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Zuversicht lernen

DISKURS
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Mehr Mut zum Optimismus

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Immer mehr Menschen- beklagen den Verlust persönlichen Handlungsfreiraumes und machen dafür Institutionen wie Staat und Kirche verantwortlich. Sie scheinen aber dabei das eigene Verhältnis zu diesen Einrichtungen zu wenig zu bedenken. Eine merkwürdige Beziehung des einzelnen zu Kollektiven jeder Art wird immer augenscheinlicher.

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Immer mehr Menschen- beklagen den Verlust persönlichen Handlungsfreiraumes und machen dafür Institutionen wie Staat und Kirche verantwortlich. Sie scheinen aber dabei das eigene Verhältnis zu diesen Einrichtungen zu wenig zu bedenken. Eine merkwürdige Beziehung des einzelnen zu Kollektiven jeder Art wird immer augenscheinlicher.

Wir—und ich spreche ausdrücklich von uns, denn der bequeme Begriff von „der Gesellschaft” mußte schon zu oft als Prügelknabe herhalten — haben einen selbsttrügerischen Mechanismus, unser eigenes Fehlverhalten zu beschönigen, entwickelt. Ähnliches gilt auch für unser Verhältnis zur Amtskirche. Wir stoßen uns an Vorfällen, etwa ausgetretenen Priestern und schlecht verwendeten Geldern irgendwelcher karitativer Sammlungen. So glauben wir genügend Gründe gefunden zu haben, um auf Distanz gehen zu können. Ein Alibiverhalten, eine Selbsttäuschung liegt auf der Hand. Für den persönlich gelebten Glauben nämlich ist, so einfach es auch wäre, keine Institution zuständig, sondern niemand anderer als ich selbst.

Abgesehen von diesem Problem, dessen Bewältigung alleine schon schwierig genug ist, dürfte heute vor allem der Glaube an das Gute, an das Positive, kurz der Optimismus besonders wenig verbreitet sein. Es stimmt, daß wir von der Möglichkeit des Atomkrieges bis zum Arbeitsplatzverlust vielen Situationen gegenüberstehen, die uns Angst machen, ganz einfach deshalb, weil diese Dinge mehr als je zuvor für uns Realität zu werden drohen.

Aber mehr als je zuvor müssen wir uns auch um den Glauben an die positive Veränderung bemühen. Wenn wir diese Zuversicht auch in unserem persönlichen Lebensbereich verlieren, kann in der Tat von einer Endzeitstimmung die Rede sein. Die Herausforderung liegt darin, eine Exposition nicht zu scheuen, ein Heraustreten aus dem Chor der Nachbeter, ganz gleich, in welche Richtung ein Mehrheitsdenken geht.

Das aber verlangt viel Mut, auch Zivilcourage genannt, und kann eine Außenseiterposition bedingen. Aus Erfahrung nämlich weiß ich (sieh' da, auch als sehr Junger), was es zum Beispiel heißt, wenn man nicht anonym wie bei Großkundgebungen, sondern im eigenen, kleinen Ort auf die Straße geht, um etwa gegen Panzer zu demonstrieren.

Aber nicht nur ein Aus-dem-Rahmen-Fallen, sondern auch eine erstaunliche Erkenntnis ist damit verbunden: nämlich die Tatsache wie viele Menschen ein Leben mit doppelter Gesinnung führen. Ein Leben mit einem durchaus ernstgemeinten Idealismus, vertreten in den eigenen vier Wänden, und einer offiziellen Mitläufermeinung. Um diese Gruppe geht es.

Sie zu einem Umdenken zu bewegen, wäre entscheidend. Nicht einige wenige werden den Durchbruch zur eben erwähnten positiven Änderung schaffen, sondern alle diejenigen, denen es gelingt, sich vom für den Moment vorteilhafter erscheinenden Opportunismus zu lösen. Auch Institutionen werden dann keine Steine des Anstoßes mehr sein, durch die man sich eingeschränkt sieht, sondern Orientierungshilfen, die Rückhalt bieten.

Mühelos ist die pragmatische Gangart. Erst der edlere Weg aber läßt uns reifen und Befriedigung finden. Den realistischen Optimismus, der uns gegen den Strom der Resignation trägt, wieder auf die Fahnen zu schreiben, sollte gerade das Anliegen ehrlicher Christen sein.

Der Autor, Jahrgang 1964, besucht das Stiftsgymnasium Wilhering.

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