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Mit der Kraft der kleinen Schritte

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Der christliche Politiker muß sich täglich prüfen, wie weit es ihm tatsächlich gelingt, ein geistig und materiell erfüllteres Leben in seinem Land zu sichern.

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Der christliche Politiker muß sich täglich prüfen, wie weit es ihm tatsächlich gelingt, ein geistig und materiell erfüllteres Leben in seinem Land zu sichern.

Unsere Zeit stellt uns zwangsläufig Fragen, die mit Naturwissenschaft und Technik engstens verbunden sind. Wir haben uns etwa — die Ereignisse der letzten Wochen aus Tschernobyl sind in uns wach — mit den Fragen der Kernkraft auseinanderzusetzen. Die Grundaussagen über ihre Gefährlichkeit und ihre Wirkung müssen uns die Wissenschafter geben.

Aber der Politiker ist aufgerufen, abzuwägen, wie weit ein Ja oder Nein zu Kernkraftwerken mit seiner Verpflichtung zum

Schutz des menschlichen Lebens vereinbar ist. Wie weit wir es wagen können, ein größeres Risiko in Kauf zu nehmen, um einen größeren Lebensstandard zu erreichen. Und ob nicht diese ganze Konzentration auf die Frage „Kernkraft— ja oder nein“ uns eigentlich davon abhält, alle Fähigkeiten der Forschung auf die Suche nach anderen Energiespendern zu richten.

Die Gentechnik — um einen anderen aktuellen Bereich zu nennen — hat ungeheure Ausmaße erreicht, die wir uns in unserer Kindheit gar nicht hätten träumen lassen. Die Medizin ist weitgehend technisiert und läuft Ge-f ahr.mehr von Apparaten als von Ärzten betrieben zu werden.

Ein Mensch kann monatelang am Leben erhalten werden, auch wenn er nicht mehr aus dem Koma erwacht. Dazu stellt sich uns die Frage, wie weit der Mensch gehen darf, und wie weit zu dem Recht auf Leben nicht auch das Recht auf ein würdiges Sterben gehört; ab wann es unsere Pflicht ist, der Natur und letztlich auch der Entscheidung unserer höheren Macht Respekt zu zollen und ihren Lauf zu lassen.

Im Bereich der Wirtschaft lebt eine katholische Politik aus der christlichen Soziallehre. Aber auch dabei werden wir immer wieder zu neuen Entscheidungen aufgerufen, die in der Unterschiedlichkeit der Wirtschaftsstrukturen der Länder, in der Frage des Bildungsgrades der Bevölkerung oder in der Fähigkeit zur Mitverantwortung und der Möglichkeit zur Eigentumsbildung begründet sind.

Das Auseinanderklaffen des Respektes vor einem kirchlichen Feiertag einerseits und der wirtschaftlichen Notwendigkeit andererseits, Geschäfte in einer Ausnahmesituation offenzuhalten, kann als Beispiel auf Salzburg dienen.

Was wir aber überall feststellen können, das ist ein größeres Verlangen der Bürger nach Durch-schaubarkeit der politischen Zusammenhänge, nach Transparenz, nach einem Mitwirken in den verschiedensten Bereichen.

Der christliche Politiker kann heute keine absolutistischen Entscheidungen mehr treffen. Er braucht das ständige Gespräch, den Konsens mit den Wählern, das Offenlegen seiner Entscheidungsgrundlagen.

Was kann nun heute als Kennzeichen einer christlichen Politik gelten?

• „Selbstbescheidung“: Darunter verstehe ich das Wissen um die Grenzen des Machbaren, um das Unzulängliche des menschlichen Könnens. Darunter verstehe ich auch das Streben nach dem richtigen Maß im eigenen Leben und in der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens.

• „Beständigkeit“ bedeutet für den Politiker Verläßlichkeit, Konsequenz, Kalkulierbarkeit seiner Entscheidungen.

• „Milde“ verlangt Achtung vor dem anderen, Rücksicht auf den Nächsten, Respekt gegenüber anderer ehrücher Meinung, vor allem aber Toleranz als geistige Grundhaltung.

• „Selbstzucht“ ist Disziplin in der Arbeit, bedeutet Verzicht, verlangt Vorbild im persönlichen Verhalten, verlangt persönlichen Mut und erfordert vor allem die Einsicht, daß nicht der Staat, daß nicht die gesellschaftlichen Kräfte, sondern der einzelne selbst sein Lebensrisiko zu tragen hat.

Aber über diesen vier Tugenden muß für den christlichen Politiker wie für jeden Christen die Uberzeugung stehen, daß keine Partei, keine politische Idee, den letzten, den eigentlichen, den tieferen Sinn unseres Lebens vermitteln

kann, sondern einzig und allein unser Glaube!

Ein Politiker kann heute von der Amtskirche nicht mehr erwarten, daß sie ihm genaue Maßstäbe für sein Handeln liefert. Er darf dies auch gar nicht, denn er ist von einer pluralistischen Mehrheit, von verschiedenen Kreisen der Bevölkerung gewählt, die wohl seine Grundhaltung schätzen, die aber seine Eigenverantwortung erwarten.

Und umgekehrt kann auch die Kirche selbst nicht damit rechnen, einem christlichen Politiker genaue Vorschriften über seine Entscheidungen zu geben. Zu unterschiedlich sind die Bereiche, die Ausbildung, das Wissen um die Hintergründe und die Verpflichtungen.

Der heutige Papst Johannes Paul II. schrieb einmal im Jahre 1964: „Die Laien bilden ihrerseits die Kirche. Bilden - das heißt schöpfen; sie sind also schöpferisch durch die schöpferische Kraft ihres ganzen Lebens, das heißt durch die Arbeit, die' Freude, durch Last und Leid. Die Ur-

quelle dieser schöpferischen Kraft ist das Evangelium.“

Wir werden niemals auf die moralische Autorität der Kirche verzichten können, die jede Verletzung der Menschenwürde aufzeigt, die nie müde wird, die Menschen mit jenem Geist zu erfüllen, der das Zusammenleben erst möglich macht und der jedem seine Entfaltung und seinen Freiheitsraum sichert.

Und die auch weiterhin immer wieder aufruft, daß .Jeder, der sich Christ nennt, es als seinen Auftrag und seine Sendung ansehen muß, sich mit aller Kraft für die Vervollkommnung der Gesellschaft einzusetzen und sich bis zum äußersten zu bemühen, daß die Menschenwürde in keiner Weise angetastet wird“ (Mater et Magistra, Nr. 102).

In Salzburg sind wir gegenwärtig bemüht, in unsere Landesverfassung einen Grundwertekata-

log aufzunehmen, der die Leitlinien unserer politischen Arbeit bestimmen soll. Wir sehen dabei vor allem sechs Prinzipien:

• „Ehe und Familie“,

• „Subsidiarität und Leistung“,

• „Bekenntnis zum Umweltschutz“,

• „Recht auf menschenwürdige Arbeit und soziale Sicherheit“,

• „Föderative Ordnung“ und

• „Verpflichtung zur Sparsamkeit“.

Das Wesen unserer westlichen Demokratien mit ihrer Parteienvielfalt ist entscheidend von Toleranz und Kompromißbereitschaft geformt. Wenn diese beiden Prinzipien aufgelöst werden, bewirken sie das Ende unseres Staatssystems. Aber beide sind heute vielfach in Gefahr. Denn radikale Gruppen verweigern Toleranz und Kompromißbereitschaft.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat in seiner Rechtsphilosophie sehr deutlich herausgestellt, daß der beste Staat der ist, in dem die größte Freiheit herrscht. Freilich aber führt von Hegel auch ein Weg zu mystischen und marxistischen

Deutungen der Staatsidee, mit allen Konsequenzen einer totalitären Entwicklung.

Wenn wir daher das rechte Verhältnis von Freiheit und Autorität suchen, dann auch unter dem Gesichtspunkt der Sicherung der Toleranz. Politik ist eben die Erfüllung immer neuer Ordnungsaufgaben in der menschlichen Gemeinschaft.

Wo das Rechtssystem durch ein Machtsystem ersetzt wird, wo die Konsensdemokratie aufgelöst wird, führt schließlich der Weg in den Totalitarismus und auch in den Terrorismus. Die zivilisierte Welt muß zu einer Einmütigkeit in seiner Bekämpfung kommen, und zwar nicht nur in der Bekämpfung des Faktums des Terrors, nicht nur in seinen Auswirkungen, sondern auch in seinen Wurzeln und Ursachen, die zweifellos auch in den besonderen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der einzelnen Staaten begründet sind.

Die vom Christentum beeinflußten Länder sehen sich in der heutigen Zeit aber auch nicht mehr nur der Bedrohung durch die atheistisch-kommunistische Welt gegenüber, sondern auch durch einen islamischen Fundamentalismus, der die Weisheit und Toleranz, wie sie uns etwa die eindrucksvolle Gestalt des Sultan Saladin in Lessings „Nathan der Weise“ in literarischer Form na-

hebrachte, durch eine aggressive Idee ersetzt, die das Abendland mit seinem Welt- und Menschenbild weitgehend erschüttern kann.

Wir sind zu einer Solidarität mit den Staaten der Dritten Welt aufgerufen, weil die Welt heute nicht mehr nur auf einzelne Staaten hin gesehen werden kann.

Wir sehen uns in unserer Zeit aber auch in wirtschaftlichem Wettbewerb mit asiatischen Völkern, die uns in den Tugenden des Fleißes und der Arbeitsmoral überholen.

Eine christliche Politik ist ein positiver und kämpferischer Wettbewerb. Sie hat sich dem Prüfstein zu stellen, wie weit es ihren Repräsentanten tatsächlich gelingt, ein besseres, geistig und materiell erfüllteres Leben in einem Lande zu sichern.

Ein Christ in der Politik sieht aber auch die Ohnmacht seiner Arbeit. Er muß auch das Scheitern erleben und die Enttäuschung verkraften. Er muß erkennen, daß es ihm nicht immer gelingen wird, zu überzeugen, und daß eine ihm falsch erscheinende Idee den Sieg davontragen kann.

Und daher gehören zu einer christlichen Politik ganz wesentlich auch die Hoffnung auf die Kraft der kleinen Schritte, der Mut zu einer steten Arbeit, das unermüdliche Wirken um eine „christliche Beseelung der zeitlichen Dinge“ (Vorbereitungspapier für die dem Laien gewidmete Bischofssynode 1987).

Das bekannte Sprichwort soll uns immer wieder vor Augen stehen: „Ein bißchen Güte von Mensch zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit.“ (Richard Dehmel).

Der Autor ist Landeshauptmann von Salzburg. Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Festvortrag „Christentum und Politik“ beim Internationalen Ordenstag der Ordensritter vom Heiligen Grabe zu Jerusalem in Salzburg.

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