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Mensch, Du Gen-Container

Atemberaubend sind die Fortschritte der biologischen Wissenschaften und der auf ihnen aufbauenden Biotechnik. Johannes Huber, Dozent an der ersten Wiener Universitäts-Frauenklinik, weist in der ersten Hälfte eines ausführlichen Beitrags in der „Presse“ (19./20. September 1987) auf einige der neuen Möglichkeiten hin.

Die medizinischen Wissenschaften seien den Quellen des Phänomens „Leben“ eine Stufe näher gerückt, seit man Erkrankungen mit genetischen Störungen kausal in Beziehung setzen kann. Im Bereich der Gene sei nämlich jene Information gespeichert, die den Code für die Eiweißkörper, „die Bausteine unseres Körpers“, abgibt.

Bei einigen Krankheiten hätte man schon jetzt diese Beziehung erkannt und könne sie schon vor der Geburt diagnostizieren.

Faszinierender, aber auch problematischer sei die Anwendung dieser Methode auf Erwachsene, meint Huber weiter. Da erst merkt der Leser, daß die vorgeburtliche Diagnose offensichtlich Probleme bringt. Leider werden sie nicht angesprochen. Sie würden nämlich die Faszination des Zugangs relativieren. Bei Genschäden wird nämlich meist abgetrieben.

Wo liegt aber das „größere“ Problem bei Erwachsenen? Man könnte den konstitutionellen Schwächen des Menschen auf die Schliche kommen, würde also etwa eine Neigung zu Gefäßerkrankungen erkennen.

So sehr eine solche Information wirtschaftlich etwa für Versicherungen interessant sein mag, so sehr stellt das Wissen um spätere Behinderung oder frühen Tod für den einzelnen eine schwere Belastung dar. Da erkennt auch der faszinierteste Naturwissenschafter das ethische Problem. Nur, was das für die weitere Bioforschung bedeutet, sucht man in Hubers Ausführungen vergeblich.

Vielmehr führt er den Leser im zweiten Teil seiner Ausführungen in die Welt möglicher weiterer Entwicklungen. Die drei Milliarden Basenpaare des menschlichen Genoms werde man entziffern. „Das Konzept zum fünften Schöpfungstag der Bibel wäre damit entdeckt“, interpretiert Huber.

Das sei klar, gehe es doch um den „Sitz des Lebens. Er regle nicht nur alle psychischen und physischen Reaktionen von der Empfängnis bis zum Tod, er präjudiziere auch alle körperliche Vorgänge, alle perzeptiven und reflektorischen Leistungen des Organismus.“

Spätestens da wird die Sache, über die der Autor referiert, gruselig. Hier überschreitet die Wissenschaft in unzulässiger Weise ihre Grenzen: Man beobachtet einzelne Querbeziehungen zwischen körperlichen und genetischen Gegebenheiten. Das ist heutiger Stand des Wissens.

Aber, statt bescheiden diese beschränkte Einsicht der unüberblickba-ren Vielfalt menschlicher Lebensäußerung entgegenzustellen und sie damit zu relativieren, wird das bruchstückhafte Teilwissen großzügig auf das ganze menschliche Verhalten ausgedehnt. Im Handumdrehen wird der Mensch zur vorprogrammierten Maschine.

Es kommt aber noch schlimmer: Der Genfaden als Sitz des Lebens sei „auf Grund des ihm innewohnenden Uberlebensdranges Ursache für egoistisches Verhalten und... auch für die Aggression“.

Plötzlich werden die Gegebenheiten auf den Kopf gestellt. Nicht mehr der im Dienste des ganzen Wesens stehende Teil wird in seiner besonderen, jedoch immer noch dienenden Funktion ins Auge gefaßt. Sondern der Teil wird zum eigentlichen Akteur.

Auf einmal steht das vom Biologen Richard Dawkins geprägte Wort vom „egoistischen Gen“ im Raum. Der informationstragende Baustein bekommt personalen Charakter verpaßt:

„Gene steuern das Verhalten ihrer Behälter, der tierischen und menschlichen Organismen, nicht unmittelbar wie Marionetten, sondern mittelbar über den Computer-Bau, den sie dem Körper jnitgeben... Nun sind aber die Gene Meisterprogrammierer, sie programmieren um ihr Leben, werden danach beurteilt, wie erfolgreich ihre Programme all den Gefahren gewachsen sind, die das Leben ihren Behältern, das heißt den Organismen, entgegensetzt.“

Nicht das „einzelne Individuum ist das Besondere des biologisch verstandenen Lebens ..., sondern die Signale des genetischen Fadens stellen den eigentlichen, den schutzbedürftigen Sitz des Lebens dar“.

Das sind starke Aussagen, die weit über wissenschaftliche Kompetenzen hinausgehen. Aber selbst ihre wissenschaftliche Basis ist fragwürdig. Wer nur irgendwann einmal mit Computern zu tun bekommen hat, erkennt, daß hier Wesentliches durcheinandergeworfen wird.

Der Computer ist das Eigentliche, und die Informationsspeicher stehen im Dienste seiner Leistung — und nicht umgekehrt. Er ist nicht Behälter zum Schutze der in den Speichern enthaltenen Information. Kein Mensch käme auf diese absurde Beschreibung moderner Datenverarbeitung.

Und weiters: Die Speicher programmieren nicht. Sie werden programmiert. Sie tragen Information und stellen sie nicht her. Ohne Einwirkung von Geist und ohne geistige Wahrnehmung gibt es keine Information. Gene sind ebensowenig Programmierer wie Speicher in einem Computer.

Möglicherweise sind sie Träger des Lebens — können aber nicht um „ihr Leben programmieren“! Denn Leben ist Merkmal der lebendigen Einheit, nicht aber des informationstragenden Teils einer solchen Einheit. Gerade das Bild des Computers hätte man verwenden können, um die Bedeutung des Geistes herauszuarbeiten - und des „göttlichen Programmierers“.

So aber werden entscheidende Begriffe durcheinandergebracht. Das Ergebnis ist dementsprechend: Da spielt sich dann „der Kampf ums Dasein nicht zwischen Organismen, sondern zwischen den ihnen zugrunde liegenden Genomen ab“. Die Gene „schufen zu ihrem Uberleben Körper“. Sie „schufen uns Körper und Geist, und ihr Fortbestehen ist der letzte Grund unserer Existenz“, wird Dawkins zitiert.

Gene würden von Körper zu Körper weitergereicht und „kommen nahe an das heran, was den Namen .Unsterblichkeit* verdient“. Und: „Danach wäre die einzige und .ewige' Funktion des Menschen die, eben ein Gen-Container zu sein“, folgert Huber.

Welch schöne und humane Sicht! Wer sich schon mit dem Gedanken befreundet hatte, ein heimatloser Zigeuner am Rand des Weltalls oder ein nackter Affe zu sein, darf wieder einmal „umdenken“: Auch das war noch zu viel der Ehre. Wisse, Du bist ein Gen-Behälter, lieber Zeitgenosse.

Allerdings einer, dem die neueste Technik gestattet, diese Gene wiederum zu manipulieren. Spätestens hier wir die Absurdität des Ganzen offenkundig. Das hat längst mit Wissenschaft nichts mehr zu tun. Es belegt nur, daß menschlicher Geist die tollsten Kapriolen schlagen kann.

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