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Michael Pfliegler

In den Nachrufen auf Otto Mauer Ist erst jüngst wieder auf die so starke prägende Wirkung hingewiesen worden, die für ihn wie für so viele Angehörige seiner Generation die Begegnung mit Karl Rudolf, Michael Pfliegler und der katholischen Jugendbewegung im Bund Neuland gehabt hat, und auch Kardinal König hat in seinen Worten des Abschieds im Stephansdom diese ja auch für ihn selbst geltende Beziehung erwähnt. Die von Franz M. Kapfhammer in Zusammenarbeit mit Irmgard Gindl, Fritz Hamp und Rudolf Hauser herausgegebene Dokumentation „Seiner Zeit voraus — Micheal Pfliegler —> Aktuelle Texte“, zunächst als Freundesgabe zum 80. Geburtstag gedacht, ist, wie Pflieglers Nachfolger auf der Lehrkanzel für Pastoraltheologie an der Universität Wien, Ferdinand Klostermann, in seinem Vorwort mit Recht betont, nicht nur eine Gedächtnisschrift über ihn, sondern er kommt hier selbst noch einmal zu Wort: „Noch einmal hören wir den jungen, mitunter zornigen Großstadtkaplan, der sich mit aller materiellen und geistigen Not des Krieges und Naohkrieges konfrontiert sah; den geistigen und geistlichen Inspirator einer an der kleinbürgerlichen Seheinwelt und einer verbürgerlichten Kirche verzweifelnden jungen Generation, der sie wieder in die Arena des Geistes führte und wieder fragen, hoffen, glauben und lieben lehrte; noch einmal hören wir den Erzieher, Religionslehrer, Arbeiterseelsorger, Volksbildner, Universitätslehrer und, was er in allem vor allem war, den Mann und Christen, den Propheten und Priester, den Künder und den „Vorangeher im Glauben“. Noch einmal kommen die entscheidenden Themen zur Sprache, die sein Leben bewegten und die identisch waren mit den Fragen, die seine Zeit bewegten und auf die er Antworten suchte. Noch einmal ersteht dieses unerhört reiche und aktive Leben eines Menschen vor uns, der ein gutes. Stück der geistig-kulturellen Landschaft Österreichs und die österreichische Kirche von heute entscheidend gestaltet hat, der durch sein literarisches Werk weit über Österreich, ja über Europa hinaus (gewirkt hat, der viele Ideen des Zweiten Vatikanischen Konzils vor-ausgedaoht und dadurch dieses Konzil mit vorbereitet und ermöglicht und bei alldem selbst die Tiefe und die Mitte nie verloren hat.“

Mit sehr viel Liebe und Einfühlungsgabe ausgewählte Stellen aus Pflieglers Büchern und Aufsätzen, aus Manuskripten von Reden und Vorträgen, aus Briefen an seine Freunde und aus seinen Tagebüchern verbinden sich zu einem eindrucksvollen Lebensbild, ergänzt durch „Stimmen der Freude“, meist zu seinem 80. Geburtstag und dann nach seinem am 11. Oktober 1972 erfolgten Tod, sowie durch ein Verzeichnis seiner 31 Bücher, von denen etliche viele Auflagen erlebten und in zahlreiche fremde Sprachen übersetzt wurden.

Dennoch und obwohl Pfliegler zu Lebzeiten dreimal durch eine Festschrift — zum 50., 60. und 70. Geburtstag — geehrt wurde, ist eine gewiß nicht unwesentliche Seite seines Lebens und Wirkens in allen ihm gewidmeten Werken und auch in dieser Dokumentation seltsam „unterrepräsentiert“ — Pflieglers ein volles Jahrzehnt währende Tätigkeit als Religionsprofessor am Döblinger Gymnasium, obwohl er, wie der Herausgeber in dem Kapitel „Der Erzieher“ zutreffend schreibt, „mit seinen Schülern bald ins Gespräch“ kam, er „der geborene Erzieher“ war, viele Schüler auch „außerhalb der Schule zu ihm“ kamen und er eine Reihe von ihnen „auch nach der Matura nicht aus den Augen“, verlor (S. 30 f.).

Das ist alles richtig und ebenso natürlich auch die Tatsache, daß die Erfahrungen dieses Jahrzehnts in seinen Büchern, und hier nicht nur in den für den Religionsunterricht bestimmten, fruchtbar geworden sind. Doch sei aus dem eigenen un-vergeßlichan Erleben ergänzend berichtet, daß der so ungewöhnliche Katechet mit dem jungen Gesicht

und dem vorzeitig ergrauten Haar die unruhige Jugend der Zwischen-kriegszeit im Klassenzimmer nicht nur fesselte und begeisterte, sondern daß wir, obwohl oder gerade weil wir ihn alle wirklich sehr gern hatten, ihm das Leben bestimmt nicht leichtmachten. So steht neben der Erinnerung an die schönen Adventsstunden, in denen er uns die echten alten Weihnachtslieder aus den Alpenländern beibrachte, oder an die Stunden, in denen er so anschaulich und von kuriosen Bild- und Druckwerken aus seiner privaten Sammlung unterstützt, von den Verirrungen des Aberglaubens zu berichten wußte, oder an jene, in denen er im Zusammenhang mit der Liturgie den im Gymnasiallehrplan fehlenden Kunstgeschiohtsunterricht ersetzte, auch die Erinnerung an die Stunden, in denen unsere oft so dumimen und provozierenden Fragen — ob es denn wahr sei, daß der Papst ein goldenes Telephon habe und daß es

im Vatikanstaat einen geistlichen Fußballklub gebe und ähnliches mehr — ihn zu einem richtigen Zornausbruch verleiteten, er mit der Faust oder dem Klassenbuch auf den Katheder schlug und ausrief: „In diesem Ton red' ich nicht weiter!“ Natürlich steigerten wir uns oft gegenseitig in einen unedlen Wettstreit, wer als erster diese Zornausbrüche provozieren, wer die frechsten Fragen zu stellen vermöchte, und Pfliegler pflegte daher auf uns oft das Wort von Wilhelm Busch abzuwandeln: „Einzeln sind sie höchst erbaulich, doch als Ganzes unverdaulich.“

Es war wohl auch auf diese Erfahrungen zurückzuführen, wenn er in einer seiner Schriften damals beklagte, daß der Religionslehrer in den öffentlichen Schulen über der Notwendigkeit, auf alle aus den anderen Unterrichtsfächern stammenden Fragen ■ einzugehen, selbst nicht zu einem planmäßig aufgebauten eigenen Unterricht komme; aber als dann nach 1945 von übereifrigen Kämpfern für die Bekenntnisschule der Wert des Religionsunterrichts an nichtkonfessionellen Schulen überhaupt bestritten wurde, hat er sich sehr energisch gegen solche Auffassungen gewandt, die das Kind mit dem Biade ausschütteten.

In meiner Gymnasialzeit (1924 bis 1932) wirkte sich die Zuspitzung der innenpolitischen Gegensätze begreiflicherweise in ständig wachsendem Ausmaß auch in der Schule aus und so verfolgten wir mit regem Interesse und leidenschaftlicher Anteilnahme auch gerade die Bemühungen „unseres Pfliegler“, mit den Sozialdemokraten ins Gespräch zu kommen. In seinen überfüllten Vorträgen bei den „Religiösen Sozialisten“ auf dem Aisergrund bin ich natürlich .gewesen und die Folge war, daß ich dann durch mehrere Jahre die Zeitung „Der religiöse Sozialist“, beziehungsweise „Der Menschheitskämpfer“ bezog. Andere aus unserer Klasse verschrieben sich in jenen Jahren den krausen Lehren des Ehepaares Ludendorff und des „Tannenberg-Bundes“ und so stand einmal vor der letzten Religionsstunde des alten Jahres auf unserer Tafel: „Große Weihnachts-(Jul)feier: Fest-

redner Genosse Pfliegler, mitwirkend der Tannenberg-Bund-Chor.“

In jenen Jahren, in denen die Gräben zwischen den „drei Lagern“ in Österreich immer tiefer wurden, war ein Mann wie Pfliegler auch schon deshalb eine besondere Erscheinung, weil er eigentlich jedem dieser Lager, aber keinem ganz, angehörte. Seine Herkunft aus dem katholischkonservativen Lager hat der einstige Führer des „Christlichdeutschen Studentenbundes“ nie verleugnet, trotz seiner späteren Gegnerschaft gegen eine parteipolitische Einengung von Christentum und Kirche. Er hat sich aber damals und auch später stets auch als „deutscher Priester“ gefühlt und als solcher verstanden wissen wollen. Sein österreichertum und seine Ablehnung des Nationalsoziaiismus standen dabei außer Frage. Unvergeßlich ist mir auch hier wieder ein Zornausbruch — im Herbst 1940, als ich ihn, nach meiner Verwundung im Frankreichfeldzug vorübergehend aus der Wehrmacht entlassen, in seiner Wohnung in Döbling aufsuchte. „Wir Österreicher können uns doch nicht so bodigen lassen“, stieß er erregt hervor und das seltsam altertümliche Wort, das ich weder vorher noch nachher jemals gehört habe, dessen Sinn (erniedrigen, demütigen) aber im Zusammenhang des Gesprächs völlig klar war, hat die Erinnerung noch erleichtert. Daß er sich dann trotzdem 'im Juni 1945 im Unterrichtsministerium „gegen blödsinnige Anaeigen verteidigen“ mußte, „ich wäre ein Freund der NS gewesen, hätte von der providen-tiellen Sendung Hitlers gesprochen“, kann man in einem in diesem Buch

abgedruckten Brief nachlesen (S. 38 f.).

So mag man es fast als symbolhaft ansehen, daß nach dem letzten gemeinsamen Beschluß aller Parteien des durch die sogenannte „Selbstausschaltung“ handlungsunfähig gewordenen Parlaments gerade Pflieg-ler am 1. Mai 1933 im Bundfunk die einzige l.r-Mai-Rede halten sollte. „Ich mußte mich durch Drahtverhaue und Spanische Reiter zur RA VAG (Rundfunkstation) und hier gegen den Widerstand der Heimwehr durchkämpfen, um das Wort der Versöhnung zu sprechen“, erzählte er selbst in seinem ihm abverlangten Lebensbericht (S. 29, der Text der Rede S. 301—306). Mit tiefer Bewegung liest man heute diese Rede, die im Zusammenhang mit der furchtbaren Not der Arbeitslosen in die beschwörenden Worte ausklingt: „Laßt uns heute einen Schwur tun, daß wir diese gemeinsame Not als brüderliche Menschen lindern^und beheben wollen. In diesem Schwur laßt uns heute einig sein! Arbeiter, Bauern, Bürger! Die Zeit ist ernst, der Jammer ist groß. Wer kann heute überhaupt noch von Herzen Feste federn? Hat .uns der 1. Mai als Fest nicht einig gefunden, dann möge er uns als Tag der Hilfsbereitschaft für den notleidenden Bruder, als ein einig Volk von Brüdern finden. So soll es kommen, Gott gebe es!“

SEINER ZEIT VORAUS — MICHAEL PFLIEGLER —AKTUELLE TEXTE. Herausgegeben in Gemeinschaft mit Irmgard Gindl, Fritz Hamp, Rudolf Hauser von Franz M. Kapfhammer. Verlag Styria, Graz-Wien-Köln 1973, 366 Seiten.

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