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Mit Blut in die Köpfe geschriebene Grenzen

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Franzosen, Deutsche, Italiener, Polen, Tschechen haben ihre eigene Geschichte. Die Slowenen galten als geschichtslos, vom Deutschtum kolonisiert, sie seien nicht fähig gewesen, sich eine eigene Herrschaft zu geben. Die verordnete Geschichtslosigkeit entsprach fremden Herrschaftsinteressen. Jetzt holen sich die Slowenen ihre Geschichte zurück.

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Franzosen, Deutsche, Italiener, Polen, Tschechen haben ihre eigene Geschichte. Die Slowenen galten als geschichtslos, vom Deutschtum kolonisiert, sie seien nicht fähig gewesen, sich eine eigene Herrschaft zu geben. Die verordnete Geschichtslosigkeit entsprach fremden Herrschaftsinteressen. Jetzt holen sich die Slowenen ihre Geschichte zurück.

„Die Geschichte Österreichs" und die „Geschichte der Slowenen" heißen die beiden für das Geschichtsbild der Österreicher und der Slowenen nach wie vor maßgebenden Handbücher. Schon der Titel des Handbuchs der österreichischen Geschichte verrät, daß sie sich mangels „völkischer" Kriterien an ein Territorium halten muß. Grundsätzlich will das Handbuch auch innerhalb der Grenzen der Republik bleiben, kann aber doch nicht umhin, dem großen Namen „Österreich" die ihm gebührende Ehre zu erweisen.

Anders verhält es sich mit der „Geschichte der Slowenen". Innerhalb Österreichs wurde den Slowenen ebenso wie den Slowaken, Ru-thenen und Rumänen der minderwertige Status eines „geschichtslosen Volkes" zugewiesen. Weil sie im Laufe der Geschichte nicht fähig gewesen seien, sich staatlich zu organisieren, könnten sie auch keine Rechte aus der Geschichte ableiten. Das war der tiefere Sinn der den Slowenen verordneten Geschichtslosigkeit. Daß eigentlich alle „Völker" geschichtslos sind, bis das Volk im ursprünglichen Sinn des Wortes als solches politisch handelnd in die Geschichte eintritt, war im 19. Jahrhundert verdrängt worden.

Heute steht eine österreichische, an derehemaligen Größe des Staates und seiner Dynastie orientierte Geschichte, der es noch immer nicht so recht gelingen will, sich aus der völkischen Deutschheit zu lösen, einer stark eth-nozentrischen slowenischen gegenüber. Es ist zweifellos der gegenwärtigen politischen Situation in Jugoslawien zuzuschreiben, daß sich in letzter Zeit dieser Ethnozentrismus in der slowenischen Geschichtsschreibung noch verstärkt hat.

Gegen Ende des sechsten Jahrhunderts drangen verschiedene slawische Stämme ins Ostalpengebiet ein. Darüber sind sich Österreicher und Slowenen einig, auch wenn sie dem unterschiedliche Bedeutung beimessen. Den Großteil des heutigen Österreichs hätten sie damals besiedelt, meinen die Slowenen. Über 70.000 Quadratkilometer hätte ihr Siedlungsgebiet umfaßt, um dann von den Deutschen auf die heutigen 22.000 Quadratkilometer zurückgedrängt zu werden. Diese Besiedlung, so steht es in den österreichischen Büchern, sei sehr dünn gewesen. Wirklich kolonisiert hätten dann erst die Deutschen. Außerdem waren die Germanen ohnehin vor den Slawen da, auch wenn sie nur durchgezogen sind. Aber etwas bleibt immer zurück, wie man weiß. Wenn es schon mit der Abstammung nicht so weit her ist, das ursprünglichere Recht auf den Boden hat der, der früher da war.

Dann, von der Mitte des siebenten bis zur Mitte des achten Jahrhunderts, haben die Alpenslawen einen .unabhängigen „Staat" besessen, und das Zentrum dieses Herrschaftsgebildes mit dem Namen Karantanien war ausgerechnet die Kamburg am Kärntner Zollfeld unweit von Klagenfurt. Diesen leidigen Tatbestand versucht die Geschichte Österreichs, die lieber auf die Babenberger als Herrschaftsgründer wartet, möglichst zu umgehen. Soll sich doch die Kärntner Landesgeschichte mit dem slawischen Stammesfürstentum Karantanien herumschlagen. Und auf die Kärntner Landesgeschichte ist Verlaß. Sie hat wirklich Übung im Unterschlagen des Slowenischen.

Darin, daß um 750 herum die Awaren die Karantanerslawen bedrohten, diese die Bayern um Unterstützung ersuchten, die Bayern dann kamen und nicht mehr gingen, sieht die österreichische Geschichte nur die Hilfe für den Schwächeren. Für die slowenische Geschichte aber beginnt jetzt eine mehr als tausendjährige Fremdherrschaft. Erstaunlich einig sind sich beide in der raschen Überführung der Karantaner in „Slowenen" und der bayrischen und sonstigen Kolonisten aus dem Westen in „Deutsche". Damit bekommt die weitere Geschichte einen völkischen Sinn. Die Deutschen bewerkstelligen die Herrschaft, gründen Städte und bringen Kultur. Die Slowenen sind einerseits ganz froh, dem zivilisierten Westen anzugehören, beklagen aber ihre Untertanenschaft, ihre dienende Stellung, ein Volk von Hintersassen zu sein, auch wenn aus diesem Volk so mancher große Mann hervorgegangen sei.

Wie sehr völkische Geschichte irreführend ist, sei nur an der „deutschen" Oberschicht im „slowenischen" Gebiet demonstriert. Mag sein, daß die ersten Adeligen und Bürger aus dem deutschsprachigen Westen und aus dem italienischsprachigen Süden kamen. Wollten sie hier überleben, dann mußten sie allerdings die Sprache der heimischen Bevölkerung lernen, die sie zu verwalten hatten und mit der sie Handel treiben wollten. Sie würden zweisprachig.

Später rekrutierte sich die Bürgerschaft zunehmend aus dem slowenischsprachigen Umland, besonders wenn nach Kriegen und Epidemien die Stadtbevölkerung oft radikal dezimiert wurde. Hier aber mußten die Zuwanderer rasch die deutsche Sprache lernen, und das aus zwei Gründen, Erstens, weil die slowenische Sprache nicht die Schriftlichkeit besaß und für die Bewältigung von Handel und Gewerbe nicht ausreichend entwickelt war. Zweitens, und das ist der triftigere Grund, war die deutsche Sprache das äußere Merkmal der Unterscheidung zwischen den freien Ständen und den slowenisch einsprachigen Untertanen.

Die deutsche Sprache als ständisches Merkmal, nicht aber Volkstum, trennte Oberschicht von Unterschicht. Die Geschichtsschreibung aber suggeriert, daß das Deutschtum es gewesen sei, das zu Adel und Bürgertum, also zu Freiheit befähigte.

Durch viele Jahrhunderte - bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts - ist dann in der österreichischen Geschichte von Slowenen kaum die Rede. Die slowenische Geschichte hingegen liest sich wie die österreichische. Einige Male scheint dem slowenischen Volke ein Stern aufzugehen. So, wenn es sich unter der HeiTschaft eines slawischen Fürsten, des Böhmen Ottokar II. PfemysI, vereinigt findet, wenn die Cillier Grafen den Habsburgem von slowenischem Boden aus die Herrschaft streitig machen und wenn sich in den Bauernaufständen das „slowenische" Volk gegen die „deutsche" Herrschaft erhebt.

Schwerer zu nehmen ist aus der völkischen Perspektive die Hürde, daß ausgerechnet der „deutsche" protestantische Adel es war, der wesentlichen Anteil am Entstehen der slowenischen Schriftsprache hatte, weil er damit seine Eigenständigkeit gegenüber dem absolutistischen Landesherrn hervorkehren wollte. Auch der Umstand, daß gerade in der reaktionären Ära des Bachschen Absolutismus Regierung und katholische Kirche das Slowenische unterstützten, um damit Liberalismus und revolutionäre Ideen abzuwehren, mag nicht so recht ins emanzipatorisch nationa-le Geschichtsbild passen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts finden sich in der österreichischen Geschichte nach den Tschechen nun auch die Slowenen unter jenen, die die Habsburgermonarchie dem Untergang entgegenführen. Dem slawischen Nationalismus wird die Schuld gegeben, das Zusammenleben der Völker der Monarchie untergraben zu haben. Tatsächlich aber waren es die Slawen, und unter ihnen ganz besonders die Slowenen, die diesen Staat überleben lassen wollten, hätte er es nur zusammengebracht, ihnen die volle Gleichwertigkeit zuzugestehen. Mit der Gründung der österreichischen Republik finden sich die Slowenen nur noch als Feinde Österreichs. Die völkische Urangst vor ihnen geistert durch Kärnten und macht den Kärntner Slowenen das Leben schwer.

Beide, die österreichische und die slowenische Geschichtswissenschaft, nehmen für sich die Wahrheit in Anspruch, wollen ganz objektiv die Vergangenheit interpretieren. Tatsächlich vermitteln sie ein in der Gegenwart wirkendes Geschichtsbewußtsein, das besonders in Kärnten von der Landespolitik gerne zu deren Zwecken bemüht wird. Damit sie in alle Zukunft halten, werden die Grenzen mit Blut in die Köpfe geschrieben. Tatsächlich aber haben die Menschen beiderseits der Grenze dieselbe Geschichte erlebt. Erst als sie voneinander getrennt werden sollten, wurde die gemeinsame Geschichte unterschlagen und gegeneinander geschrieben. Es ist Zeit, diese Geschichte gemeinsam zu schreiben.

Univ.Doz. Dr. Andreas Moritsch ist Mitarbeiteram Institut für Osteuropaforschung in Wien

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