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Miß gegen Wurzelsepp

Tirol wählt den Landeshauptmann", steht auf dem Plakat der ÖVP Tirol, und die hübsche Blondine, die darauf abgebildet ist, lächelt. Vielleicht weiß auch sie, daß der nüchterne Spruch nicht ganz stimmt, denn gewählt wird am 17. Juni vorerst einmal der Landtag. Trotzdem besteht an Eduard Wallnöfers Wiederwahl kein Zweifel.

Der Tiroler Landesfürst scheint mit zunehmendem Alter noch an

Profil zu gewinnen — und das weiß auch die Volkspartei. Jedenfalls ist Wallnöfer begehrter Interview-Partner in allen Medien. An markigen Aussprüchen läßt er es nicht fehlen. Und er scheut selbst vor Kritik an der eigenen (Bundes-) Partei nicht zurück.

Nun, Tirols Wahlkampf in Hinblick auf die Landtagswahl in zweieinhalb Wochen ist nach einer trägen Anlaufzeit in Schwung gekommen.

Bis zum Nennungsschluß am 18. Mai wurden bei der Wahlbehörde sechs Listen eingereicht. Die ÖVP, SPÖ, FPÖ und die „Liste für ein anderes Tirol" kandidieren in allen fünf Wahlkreisen. Die „Grünen Österreichs" (nicht identisch mit den „Vereinten Grünen") kandidieren nur in den Wahlkreisen Innsbruck-Stadt und Innsbruck-Land und die Kommunisten nur in Innsbruck-Stadt.

Die Plakat-Flut hielt sich bislang in Grenzen, was der Wähler sicherlich mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt, denn von Verschwendung will zur Zeit keiner etwas wissen.

Genauso in Grenzen halten sich die Einfälle. Volkspartei und Sozialisten haben offenbar ihren Präsentationsstil ausgetauscht. Für die Tiroler Volksparei lächelt — wie schon erwähnt — eine junge Dame, nämlich die aus Vorarlberg stammende Miß Austria 1984, von den Plakatwänden.

Für die Sozialisten wirbt ein klobiger Wurzelsepp, dem allerdings der Hut brennt. Wem der brennende Hut zugerechnet werden soll, dem Wahlwerber oder den Gegnern, geht leider auch aus dem danebenstehenden Andreas-Hof er-Zitat „Mander, s'isch Zeit" nicht hervor.

Die Tiroler Freiheitlichen wollen mit ihrem strahlenden Kufsteiner Bürgermeister Siegfried Dillersberger weitermarschieren. Da Kandidat Nummer zwei, Hermann Eigentier, in der Wahlwerbung nicht aufscheint, stellt sich die Frage, ob die Freiheitlichen ihr Wahlziel, die zwei Landtagsmandate zu halten, bereits aufgegeben haben? Dagegen spricht allerdings Dillersbergers Ankündigung: „Entweder zwei FPÖ-Man-date oder ich gehe!"

Was die Wahlprogramme betrifft, so hat sich die Volkspartei als letzte deklariert. Die Devise heißt: Nichts verlieren! Um dieses Ziel (24 Mandate) zu erreichen, müsse die VP — nach Wallnöfers Berechnung — in jeder Gemeinde etwas dazugewinnen, denn „Verschiebungen in den Wahlkreisen können rasch ein Mandat kosten".

Im übrigen tritt die ÖVP für „ein fortschrittliches und lebenswertes Tirol" ein, wofür Wallnöfer „volksverbunden und durchschlagskräftig" Pate steht. Man verspricht, weiterhin die Voraussetzungen zu schaffen, um allen

Tirolern in ihrem Land ein menschenwürdiges Dasein zu sichern. Die Vorstellungen reichen von der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik bis zur Kulturpolitik, umfassen soziale Fragen genauso wie die des natürlichen Lebensraumes.

Letztere liegen besonders der Jungen ÖVP am Herzen, die sich mit einem gepfefferten eigenen Wahlprogramm zu Wort meldete, sich aber bei der Kandidatenaufstellung nur mit Hoffnungsplätzen zufriedengeben mußte. Nachdem Wallnöfer seine Stammannschaft weitggehend beibehalten wollte, tauchten praktisch nur auf der Ersatzliste neue Namen auf.

Die Schwerpunkte der Sozialisten lauten: Mehr Demokratie, weniger Transitverkehr und besserer Umweltschutz. Der ÖVP wird mangelndes Demokratieverständnis vorgeworfen. Vor allem wird bedauert, daß die Volkspartei der sozialistischen Forderung nach einer neuen Landesverfassung nicht entsprochen habe.

An der Landesverfassung haben besonders die Jungsozialisten einiges auszusetzen. Sie stört vor allem der in der Präambel vor-kommende'Passus von der „Treue zu Gott und der Wahrung der geistigen und kulturellen Einheit des ganzen Landes". Die Jusos sind aber auch mit ihrer eigenen Partei nicht zufrieden. Sie ist ihnen zu wenig oppositionell und das SP-Wahlprogramm ist den Jungsozialisten ideologisch zu verkümmert.

Auch die Freiheitlichen stoßen sich am „undemokratischen Wahlrecht", das kleine Parteien benachteilige. Ansonsten versteht sich die FPÖ als die Umweltschutzpartei Tirols. In diesem Punkt steht sie allerdings in harter Konkurrenz mit der „Liste für ein anderes Tirol", die, angeführt vom Umweltpapst Ignaz Vergei-ner, gegen die Zerstörung von Mensch und Natur antritt.

Das „andere Tirol" hat übrigens die Angebote einer Zusammenarbeit mit Sozialisten oder Freiheitlichen abgelehnt. Von den Vorstellungen der Kommunisten und der angeblich extrem rechts stehenden „Grünen" war bisher kaum etwas zu vernehmen.

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