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Mehrere Wege fiir Eva — und keiner zurück

Zunächst einmah ich glaube nicht, daß es sie gibt, diese „neue Eva“ . Zwar ist die Lebensweise der Frau und das Denken darüber seit Jahrzehnten in einem Wandel begriffen, aber es hat keine plötzliche Trendumkehr stattgefunden: Verändert hat sich nicht die Eva, sondern die Perspektive, unter der sie analysiert wird.

Hat man sich bis vor wenigen Jahren mit der Abkehr vom traditionellen Rollenbild auseinandergesetzt, mit dem Vordringen der Frauen in Wirtschaft und Politik, ist dieses Thema in der Zwischenzeit unergiebig geworden. Alle Pro- und alle Kontra-Argumente sind ausgeschöpft worden, die

Diskussion stagniert, sie wurde von der Realität eingeholt, überholt.

Die Emanzipation hat stattgefunden. Es war eher eine stille Revolution, und das eigentlich Spektakuläre lag und liegt darin, daß es für die Frau nicht nur einen Weg, sondern mehrere Wege gibt. Den Weg in den Beruf und in die Öffentlichkeit, parallel zu Familienpflichten oder unter Verzicht darauf; den Weg des Drei-Phasen-Modells mit abwechselnder Innen- und Außenorientienmg imd Teilzeit-Kompromißmodelle; und den Weg zu Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentfaltung als Familienfrau mit mehr oder weniger starken Außenbezügen.

Keiner dieser Wege ist ohne Stolpersteine, es gibt die noch immer nicht überwundene Diskriminierung und die kaum bewältigte Mehrfachbelastung, den Perfektionismus und die Schuldgefühle, es gibt Fremd- und Selbstausbeutung, Integrationsund Reintegrationsprobleme.

Trotzdem ist es vielen Frauen gelungen, die verschiedenen Konfliktbereiche aufzubrechen und neu zu gestalten. Das Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie wird mit alternativen Beschäftigungsformen und Arbeitszeitregelungen ebenso aufgelockert wie durch Tagesmütter- und Nachbarschaftshilfeeinrichtungen, öffentliches Engagement verläuft vielfach in den unkonventionellen Bahnen von Bürgerinitiativen und neuen Konzepten der Kultur-, Sozial- und Gemeinwesenarbeit. Problemen im persönlichen, privaten Bereich wird mit Selbsthilfegruppen begegnet, in denen sich auch die oft angezweifelte Solidarität unter den Frauen deutlich manifestiert.

Aber die engagierte, aktive Frau, die ein Elternseminar organisiert, ein Frauenhaus leitet, ein Kommunikationszentrum gründet, einen Frauenbuchladen aufmacht, Biogemüse züchtet, im. Job-sharing einen Arbeitsplatz mit einer Freundin teilt, gegen den Bau einer Schnellstraße zu Felde zieht…, die ist schon nicht mehr unumstritten.

Zur Diskussion stehen heute wieder neue Entwicklungen, die kommerzielle und ideologische Ursachen haben. Mit Stöckelschuhen urid Nahtstrümpfen, mit Strapsen und Mieder, mit figurbetonter Kleidung und viel Farbe im Gesicht wird wieder ein Wunschbild mancher Männer und der Textil- und Kosmetikindustrie propagiert, als Reaktion auf Jeans und Schlabberpullover, die weniger Einblick und weniger Profit gewähren.

Das Rad der Zeit zurückzudrehen und das Heimchen am Herd auferstehen zu lassen, möchte die ideologisch geprägte Variante. Wenn Arbeitsplätze knapp sind, sollen sich die Frauen aus der Konkurrenz zurückziehen, umso-mehr, als die Gebärfreudigkeit zu wünschen übrig läßt, die Pensionen nicht gesichert erscheinen. Das hat pragmatisch-politische Gründe.

Wenn mächtige Interessen dahinter stehen, finden sich natürlich auch Meinungsforscher, Wissenschaftler und Journalisten, die einen solchen „Trend“ aufspüren, publizieren und auf die „seif ful-

filling prophecy“ hoffen.

Aus einer (wahrscheinlich auch manipulierten) plötzlichen Vorliebe für taillierte Kostüme nicht einfach auf veränderten modischen Geschmack, sondern auf eine „neue Weiblichkeit“ zu schließen, ist zwar nicht seriös, aber darauf kommt es nicht an. Auch ein Beweis für eine „neue Mütterlichkeit“ läßt sich ähnlich zustande bringen, wenn zwei oder drei prominente Schauspielerinnen mit 35 oder 40 Jahren noch ein Baby bekommen und höchst publicityträchtig auf ihre Karriere verzichten - bis zur nächsten Scheidung.

Leider kann man weder die kommerziellen noch die ideologischen Bemühungen um solche Rollenbilder für die Frau ignorie-

ren, sie gefährden nämlich zwei wesentliche Entwicklungen der letzten Zeit, die erfolgreich oder zumindest sehr erfolgversprechend waren.

So wie Frauen langsam, aber sicher, zu einem neuen Selbstverständnis und Selbstbewußtsein gelangt sind, das ihnen die Wahl zwischen verschiedenen Lebensformen ermöglichte (die Entscheidung zwischen Familie und Beruf, oder flen Entschluß zu bei-dem), haben auch Männer ihr Rollenbild überdacht und korrigiert. Die Entwicklung zur Partnerschaft ist in vielen Familien kein Schlagwort mehr, sondern gelebte Realität. Sie hat auch eine neue Definition und Einschätzung der Vaterschaft mit sich gebracht. Eine Entlastung der Mütter, aber auch ein vorteilhaft verändertes Verhältnis von Kindern und Vätern waren die Folge.

Nicht nur die Geheimnisse des Wickeins und Fütterns wurden den Männern zugänglich, sie sind sozusagen auf den Geschmack gekommen und überlegen Karrierepausen und Teilzeitlösungen im Beruf. Mütter von erwachsenen Söhnen sind heute stolz darauf, wenn diese selbst ihre Hosen bügeln, und Großväter (denen das bei den eigenen Sprößlingen nie in den Sirm gekommen wäre) kutschieren ihre Enkel im Kinderwagen herum.

All das wird aufs Spiel gesetzt, wenn aufgewärmte Frau- und Mutterideologien Platz greifen und dabei übersehen, daß es in der Zwischenzeit ja einen „neuen Adam“ gibt: den partnerschaftlichen und väterlichen Mann. Durch eine solche Entwicklung werden aber auch positive familienpolitische Ansätze und Errungenschaften gefährdet. Endlich gibt es nicht nur Karenzgeld und Karenzurlaub, sondern auch deren zeitliche Verlängerung und wahlweise Inanspruchnahme sind über das Diskussionsstadium hinaus gediehen. ^

Zu Familien- und Kinderbeihilfe kommen Überlegungen, den Einkauf von Versicherungszeiten betreffend, Ideen zum Steuersplitting und zur Partnerpension. Alle diese Maßnahmen würden die freie Wahl zwischen verschiedenen Lebensformen erleichtern und Härten ausgleichen. Sollten sie durch die Festlegung auf ein neu-altes Rollenbild (oder besser Klischee) hinfällig werden?

Dem Anspruch an die Politik, für Frauen in den unterschiedlichsten Situationen Modelle und Förderungsmöglichkeiten zu entwickeln, würde eine solche Entwicklung zuwiderlaufen… und der „neue Adam“ würde den Rückzug aus der Familie schnell wieder antreten, wenn er nicht mehr gefordert wird.

Die Autorin lehrt Arbeitsmarktpolitik an der Universität Linz und ist OVP-Abgeord-nete zum Oberösterreichischen Landtag.

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