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Mose als Gottes Schreibmaschine ?

1945 1960 1980 2000 2020

Kein „Sterblicher“ habe die Bibel verfaßt, meinen israelische Wissenschaftler, seit sie darin die regelmäßige Wiederkehr bestimmter Buchstabenverbindungen fanden.

1945 1960 1980 2000 2020

Kein „Sterblicher“ habe die Bibel verfaßt, meinen israelische Wissenschaftler, seit sie darin die regelmäßige Wiederkehr bestimmter Buchstabenverbindungen fanden.

Ein Jahr ist verstrichen seit der Verschiebung des biblischen Landes samt den heiligen Stätten in, das Land Asir im Südwesten von Saudi-Arabien. Inzwischen konnte wieder das „Land der Bibel“ geortet werden, wo es schon immer war. Der Spuk des Kamal Sa-libi („Die Bibel kam aus dem Land Asir“) entfleuchte so rasch wie er kam. Schon stellt sich der nächste ein mit der durchaus berechtigten Frage: Wer hat die Bi-

bei verfaßt? Ein zweiseitiges Pamphlet verkündet eine negative Antwort: Ein „Sterblicher“ war's nicht!

Zwei israelische Wissenschaftler fanden bei Benützung einer Zählmaschine (besser bekannt unter der magischen Bezeichnung Computer) Buchstaben- und Wortfolgen mit gewissen Strukturen und Regelmäßigkeiten, die ihnen die Bestätigung für ihre Lösung der Verfasserfrage erbrachten. Mit Mose, der Schreibmaschine Gottes, hat Gott die Bibel (gemeint sind hier die ursprünglich hebräisch geschriebenen Bücher des Alten Testaments) getippt.

Mit dieser Meldung, die kürzlich in verschiedenen Publikationen zu lesen war, dürfte ein Rechtsüberholen der Bibel-Fundamentalisten geglückt sein; denn bisher wurden Mose nur die ersten fünf Bücher der Bibel zugesprochen. Allerdings haben unsere beiden Wissenschaftler erst die Buchstaben im Buch Genesis von der Rechenmaschine zählen lassen. Das heißt, ihr Mose ehrendes Ergebnis beruht auf einer ersten Hochrechnung bei etwa fünf Prozent des gesamten hebräischen Bibeltextes. Abgesehen davon dürfte die Frage erlaubt sein, wie man durch eine von irdischen Wesen gebaute Zählmaschine (vielleicht doch mit magischen Kräften?) auf den göttlichen Verfasser der Bibel kommt.

Nun ist immer die Geschichte reich an Analogien. Und ein hu-' morvoller Vergleich zur nüchternen Zählerei findet sich in einem Buchtyp mittelalterlicher Buchmalerei. Ein Evangelist sitzt bei einem Pult, führt die Feder und starrt auf seine Arbeit. Dabei hält er den Kopf leicht schräg; am Ohr schwebt eine Taube und flüstert ihm zu, was er zu schreiben hat.

Offen bleibt, ob der Evangelist den Inhalt in seinem persönlichen Stil zu Pergament bringt — wie ein guter Sekretär — oder ob er das wörtliche Diktat Gottes niederschreibt — eher wie eine Schreibmaschine. In diesem Falle wäre jedes Wörtchen von Gott — im Fachjargon — eine Verbalinspiration, die so im 16. und 17. Jahrhundert von bestimmten Theologen vertreten wurde.

Darauf besonders versessen war die protestantische Orthodoxie der damaligen Zeit: Sie hielt selbst die kleinsten Bestandteile des hebräischen Textes, die aus viel späterer Zeit stammenden Vokal- und Intonationszeichen, für göttlichen Ursprungs. Die katholische Theologie war nicht so streng, allerdings deshalb nicht, weil sie sich der lateinischen Bibelübersetzung (der Vulgata) verpflichtet fühlte. Das Bild von Gott, dem Urheber der Heüigen Schrift, und dem Schreiber als selbständigem Sekretär entsprach allgemeiner katholischer Auffassung.

Für uns ist heute der Sekretärsvergleich eher unbefriedigend, denn der menschliche Anteil an der Bibel ist — auch bei einem selbständigen Sekretär — inhaltlich viel zu klein bemessen. Die Bibelwisserischaft, vor allem der letzten 100 Jahre, hat gezeigt, daß in ein Buch (wie zum Beispiel die Genesis) die Arbeit mehrerer Menschen—gläubiger Frauen und Männer — eingeflossen ist.

Der schriftlichen Fixierung ging eine lange mündliche Tradition voraus, wie auch schriftliche Uberlieferungen aus verschiedenen Epochen aufgenommen und redigiert wurden. Dem „Redaktionskomitee“ zum Buch Genesis lagen Texte vor, die aus mindestens drei schriftlichen Quellen stammten und in einem Zeitraum von einigen Jahrhunderten verfaßt wurden.

Eine Bibelarbeit, die diese Quellen nicht auseinanderzuhalten vermag („Quellenscheidung“), bleibt schon bei den Vorfragen hängen. Schwierigkeiten, mit denen unsere christlichen Brüder, die Zeugen Jehovas, zu kämpfen haben (Wie zum Beispiel verhalten sich die zwei Schöpfungsgeschichten in der Genesis zueinander?), können relativ leicht gelöst

werden, wenn man von der gewonnenen Erkenntnis ausgeht, daß in zwei verschiedenen Epochen versucht wurde, über die Anfänge von Welt und Mensch nachzudenken.

Allerdings konstatiere ich damit <auch schon mindestens zwei verschiedene Autoren, ihre zeitbedingte Sprechweise, ihren je eigenen Stil und das zeitgemäß formulierte Anliegen. Das Erarbeiten der Aussageabsicht eines in Zeit und Raum begrenzten Textes ermöglicht erst die Umsetzung des Anspruchs in unsere Lebenswirklichkeit.

Ginge man davon aus, daß Gott mit einer menschlichen Schreibmaschine die Bibel geschrieben hat, so würde die Dimension der Geschichte (Entstehung und Wirkung, Verständlichkeit und Ubersetzung) völlig außer acht gelassen werden.

Allzu menschlich erscheint die

Bibel verfaßt und verwurzelt im Leben der Menschen. Aber es bleibt noch zu bedenken, daß wir nicht den ersten je geschriebenen Bibeltext vor uns haben, sondern daß die Bibel immer wieder abgeschrieben und übersetzt wurde. Dabei passierten menschliche Fehlleistungen in der Rechtschreibung, durch Auslassungen, Umstellungen oder Einfügungen. Manche Fehler wurden entdeckt, andere tradiert.

Die hebräische Bibel hat einen umfangreichen textkritischen Apparat, der auf die Varianten in den Handschriften aufmerksam macht. Wir können nicht den ersten Text bis in die Einzelheiten rekonstruieren; manche Textverderbnisse lassen sich nur mit Vermutungen oder unter Zuhilfenahme von Parallelstellen korrigieren. Wie menschlich erscheint so die Bibel und vergleichbar literarischen Funden alter Kulturen,

die oft ein textkritisches Kopfzerbrechen bereiten.

Wollte man diesen menschlichen Anteil an der Heiligen Schrift leugnen, so stünde man wieder in der protestantischen Orthodoxie vergangener Jahrhunderte oder bei unseren beiden israelischen Wissenschaftlern, die dank der modernen Computeranalyse einen gewaltigen Rückschritt vollzogen haben, der bei anderen jüdischen Gelehrten ohne Parallele ist.

Soviel bisher vom menschlichen Autor die Rede war, so ist gleichfalls die göttliche Urheberschaft zu bedenken, denn die Bibel ist Gottes Wort. Woran zeigt sich das? Doch wohl an der Geschichtsmächtigkeit dieses Buches. Wieviel haben die Bücher der Antike bewegt und die Gesellschaft verändert? Die Schriften der Ägypter, Babylonier, Assyrer, der Griechen und Römer — welchen gestaltenden Einfluß nehmen sie heute noch? Sie beunruhigen uns kaum, die Bibel sehr wohl.

Seit dem letzten Konzil ist eine weltweite Bibelbewegung eingeleitet worden. Basisgemeinden und Befreiungstheologien in Lateinamerika, Afrika und Europa schöpfen Lebenskraft aus der Heiligen Schrift. Ja selbst im katholischen Österreich, das bisher in einem Dornröschenschlaf da-hindämmerte (was die Bibelarbeit anbelangt), ist seit dem letzten Katholikentag (1983) ein allgemeines Erwachen zu verspüren. Sollte Gottes Geist mit seinem geschriebenen und ausgelegten Wort unter den Siebenschläfern gezündelt haben?

Parallele Himmelsbriefe

Warum sprechen wir vom Gotteswort so menschlich (zutreffend formuliert: vom Gotteswort im Menschenwort)? Weil Gott immer mit seinem Wort bei uns Menschen sein will (Immanuel heißt: Gott mit uns). Gott zieht nicht von oben herab die Fäden der Weltgeschichte und hält sich im übrigen vom Spiel heraus. Er läßt auch nicht für sich selber die Marionetten tanzen und Sekretäre seine Diktate wiedergeben. Nein, Gott selber ist mit seinem Wort in menschlich verständlicher Sprache gegenwärtig. (Neu-testamentlich ist diese Aussage durch die Inkarnation ja noch plausibler.)

Im heidnischen Altertum war der Begriff des Himmelsbriefes geläufig: Gott schreibt manchmal ein Wort auf ein Blatt Papier und läßt es vom Himmel fallen. Wir lächeln heute nicht einmal mehr darüber, aber zwei israelische Wissenschaftler wollen uns mit einer Abzählmaschine weismachen, daß kein „Sterblicher“ der Verfasser der Bibel sei. Wie weit wären wir da noch von den heidnischen Himmelsbriefen entfernt?

Der Autor ist Mitarbeiter im Katholischen Bibelwerk Österreichs.

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