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Mit Volldampf zurück

Um die 25 Milliarden Schilling sind die Verträge für die Lieferung von Stahlwerken und chemischen Fabriken wert, die China bei japanischen Firmen zwar bestellt, aber in den letzten Monaten plötzlich sistiert hat. Auch deutsche Firmen sehen sich um Bestellungen in Milliarden-Höhe geprellt. Gleichfalls wurden Projekte mit amerikanischen Konzernen über Bergwerke, petrochemische Anlagen und Erdölförderungs- Ausrüstungen von Peking entweder gekündet oder aufgehoben.

Der Schock, der durch die westliche Wirtschaft geht, ist groß. Denn im Rahmen der ehrgeizigen Modernisierungsprogramme der heutigen Machthaber in Peking, die 1978 aufgestellt wurden, rechnete man mit Geschäften in der Höhe von Hunderten von Milliarden. Vor allem die Japaner sahen sich in vorderster Front und stellten großzügig Kredite und Gutachten zur Verfü- gungi

Der Grund für die Reduktion der Programme liegt im Mangel an Devisen, aber auch in der unstabilen Wirtschaftslage im Inneren: Seit 1979 stiegen zwar Chinas Exporte um 27 Prozent, trotzdem steht ein Außenhandelsdefizit von umgerechnet etwa 25 Milliarden Schilling zu Buche.

Die letzte Getreideernte war katastrophal. Die Förderung von Kohle und Erdöl, mit der China Devisen zu gewin-

nen gehofft hatte, ging zurück und vermag kaum den steigenden Inlandsbedarf zu decken. Nicht einmal die Lieferverträge mit Japan können aufrechterhalten werden.

Im Inneren des ostasiatischen Riesenreiches herrscht eine Inflation, die offiziell mit 5,6 Prozent angegeben wird, aber in Wirklichkeit das Doppelte beträgt und in Peking gar auf 20 Prozent geschätzt wird. Der freiere Markt, Lockerungen für die Privatwirtschaft und höhere Gratifikationen bewirkten, daß zu viel Geld zu wenigen Konsumgütern nachrennt.

Im Staatshaushalt entstand ein Defizit von rund 185 Milliarden Schilling, zu 60 Prozent hervorgerufen durch höhere Preise Für landwirtschaftliche Produkte. Dazu kommt der versteckte Widerstand der Maoisten, die in der Kulturrevolution überall in mittlere Stellungen eindrangen, meist ohne geeignete Qualifikation und Ausbildung, und dem heutigen Kurs feindlich gegenüberstehen.

Korruption, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Zweifel an der marxistischen Ideologie und der Überdruß an der allmächtigen Partei verstärken die negative Bilanz noch. Die Planer wollten dem Freihandel zehn Prozent des Wirtschaftsvolumens einräumen, doch ge-

riet dieser Sektor bei der bekannten Geschäftstüchtigkeit der Chinesen völlig außer Rand und Band.

Es scheint, daß der Pragmatiker Deng Xiaoping, der Kopf hinter der chinesischen Wirtschaftspolitik, selbst dafür eintrat, Abstriche in den Programmen zu machen. Schon vor drei Jahren hatte er auf eine Konsolidierung der allzu ehrgeizigen Pläne gedrungen. Nun zeigt sich aber, daß mit einer Durchführung der Modernisierung Chinas bis zum Ende dieses Jahrhunderts nicht gerechnet werden kann: „Eile mit Weile“ lautet daher die neue Parole.

Im Inland selbst fallen der Sparaxt wahrscheinlich an die 900 Projekte zum Opfer. Dafür sollen die bestehenden 400.000 Fabriken verbessert werden. Außerdem wird jetzt der Leichtindustrie Vorrang gegeben: Sie verbraucht weniger Energie, liefert Exportgüter und amortisiert sich schneller.

Die Japaner schickten ihren ehemali

gen Außenminister und gewiegten Wirtschaftsplaner Saburo Okita nach Peking. In Tokio ist man der Ansicht, daß sich die Chinesen über die Konsequenzen ihres Handelns nicht ganz im klaren sind. Nur mit den schon abgelieferten Anlagen entsteht japanischen Firmen durch die Annulierung der Projekte ungeheurer Schaden.

Die Chinesen versprachen zwar Entschädigung nach internationalen Gepflogenheiten, erwähnten aber keineswegs konkrete Zahlungen. Viel schlimmer ist der Vertrauensverlust, der auf lange Sicht das Chinageschäft erschweren wird.

Deng Xiaoping stellte den Japanern die Fortführung mancher Projekte in Aussicht, falls sie billige Kredite beschaffen würden. Doch ist man sich in Tokio bewußt, daß im Hinblick auf Japans Verpflichtungen gegenüber Süd- ostasien, die eben durch Premier Suzukis Reise dorthin unterstrichen wurden.

China kaum ein Vorzugsrecht eingeräumt werden kann.

Wird China als schlechter Gläubiger erklärt, gehen automatisch die Yen- Kredite der Export-Import-Bank in den Kamin, ebenso die Übereinkünfte für künftige Rückzahlung zu günstigen Raten.

Der in China jetzt eingelangte Rückwärtsgang birgt auch innenpolitisch beträchtliche Risiken in sich: Mit der Verurteilung der Viererbande steht Deng zwar auf dem Höhepunkt der Macht, doch sind Gegenaktionen der Maoisten nicht ausgeschlossen. Vor allem aber ist die Armee nach wie vor unzufrieden, da ihr im Zuge der Modernisierungskampagnen nur niedrige Prioritäten eingeräumt worden sind.

Auch gegen die Entmaoisierung gibt es in der Armeeleitung Widerstände und Ressentiments. Ihre moralische Autorität, der 82jährige Marschall Ye Jianying, Präsident des Volkskongresses, tritt jedenfalls fürdie Wahrung von Maos Ruf und Orakelstellung ein.

China ist daher noch keineswegs gegen innere Erschütterungen gefeit. Stärkere Dosen von marxistischer Theorie, die Deng vorschreibt, werden bei den skeptischen Patienten im Riesenvolk wohl kaum mehr anschlagen.

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