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Mein Gott macht frei

Warum ich Christ bin": Dazu haben in dem gleichnamigen Buch, das Walter Jens 1979 im Münchner Kindler-Verlag herausgegeben hat, 24 namhafte A utoren Stellung bezogen. Einigen von ihnen erteilt in lockerer Folge auch die FURCHE mit freundlicher Genehmigung des Verlages das Wort. Wir beginnen mit dem auszugs weisen A bdruck des Beitrages des evangelischen Dogmatikers und Religionsphilosophen E. Jüngel, der bis 1966 Pfarrer und Dozent in Ostberlin war und seit 1966 im Westen (bis 1969 Zürich, seither Tübingen) wirkt.

Warum ich Christ bin? So kann man fragen. Ein Christ ist nie bloß ein Zufall oder unbefragbare Notwendigkeit. Christsein hat Gründe. Es mag zwar viel Zufall und noch mehr blinde Notwendigkeit im Spiel gewesen sein, als ich ein Christ wurde. Doch nun bin ich es und will es gern sein.

Wer Ich sagt und Christ, und wer das gern sagt „Ich bin ein Christ", der hat viel gefragt und ist bereit, sich befragen zu lassen. Und inmitten vieler möglicher Antworten wird er eine einzige nennen, die ihn seines Christseins jenseits - oder auch diesseits - von Zufall und Notwendigkeit gewiß macht.

Die eine einzige Antwort wird sich vielfach formulieren lassen, ohne deshalb schon eine jeweils andere Antwort zu sein. Darauf kann man es ankommen lassen. Ich formuliere sie so, daß der, der sie verstehen will, sich auf eine Geschichte einlassen muß.

Ich bin Christ, weil ich mit dem Wort „Gott" etwas anfangen kann und

glaube, daß Gott erst recht mit mir -und keineswegs bloß mit mir - nicht nur etwas anfangen kann, sondern längst schon etwas angefangen hat.

Von Gott aus dem Nichts ins Dasein und zur Welt gebracht worden zu sein -das ist ein guter Anfang. Durch Gott vor den Gefahren des Nichts im Dasein bewahrt zu werden - das ist mehr als nur Anfang.

In Jesus Christus aus der Selbstvernichtungstendenz der Menschheit definitiv errettet dazubleiben und trotz aller selbstverschuldeten Unfreiheit als ein freier Herr aller Dinge anerkannt zu werden, der niemandem Untertan ist -das ist inmitten eines sein eigenes Ende bewirkenden Lebens noch einmal ein neuer und erst recht ein guter Anfang, der mich, wenn ich nicht schon Christ wäre, veranlassen würde, sofort einer zu werden.

Und nun bin ich gespannt, wie Gott zu Ende führt, was er längst schon begonnen hat. Im Vertrauen auf ihn lebe ich. Im Vertrauen auf ihn hoffe ich, sterben zu können.

Daß Gott mit mir, aber nicht nur mit mir, etwas angefangen hat, ist allerdings eine ambivalente Gewißheit. Es könnte mich wohl auch verrückt machen, daß ein Gott mich geschaffen hat samt allen Kreaturen.

Denn das heißt immerhin, daß alles gleichermaßen: daß Freude und Leid, Leben und Tod, mathematische Eleganz und verhungernde Kinder, königliche Gedanken und lächerliche Zahnschmerzen, Don Giovannis Champagner-Arie und die Schreie gefolterter Menschen, Botticellis Frühling und marschierende Stiefel, entzücktes und verzweifeltes Schweigen, Wirtschaftswunder und Terrorismus, der Duft der Linde im Juni und Gasmaken, Energiegewinn und Hiroshima, Seveso und wer weiß noch, Sils-Baselgia und die Habilitationsschrift von ... im Koffer, der Papst und die Pille, die Pille und der Papst, Herren und Knechte, Katzen und Mausefallen, Roter Platz und Stalins Leiche etc., Martin Heidegger und das Dritte Reich - ganz zu schweigen von Bloch! -, meine Pflicht und mein

Versagen, der gestirnte Himmel über uns, das moralische Gesetz in uns und die nur zu oft unmoralische Geschichte, die. durch uns geschieht, mit ihren gleichwohl lebenswerten Einzelgeschichten - daß das alles, eines wie das andere dem Erzanfang entsprungen ist, den ein Gott gesetzt haben soll.

Nein, dieser Anfang allein kann mich, weil er mir allenfalls einen allmächtigen Schöpfer, der ebensogut ein Teufel sein könnte, plausibel macht, nicht dazu bewegen, mit dem Wort „Gott" etwas anzufangen. Es sei denn, dem mit ihm Gemeinten als einem zwar unendlich überlegenen, aber zutiefst zweideutigen Herrn einen sicher vergeblichen, dafür aber um so ehrenwerteren Kampf anzusagen.

Allmacht allein zwingt mich nicht in die Knie, sondern nur in den Tod, und davor vielleicht in die Furcht. Das allmächtige Wesen mag ein faszinierender Gott sein; mein Gott ist es nicht.

Mein Gott fasziniert nicht. Faszinie-

ren heißt fesseln. Mein Gott macht frei. Seine Allmacht erweist sich in der Ohnmacht des Todes, den einer von uns, den der Mensch Jesus, gestorben ist. Seine Geschichte ist meine und nicht nur meine Geschichte.

Mein Gott teilt menschliche Schande, menschliches Elend, mein Leid - und nicht bloß das meine. Mein Gott setzt gegen alle Machtansprüche auf Erden und im Himmel - und erst recht in der Hölle, die hier wie dort warten kann! - die Verheißung, daß am Ende nur die Liebe allmächtig ist.

Liebe - das ist Allmacht konkret. Denn die Liebe fürchtet sich nicht vor ihrer eigenen Ohnmacht. Darin ist sie allmächtig. Ihre Ohnmacht erleben wir, mehr als uns lieb ist. An ihre Allmacht glaube ich, weil sie in einem ohnmächtig Liebenden, im gekreuzigten Christus, Gott selbst als die Liebe identifiziert hat.

Der Gott, der keine andere Allmacht kennt als allein die der Liebe, der kommt mir nahe. Der kommt mir näher, als ich mir selber nahe zu sein vermag - so sehr, daß ich nun nicht mehr mir selbst der Nächste sein kann, sondern aus Freiheit „ein dienstbarer Knecht aller Dinge" und in der Liebe „jedermann Untertan" zu sein, wenigstens immer wieder versuchen will.

Denn mein Gott ist eben nicht allein mein Gott, sondern unser himmlischer Vater, der auf Erden jeden Menschen zum Dienst an der Freiheit des anderen lockt.

Statt zu befehlen, statt in Marsch zu setzen, lockt und bittet er uns auf den allerdings stets gefährlichen, durch Höhen und Tiefen, vielleicht aber auch nur - noch gefährlicher! - durch langweiliges Flachland führenden Weg, den der Eine, Jesus Christus, auf seinem Weg vom Stall zum Kreuz uns allen gebahnt hat: den Weg des Vertrauens in die befreiende Macht der Liebe, die uns menschlich macht und immer noch menschlicher werden läßt.

Und wenn ich unterwegs stolpere, falle, dann bist Du bei mir, mein Herr und Gott! Weil ich mich von Dir habe locken lassen, deshalb ...

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