoll die Fragestellung und die Termi- nisierung ist. Wirtschaftsjahr und Kalenderjahr decken sich ja, um einige Beispiele anzuführen — nicht nur in der Landwirtschaft, in der Fremdenverkehrswirtschaft und in der Bauwirtschaft -—, nicht. Die Weihnachtssaison ist der Höhepunkt der Aktivitäten der Konsumgüterproduktion und Distribution, und in unserer Konsumgesellschaft beginnt dann nach dem Weihnachtsgeschäft das Atemholen, und Nachdenken. Man verzeihe mir, daß ich in dieser Zeitschrift die Dinge so kaltschnäuzig beim Namen nenne; auch mich irritiert in höchstem Maße, daß das christliche Freuden- und Familienfest zu einer Konsumorgie entartet ist, auf die sich nur die ganz kleinen Kinder freuen, die die Familienkrisen und den Streß der Eltern, der gerade zu dieser Jahreszeit seinen Höhepunkt findet, noch nicht fürchten gelernt haben. Aber was soll man tun?

Also nach Weihnachten beginnt dann das große Nachdenken. Die Wirtschaftsprognosen liegen vor, Inventuren werden gemacht, die Konsuln, die Prätoren übernehmen für einige Tage die Rolle der Auguren und Haruspices und last, not least kommen im Laufe des Jänners die Politiker von ihren wohlverdienten Weihnachtsurlauben zurück und beginnen uns mit neugewonnen Kräften wieder zu regieren, nachdem wir ungefähr vom 20. Dezember bis zum 10. Jänner, also fast drei Wochen, uns selber überlassen waren. Aus den Weissagungen und ihren ersten Maßnahmen — oder wie man heute so schön sagt — aus ihrem Setzen von Taten, kann der geschulte Beobachter dann das Bild, das er sich vom kommenden Wirtschaftsjahr gemacht hat, korrigieren. Die Computerprognose bekommt dann sozusagen einige menschliche Züge. Das heißt: ihre

Konsistenz leidet und ihre Ausgewogenheit bekommt manche Schlagseite.

Was uns ins Haus stehen wird, wissen wir ja grosso modo. Das Wirtschaftswachstum wird zwischen 3 und 4 Prozent, die Inflationsrate zwischen 9 und 11 Prozent, das Leistungsbilanzdefizit zwischen 10 und 13 Milliarden Schilling, die Arbeitslosenrate bei 1,5 Prozent und die Investitionsrate wird bei rund 30 Prozent des Bruttonationalprodukts liegen. Also Wachstum, Vollbeschäftigung und eine absolut hohe — relativ niedrige Inflationsrate. In den Industrieländern wird die Inflationsrate zwischen 12 und 13 Prozent, die Arbeitslosenrate zwischen 2 und 6 Prozent betragen und überdies werden die Leistungsbilanzdefizite vieler wichtiger Industriestaaten nur durch Kreditaufnahme bei den erdölproduzierenden Staaten gedeckt werden können

Wir gehen in unseren Prognosen von der durch die Erfahrungen unserer Generation gefestigten Überzeugung aus, daß es den Regierungen in den Industriestaaten wieder einmal gelingen wird, durch konjunkturbelebende Maßnahmen ein

Abrutschen der Wirtschaft aus der Rezession — worunter man die Verringerung der Wachstumsraten versteht — in eine Stagnation, oder in eine Krise — worunter man den absoluten Rückgang das Sozialprodukts, also ein Kleinerwerden des Kuchens, der verteilt werden kann, verstehen müßte — zu vermeiden. Diese letztere Annahme ist für uns ganz entscheidend. Wir können mit unserer autonomen Konjunkturpolitik erfahrungsgemäß einen internationalen Wirtschaftsrückschlag in seinen Auswirkungen auf die österreichische Volkswirtschaft gewaltig reduzieren.Wir haben das ja im vergangenen Jahr durchexerziert und konnten, allerdings ohne daß dem seitens der Bevölkerung große Beachtung geschenkt wurde, die Vollbeschäftigung aufrecht erhalten, ohne unsere Währungsreserven abzubauen und ohne unsere relativ gün stige Position in der Nachhut des Inflationsgeleitzuges aufzugeben. Unsere Währungsreserven, die man mit weit mehr als 100 Milliarden Schilling beziffern kann (denn die Goldbestände, die noch mit 18 Milliarden Schilling zu Buche stehen, sind natürlich heute angesichts der Steigerung des Goldpreises fast fünfmal soviel wert), sind ein durchaus hinreichender Fettpolster, um noch einen ziemlich langen Marsch durch eine Konjunkturwüste gehen zu können. Auch ist unser Kreditaufnahmepotential auf den internationalen Kapitalmärkten gut und jedenfalls viel besser als das vieler anderer Industriestaaten, ganz zu schweigen von den Ostblockstaaten oder gar den Entwicklungsländern.

Von größter Bedeutung wird es nun sein,, wie wir mit zwei wirtschaftspolitischen Schwachstellen unseres Systems fertig werden. Die eine ist offenkundig, nämlich die relativ hohe Inflationsrate. Die andere ist der österreichischen Öffentlichkeit noch nicht zum Bewußtsein gekommen, nämlich die Verschlechterung unserer Leistungsbilanz infolge Verteuerung der Rohstoffe.

Oder, um es vielleicht etwas präziser zu sagen, jedermann weiß davon, aber wenige haben es so intensiv zur Kenntnis genommen, daß sie daraus die erforderlichen Konsequenzen zögen. Für beides ist nun die Einkommenspolitik van größter Bedeutung. Maßgebende Gewerkschaftsfunktionäre, insbesondere der Präsident des Gewerkschaftsbundes, haben dies seit langem erkannt und in Meinungsäußerungen zum Jahreswechsel auch klar gesagt. Hinsichtlich der Steigerungsraten der nominellen Einkommen war das Jahr 1974 ein Kulminationspunkt, denn wenn es das nicht war, dann können wir die Sohwachstellen unserer Wirtschaft nicht sanieren. Darüber daTf man sich nirgends Illusionen machen. Eine defizitäre Leistungsbilanz kann man kurzfristig durch Kapitalaufnahmen aus- gleichen, das heißt: man kann so eine ausgeglichene Zahlungsbilanz erzielen. Auf die Dauer kann man eine ausgeglichene Zahlungsbilanz aber nur erreichen, wenn eine Leistungssteigerung der österreichischen Volkswirtschaft gegenüber der Weltwirtschaft erzielt wird.

Die erhöhten Rohstoffpreise werden wir schlucken müssen. Binnenwirtschaftlich ist sowieso niemand da, dem man sie auflasten könnte, etwa dem Staat durch Subventionierung von Rohöl oder Reduzierung der Besteuerung von Benzin. Versuche, die in diese Richtung gingen und gehen, werden, wie man hoffen darf, am Finanzminister scheitern.

Durch Währungsmanipulationen, also vor allem durch Abwertungen, kann man, wie das Beispiel von Italien lind Großbritannien gezeigt hat, ein Zahlungsbilanzdefizit nicht sanieren. Vor allem nicht, wenn sie Hand in Hand mit einem kräftigen Inflationsprozeß gehen. Da aber beides, Inflatiomspolitik und Zahlungsbilanzdefizit, einer Wurzel entspringen, nämlich der Unfähigkeit der Gesellschaftsordnung oder der Wirtschaftsordnung des jeweiligen Landes, seine Probleme längerfristig zu lösen — ednfachheitshaiber gibt man die Schuld der Regierung —, ist es sehr leicht einzusehen, warum die Abwertung ihre Ziele nicht erreichten.

„Mehr leisten“ ist natürlich eine leicht hingesagte Parole. Die Verkürzung der Arbeitszeit scheint ja eher in die Richtung zu weisen, daß wir weniger leisten wollen, oder glauben, es uns leisten zu können. Dem soll natürlich nicht so sein, es soll nur in der verkürzten Arbeitszeit durch Rationalisierung mehr Leistung untergebracht werden können. Daß dies möglich ist, hat die Vergangenheit gezeigt. Als Volkswirtschaft mehr zu leisten, bedeutet aber, daß wir mehr exportieren werden müssen, um unsere teurer gewordenen Importe bezahlen zu können. Wir werden aber nicht nur quantitativ mehr exportieren müssen, sondern werden auch versuchen müssen, wertvollere Produkte zu exportieren. Der österreichischen Volkswirtschaft ist in den vergan genen Jahren der Sprung von einer Rohstoff und Halbfabrikate produzierenden Wirtschaft zu einer überwiegend Fertigfabrikate produzierenden gelungen, damit ist aber noch nicht das Ende unseres Weges erreicht. Nim gilt es, von den weniger wertvollen Fertigfabrikaten zu immer höherwertigeren den Weg zu finden, also, wenn man will, vom Rohr für die Pipelines zu den Manometern und Druckausgleichsstationen.

Das ist allerdings schon fernere Zukunftsmusik. 1975 steht uns der Anpassungsprozeß an niedrigere Wachstumsraten des Bruittonational- produkts bevor. In einem nicht ganz verständlichen Übereifer sprach man um die Jahreswende von einem Engerschnallen des Gürtels, während wir ihn doch in Wirklichkeit statt um fünf Löcher nur um drei Löcher weitermachen werden. Aber das ist auch so eine perspektivische Verzerrung, die sich aus der Extrapolation der Waohstumsraten ergeben hat, so daß wir glauben, jede Normalisierung und ein drei- bis vierprozentigas Wachstum, der Normalzustand für eine hochentwickelte Volkswirtschaft wie die österreichische, sei schon ein schwerer Rückschlag. Damit soll aber das Problem nicht bagatellisiert werden. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, daß ihr Lebensstandard nicht nur überhaupt steigt — obwohl sie es regelmäßig leugnen —, sondern, daß die Steigerungsraten immer größer werden als 5 Prozent in der ersten Hälfte der sechziger Jahre, 4 Prozent in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, 6 Prozent in der ersten Hälfte der siebziger Jahre. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre werden wir aber nioht bei 7 Prozent landen, sondern den nicht ganz leichten Weg einer Umkehr, einer Normalisierung gehen müssen.

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