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Mit dem Kopf im Sand gegen Hitler

In Prozessen, die nach dem Krieg gegen mehr oder weniger prominente Illegale stattfanden, wird immer wieder erkennbar, daß zwar die Illegalen alles taten, um den Sicherheitsapparat Österreichs zu unterminieren und dabei erschreckende Erfolge erzielten - in der Polizei und Gendarmerie offenbar größere als im Bundesheer -, daß aber auch die Wachsamkeit der selbst für den Nationalsozialismus in keiner Weise anfälligen Verantwortlichen zu wünschen übrig ließ. Daß manche von ihnen offenbar tatenlos zugeschaut haben, ja, die Unterwanderung in der Illusion, sich mit Hitler doch irgendwie „verständigen“ zu können, noch förderten. Sie waren den Illegalen und deren Dynamik nicht gewachsen und haben Hitlers Entschlossenheit, Österreich Nazideutschland einzuverleiben, sträflich unterschätzt.

Da stand zum Beispiel 1948 jener Dr. Leopold Tavs vor Gericht, der 1932 bei den letzten Wiener Gemeinderatswahlen vor der Abschaffung des Parlamentarismus mit 14 anderen Nazis in das Wiener Rathaus eingezogen war, nach dem Parteiverbot als mächtigster Mann der radikalen NS-Fraktion neben Nazi-„Landesführer“ Hauptmann Josef Leopold galt und dann gegen die von Arthur Seyß-Inquart und Odilo Globoc-nik geführten „gemäßigten“ Nazis (die die Vaterländische Front unterwandern wollten) unterlag.

Da erklärte der ehemalige illegale „Gauleiter“ von Wien Tavs allen Ernstes — und unwidersprochen! —, beim Besuch von Hitlers Außenminister Konstantin von Neurath sei mit der Vaterländischen Front genau abgesprochen worden, wo diese und wo die Nazis demonstrieren sollten, und die Regierung sei über deren Pläne stets genau informiert gewesen.

Die Zeugeneinvernahme des ehemaligen Wiener Polizeipräsidenten Dr. Michael Skubl verlief geradezu tragikomisch. Die NS-Bewegung, meinte er, hätte mit polizeilichen Methoden ohnehin nicht aus der Welt geschafft werden können, aber er habe Tavs für einen Mann „von Distinktion“ gehalten, „der Ruhe und Ordnung garantieren würde“, und ohnehin seien Tavs und seine Parteileitung in ihrem Lokal in der Tein-faltstraße „wie in einer Mausefalle gesessen“. Auf den Einwand des Staatsanwaltes, es habe auch distinguierte Nazis gegeben, die ihre Stellung ausnützten, sagt Skubl:

„Mir war die Erhaltung von Ruhe und Ordnung am wichtigsten!“

„Und hat man nicht daran gedacht, daß unter dieser scheinbaren Ruhe Unternehmungen bedeutend verhängnisvollerer Art vorbereitet werden könnten?“

„Das war ausgeschlossen“, zitiert ein Gerichtssaal-Bericht Skubl, „soweit hatten wir schon Einblick!“, worauf der Staatsanwalt ihn daran erinnert, daß es dann doch zum deutschen Einmarsch gekommen sei. Der ehemalige Wiener Polizeipräsident blieb die Antwort schuldig.

Wenn der Tiroler Dichter Felix Mitterer in seinem Stück „Kein schöner Land“ zwei österreichische Kriminalbeamte auftreten läßt, die dann als Gestapo-Schergen wiederkehren, ist das bitterster Realismus, wozu nachgetragen werden muß, daß zwar nicht alle so waren, sich dafür aber 1938 herausstellte, daß eine erhebliche Zahl solcher Gestapoleute schon jahrelang als Illegale der Nazipartei angehört hatte.

In einigen Fällen überdauerten die kollegialen Loyalitäten bis in die Nachkriegszeit. Im Prozeß gegen den stellvertretenden Gestapochef von Wien, der freilich auch manchem geholfen hatte, spielte der Staatsanwalt so offensichtlich die Rolle eines Ko-Verteidigers, daß es mitten im Prozeß zu seiner Abberufung kam, weil allzu deutlich sichtbar wurde, was sich sonst diskreter abzuspielen pflegte. Im konkreten Fall war der stellvertretende Gestapochef vor dem Krieg zugleich Mitglied der verbotenen NSDAP und des CV gewesen.

Die illegale Parteileitung saß zwar—wie der Wiener Polizeipräsident meinte — in der Mausefalle, aber ihre Leute im Sicherheitsapparat sorgten dtfür, daß Nazis, bei denen Hausdurchsuchungen stattfinden sollten, rechtzeitig gewarnt wurden.

Zwei Wiener Polizisten, die 1938 nach dem Einmarsch die Akten von Wiener Polizeiwachstuben filzten, um festzustellen, welche Polizisten als österreich-staats-treu außer Dienst zu stellen waren und wer in Nazi-Dienste übernommen werden konnte, glaubte ein österreichisches Nachkriegsgericht, sie seien selber keine illegalen Nazis gewesen.

Wie blind - um ein mildes Wort zu verwenden — Österreichs Sicherheitsapparat gewesen war, illustrierte als Beispiel unter vielen ein unbedeutender Prozeß des Jahres 1948, in dem einem Dr. H. vorgeworfen wurde, er habe im April 1945 dem Leiter des Wiener Polizeigefangenenhauses in einem Telefongespräch auf die Frage, was mit den Häftlingen geschehen solle, gesagt, er solle sie einsperren, die Russen würden sich schon um sie kümmern, von ihm aus könnten sie krepieren. Der - freigesprochene - Dr. H. war 1938 zum stellvertretenden Polizeichef von Wien avanciert. Das Interessante daran: Er war 1933 Leiter der Wiener Staatspolizei geworden, hatte sich anläßlich eines Nazianschlages auf die Wiener Universität verdächtig gemacht, selber Nazi zu sein, durfte aber nach mehrmonatiger Suspendierung in den Dienst zurückkehren.

Vieles, was heute im Verhalten des österreichischen Staates gegenüber Illegalen widersinnig und unverständlich erscheint, ist nur mit der totalen Fehleinschätzung des Gegners und der Illusion erklärbar, Hitler und die illegalen Nazis durch Stillhalten und Entgegenkommen besänftigen zu können. Es hat wohl auch ein zu großer Teil der Verantwortlichen des Ständestaates zu lange Hitler für das kleinere Übel gegenüber der Sozialdemokratie gehalten, und manche vielleicht noch eine

„Viele österreiphtreue Beamte konnten nur noch resignieren“

Weile über das bittere Ende Österreichs im März 1938 hinaus.

Es gab keineswegs nur Illegale im österreichischen Sicherheitsapparat, sondern auch viele österreichtreue Beamte, und diese konnten nur noch resignieren, als nicht nur die Unterwanderung durch die Illegalen, sondern auch die offiziell verordnete „Befriedungspolitik“ jedes effiziente Vorgehen torpedierte. Seit 1936 gab es den sogenannten „Siebener-Ausschuß“, in dem der Naziführer Tavs und andere Braune mit christlichsozialen Gesprächspartnern parlierten und diese im „Befriedungsgespräch“ das bißchen Zeit vertaten, das Österreich noch hatte, um sich zu retten.

In den Wochen vor der Okkupation wurden dann viele, die ohnehin längst mit den Nazis geliebäugelt hatten, schnell noch illegale NSDAP-Mitglieder. Andere ließen sich selbst nach dem 12. März 1938 von guten Nazifreunden rückwirkend zu Illegalen machen. 30 bis 50 Schilling sollen das übliche Trinkgeld dafür gewesen sein. 1945 gab es um einige tausend Illegale mehr, als die illegale NSDAP tatsächlich je gehabt hatte.

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