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Mehr Rechte für die Ehern

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Vieje offene Fragen und Wünsche warten zu Schulbeginn auf den neuen Unterrichtsminister, dessen jüngste ,,Sparefroh"-Ge-danken In der eigenen Partei umstritten sind.

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Vieje offene Fragen und Wünsche warten zu Schulbeginn auf den neuen Unterrichtsminister, dessen jüngste ,,Sparefroh"-Ge-danken In der eigenen Partei umstritten sind.

FURCHE: Herr Minister, Ihre Sparvorschläge bei Schülerfreifahrten sind gerade in der SPO auf Widerstand gestoßen. Bleiben Sie bei diesen Vorschlägen? Stehen Sie damit nicht auf einsamem Posten?

ŽILK: Ich habe nie gesagt, daß man etwas einsparen muß. Ich habe nur gesagt: Alle reden von der Schulbuchaktion und von der sogenannten Milliarde, in der Zwischenzeit ist der Etat für die Schülerfreifahrten auf drei Milliarden gestiegen. Und wenn man vom Sparen spricht, so sollte man auch hier überlegen, ob es Möglichkeiten der Einsparungen gibt.

Ich kann nur sagen: Mich haben Leute angerufen aus der Umgebung Wiens und mir eine Reihe von Beispielen angeboten — die lasse ich jetzt fotografieren -, wo tatsächlich Kinder eine Autobusstation fahren oder zwei kurze, ohne eine Kreuzung zu überqueren. Und da weiß ich nicht, warum das so ungesund sein soll, wenn die ein bißchen gehen.

Niemand denkt dabei daran, daß man ein Kind drei Kilometer gehen läßt, über mehrere Kreuzungen, das soll mir doch niemand unterschieben. Ich war doch selbst Lehrer und weiß, daß die Schülerfreifahrt eine der größten Aktionen ist. Aber darüber nachdenken, ob es hier nicht auch gewisse Wucherungen gibt, das wird man doch noch dürfen.

FURCHE: Sie haben einmal gesagt, die Gesamtschule bleibe ein Ziel der SPO-Bildungspolitik...

ZILK: Ich weiß, daß es keine Mehrheit in dieser Sache geben wird, und daher haben wir die

Aufgabe, bestmöglich die vorhandenen Gesetze in die Tat umzusetzen. Es darf mir persönlich erlaubt sein zu sagen, daß ich daran glaube, daß meine Enkelkinder irgendwann die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen besuchen werden, die differenziert und leistungsorientiert sein wird. Ich wehre mich dagegen, daß man hier immer von einem Eintopf und mangelnder Leistungsbereitschaft spricht.

Diese Utopie leiste ich mir, und ich bin so überzeugt davon, wie ich als junger Lehrer 1946/47 überzeugt davon war, daß eines Tages niemand mehr die Frage der Koedukation zum Kulturkampf hochstilisieren wird.

FURCHE: Ihr Amtsvorgänger hat die Flut von Nachhilfestunden beklagt und Eltern und Schüler aufgefordert, besonders strenge Lehrer der Schulbehörde zu melden. Ist das auch Ihr Weg?

ZILK: Wir vverden uns damit beschäftigen. Ich habe zum Beispiel jetzt Auftrag gegeben, quer durch Österreich jene Klassen festzustellen, in denen extrem auffällige Beurteilungsergebnisse sind, es gibt ja Klassen, wo die Hälfte der Kinder durchfällt oder Schularbeiten grundsätzlich zu über fünfzig Prozent negativ sind. Da muß man sich anschauen, woran das liegt.

FURCHE: Aber Sie werden nicht direkt anEltem und Schüler herantreten?

ZILK: Ich möchte nicht, daß Sie dann wieder schreiben: Und jetzt widerlegt er wieder den Sinowatz, seinen Vorgänger. Man hat das einmal gemacht, und es war vielleicht ganz gut.

Ich glaube, daß wir unser Augenmerk auf die Stärkung der Schulgemeinschaftsausschüsse legen müssen, auf die Zusammenarbeit an der Schule.

Wenn ver die Schule weiterentwickeln wollen, können wir das nur mit den Lehrern machen. Und daher bin ich kein Freund von Wegen, die pauschaliter die Lehrer verunsichern, wohl aber muß man über vieles offen reden können.

Wir werden jetzt im Herbst schon das Schulunterrichtsgesetz novellieren und ganz entscheidende Faktoren hineinnehmen bei der Stellung der Eltern in der Schule, weil die Stärkung der Eltern innerhalb der Schule und auch die Verbesserung der Schülervertreter dazu beitragen wird, daß diese Probleme schon in der Schule selbst gelöst werden, und daß es daher gar nicht so entscheidend ist, daß die letzte Instanz hier gewissermaßen als Spürhund auftritt.

FURCHE: Wie stehen Sie zu der Idee, in Anlehnung an das Schülervertretungsgesetz auch den Eltern eine gesetzlich verankerte Vertretung auf Bundesebene einzuräumen?

ZILK: Wir beschäftigen uns außerordentlich intensiv damit, und ich möchte versuchen, daß wir eben in einigen Etappen alle diese Dinge verbessern und weiterentwickeln, ich kann aber noch nichts Genaues sagen.

FURCHE: Mit der Rücknahme des Schularbeitenerlasses sind Sie Schülerwünschen prompt entgegengekommen. Jetzt gibt es Wünsche, die auf Reformen bei der Landesschulsprecherwahl und Senkung derKlassenschüler-höchstzahlen zielen. Werden Sie auch diese Wünsche erfüllen?

ZILK: Was die Wahl betrifft, so bin ich durchaus gesprächsbereit, die Frage der Klassenschüler-höchstzahlen ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Ob ich in einer Klasse 35 Kinder habe oder 33, das kann mir kein Lehrer erzählen und auch kein Schulsprecher, daß das in Wahrheit das pädagogische Klima verändert. Und die Verbesserung, daß es statt 35 nur 25 sind, die werden wir uns nicht leisten können. Ich glaube, es müssen wirklich Maßnahmen sein, die sich sinnvoll auswirken, keine Augenauswischerei.

Nützen wir jetzt einmal unsere geistigen Reserven, die Möglichkeiten der neuen Gesetze, die uns eine neue Schullandschaft schenken können, die innere Straffung, die Mitwirkung der Eltern! Das alles liegt mir sehr am Herzen, da gibt es so viele Möglichkeiten, die Schule noch zu verbessern. Und dabei soll man nicht die Schülerzahl außer acht lassen, das ist gar keine Frage, aber das muß man halt im wirtschaftlichen Gesamtzusammenhang sehen.

FURCHE: Angesichts der Abmeldungen vom Religionsunterricht ist der Gedanke aufgetaucht, diese Schüler zu einem konfessionell nicht gebundenen Ethik-Unterricht zu verpflichten. Halten Sie diese Idee für bedenkenswert?

ZILK: Ich habe mich damit ehrlich gesagt noch nie beschäftigt. Ich kann Ihnen daher auch keine Antwort geben. An sich hat die ganze Schule die Aufgabe, einen ethischen Menschen zu erziehen. Ich halte vom Katalogisieren solcher Dinge gar nichts. Es gibt Leute, die wollen ein Fach „Friedenserziehung"! Ein Fach „Friedenserziehung" ist ein Holler, das sage ich Ihnen ganz offen und ehrlich, denn der ganze Unterricht hat Friedenserziehung zu sein.

Mit Unterrichtsminister Dr. Helmut Zilk sprach Heiner Boberski.

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