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Menschen als Abfall

1945 1960 1980 2000 2020

ZUR DISKUSSION Die Kirche sagt strikt nein zur In-vitro-Fertilisation. Warum ist sie bereit, sich mit allen - auch mit vielen Chri- sten - anzulegen? Welche schwerwiegenden Gründe stecken dahinter?

1945 1960 1980 2000 2020

ZUR DISKUSSION Die Kirche sagt strikt nein zur In-vitro-Fertilisation. Warum ist sie bereit, sich mit allen - auch mit vielen Chri- sten - anzulegen? Welche schwerwiegenden Gründe stecken dahinter?

Zunächst einmal muß man fest- stellen, daß es sich bei der In-vitro- Fertilisation (IVF) um eine Technik mit einer ganz miserablen Effizienz handelt. «Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen ist es eine „stam- melnde" Technik. Von 100 Paaren, die zum Arzt gehen, bekommen zu guter Letzt maximal 15 ein Kind. Vor allem aber verschwendet diese Methode wahnsinnig viele Embryo- nen.

Die Kirche sieht vor allem zwei große Probleme mit der IVF ge- geben. Zunächst einmal eben diese Zerstörung von Embryonen. Dazu muß man den Status des Embryos betrachten. Hat er ein Lebensrecht? Auch hier stehen sich zwei Sicht- weisen gegenüber.

• Da gibt es einmal jene Position, die dem Menschen eine eingebore- ne Würde zuerkennt. Sie hat ihr Fundament in der Transzendenz des Menschen im Bezug zu den Dingen. Es ist außerdem die Sichtweise, die der Logik der Menschenrechte ent- spricht. Mit dieser Logik schmük- ken sich heute ja viele, vor allem die Demokratien. Dieser Logik zufolge sind diese Rechte dem Menschen nicht von anderen Menschen ge- währt, sondern basieren auf dem Wesen des Menschen.

Übrigens ist das auch die Sicht des Menschen, der liebt. Lieben - das will sagen: Ich liebe dich, weil du bist. Du - weil du Mensch bist und nicht weil du dies oder jenes kannst. Und diese Zusage gilt für den Greis ebenso wie für den be- hinderten Menschen, aber insbe- sondere auch für den Embryo, die- ses gesichtslose Wesen.

Und trotzdem: Er ist ein Mensch! Selbst imEin-Zellen-Stadium wird ein Biologe feststellen können, daß es sich um einen menschlichen Embryo handelt, wenn er erkennt, daß er 26 Chromosomen hat.

Dieser Embryo braucht nichts als die Nahrung, die vom Körper seiner Mutter kommt. Vom Mo- ment der Zeugung an ist die Dy- namik vorhanden, die in ihm die menschliche Entfaltung geschehen läßt.

So wird deutlich, daß der Zeit- punkt der Befruchtung ein ganz außergewöhnlicher Moment ist. Ganz einfach deswegen, weil er eine unmmittelbare Bedeutung für die Existenz hat - so wie der Zeit- punkt des Todes. In beiden Fällen gibt es jeweils ein vorher und ein nachher.

Erlebt man mit, wie jemand stirbt, so erkennt man zunächst noch, daß die Person lebt. Und einen Moment darauf wird deutlich, daß sie tot ist. Da wird klar: Es gibt einen ge- nauen Zeitpunkt, in dem der Mensch stirbt. Und ebenso gibt es einen eindeutigen Moment, in dem der Mensch ins Leben tritt. Und dieser ist übrigens der wichtigere Zeitpunkt, denn der Tod ist nur der Ubertritt in ein neues Leben.

Der Embryo strahlt also seine Würde zu einer Zeit aus, da er noch von niemandem erkannt ist.

• Betrachten wir nun die andere Art, den Menschen zu sehen: Hier hat er eine Würde, die ihm von anderen zugesprochen wird. Dann muß der Embryo beispielsweise bestimmte Kennzeichen aufweisen: die Einnistung in der Gebärmutter für die einen, die ersten Gehirnim- pulse für andere, die Beweglichkeit für dritte oder auch das Selbstbe- wußtsein. In letzterem Fall hätte ein menschliches Wesen nicht vor dem Alter von zwei Jahren Men- schenwürde erlangt. Vorher wäre es gewissermaßen auf Abruf da.

Wollen wir in der Logik dieser Theorie bleiben, so führt das dazu, daß wir alle mehr oder weniger wertvoll sind. Und unser Wert würde sich zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens ändern. Sobald der jeweilige bedeutsame Wert ver- schwindet, würden wir eben zu Gegenständen. Jeder müßte dann laufend seine Würde nachweisen. Man muß sich einfach klar machen, daß bei dieser Frage auch die nach der Zukunft der Menschheit - ganz zart und unauffällig - gestellt wird.

Diese Haltung ist jedenfalls mei- ner Ansicht nach eindeutig ein Rückschritt im Vergleich zu dem, was in den Menschrechten festge- schrieben worden ist. Dort heißt es: Jeder Mensch hat ein Recht auf dieses, jeder Mensch hat ein Recht auf jenes... Da ist von der unteilba- ren und absoluten Würde des Men- schen die Rede.

Nun stellt sich allerdings die Fra- ge: Was ist von der IVF zu halten, sobald keine Embryonen mehr zer- stört werden?

Da sind wir nun beim zweiten Problem, dem der Trennung zwi- schen ehelichem Akt und Zeugung. Aber ist das wirklich ein so wichti- ges Problem?

Ich möchte zunächst eine Frage von Francois Jacob aufgreifen. Sie läßt erkennen, wie die menschliche Natur vorbereitet worden ist. Diese Frage lautet: Warum muß man zu zweit sein, um einen dritten zu zeugen? Es ist ja offensichtlich, daß die Sexualität keine notwendige Voraussetzung für das Leben ist. Denn viele Organismen pflanzen sich asexuell fort und scheinen dennoch glücklich zu sein, fügt Jacob hinzu.

Seiner Meinung nach müßten es deswegen zwei sein, damit ein ganz Neues entstehen kann. Dieses an- dere ergibt sich aus dem Zusam- menfügen von zwei, ohne daß dabei gleichzeitig eines von den beiden Ursprünglichen herauskommt. Hier finden wir gewissermaßen in der „Evolution" die Vorbereitung ei- nes Systems, das seinen vollen Sinn in der Hingabe von zwei Personen zur Zeugung einer dritten findet. Dieser Mechanismus aber, der eine enge Vereinigung der Körper be- dingt, enthüllt seinen Sinn erst in der Person.

Diesbezüglich gilt es festzuhal- ten, daß jedes andere System der Weitergabe menschlichen Lebens als die Vereinigung von Geist und Körper unangemessen wäre, un- angemessen ist und sein wird. Und warum? Weil dazu vollkommene Liebe, also die geistige, affektive und körperliche Hingabe von zwei Personen erforderlich ist, um in Übereinstimmung mit dem Han- deln Gottes zu sein, der das Leben schenkt. Hier erkennt man die Bedeutung des Körpers. Wie kann man da sagen, die Kirche sei leib- feindlich?

Nun möchte man die Trennung dieser beiden Geschehen banali- sieren - ebenso wie man übrigens die Sexualität banalisiert hat.

Um sich damit auseinanderzu- setzen, müßte man zunächst einmal die enorme Frustration zur Kennt- nis nehmen, die heute mit der Se- xualität verbunden ist. Sie ist auf folgende Grundtatsache zurückzu- führen: Über den sexuellen Trieb hinaus, sucht der Mensch in der sexuellen Vereinigung nach einer wahrhaften Begegnung, hat er Sehnsucht nach dem anderen in sei- ner Unbegrenztheit. Und diese Sehnsucht kann nicht banalisiert und weggewischt werden. Sie drängt ja nicht nur nach Vereini- gung mit dem anderen, sondern auch dazu, sich dem andern hinzu- geben.

Diese Sehnsucht verwirklicht sich nur, wenn ich mich dem anderen hingebe, ganz, treu, mit einer Hin- gabe, die die Offenheit für eine neue Unendlichkeit in der Zeugung er- öffnet. Diese Unendlichkeit ist die Gabe Gottes an einen Mann und eine Frau, die sich hingeben. Wir suchen den anderen zutiefst in sei- ner Unbegrenztheit.

Wir sollten die Dinge aber auch noch aus der Warte des Embryos betrachten: Der Eintritt eines Men- schen ins Leben ist wahrscheinlich der großartigste Augenblick, der sich im Universum abspielt. Wür- den wir die Dinge richtig betrach- ten, würden wir das erkennen. „Donum vitae", diese römische Instruktion über die Weitergabe des Lebens, die mich in allen meinen Ausführungen inspiriert, hält die Einmaligkeit dieses Augenblicks fest. Denn der Mensch kommt nicht langsam zum Leben. Nein, plötz- lich ist er lebendig.

Der Einmaligkeit dieses Beginns kann aber kein Vorgang angemes- sen sein, der der Kategorie des Machens, der Fabrikation ent- spricht. Da herrschen nämlich die Gesetze der Rentabilität, der Sta- tistik, der Chemie, wie man es ja bei der künstlichen Befruchtung auch tatsächlich erlebt. Da sucht der Arzt geeignete Ei- und Samenzellen aus, eliminiert jene, die weniger geeig- net erscheinen. Da läuft ein techni- scher Prozeß ab in einer vollkom- men anonymen, austauschbaren Umgebung.

Am Lebensbeginn einer Person hat ein Vorgang zu stehen, in den Personen in ihrer ganzen Perso- nalität involviert sind. Dort, wo sich der ganze Mensch einbringt, spielt sich nicht nur ein Machen und ein Handeln ab. Nur ein Akt der Liebe (er ist sowohl geistig als auch körperlich, drückt die innere Einstellung durch eine äußerliche Geste aus) ist daher angemessen für den Vorgang, einem Menschen das Leben zu schenken.

Ein Kind, das in der Retorte sei- nen Ursprung hat, wird verletzt - zumindest in seinem Recht aus der sexuellen Vereinigung seiner Eltern zu stammen.

Ein Akt der Liebe

Noch einige Worte, über die Fehl- entwicklungen der IVF. Sie sind in der Logik des Systems, nicht etwa nebensächliche Anhängsel. Durch dieses Verfahren ist der Embryo in den Händen des Experimentators. Früher hatte man den Embryo nie verfügbar. Plötzlich aber ist er da. Man kann mit ihm etwas machen, man kann ihn manipulieren. Die wichtigste Form dieser Manipula- tion ist die Aufbewahrung in tief- gekühlter Form. In diesem Zustand können sie fast unbegrenzt lang aufbewahrt werden. Diese Tiefküh- lung zerstört aber etwa 25 Prozent der Embryonen.

Die zur Erzielung der Schwan- gerschaft erzeugten Embryonen, die nicht eingepflanzt werden, gelten als überzählig. Sie sind das große Problem der IVF-Zentren. Jeder fragt sich nämlich: Wem ge- hören denn diese Embryonen? Die einen sagen: dem Laboratorium, die anderen den Forschern, dritte den Eltern. Und man kann nicht genug darauf hinweisen: Sie ge- hören niemandem, denn sie sind Personen!

Und Personen haben Rechte. Das erste dieser Rechte lautet: Sie haben ein Recht geboren, also ein- gepflanzt zu werden. Die Eltern haben die Pflicht, diese Kinder aufzunehmen - auch wenn sie es nicht wollen. Es gibt keine andere Lösung für das Problem der „überzähligen" Embryonen. Eine Technik, die Menschen als Abfall produziert, zeigt allein dadurch schon ihr wahres Gesicht.

Der Autor ist Arzt und Theologe, sein Beitrag ein Auszug aus einem Vortrag in Fribourg im November 1989.

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