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Moslemische Rivalitäten

Von 46 als islamisch geltenden Staaten nahmen vorige Woche 44 an dem fünften Gipfeltreffen der Islamischen Weltkonferenz (ICO) in Kuwait teil. Gastgeber war Scheich Jabir al-Ahmed al-Sabah, der die islamischen Nachbarn, Irak und Iran, zur Versöhnung aufrief.

Der Golfkrieg überschattete den Gipfel. Das Treffen wurde dennoch mit einer umfangreichen Resolution abgeschlossen. Darin wird an den Irak sowie an den Iran appelliert, den Krieg sofort zu beenden, nach friedlichen Mitteln zur Lösung des Konflikts zu suchen und einen sofortigen Ge-

fangenenaustausch zu organisieren.

Bis zum letzten Augenblick war nicht sichergestellt, wie zahlreich die Staatschefs dar islamischen Länder in Kuwait vertreten sein werden, und ob das Treffen überhaupt zustande kommt. Mit Boykott- und Terrordrohungen begann die Konferenz. Der „Heilige Islamische Krieg“ drohte sie buchstäblich zu sprengen.

Im Jahr 1971 als Sammlungsbewegung der moslemischen Staaten gegründet, hat sich die ICO die Förderung der Solidarität untereinander sowie der islamischen Kultur und konkret die Unterstützung der Palästinensischen Befreiungsbewegung PLO zum Ziel gesetzt.

Gegenwärtig zählt die Organisation gut 40 Mitglieder. Saudi-Arabien, wo die ICO auch ihren ständigen Sitz hat, gilt als Initiator und Sponsor der Islamischen Weltkonferenz, nicht zuletzt durch seine großzügige Finanzierung der Islamischen Entwicklungsbank und des Islamischen Solidaritätsfonds, beides Organe der ICO.

Das Fernbleiben der Führung des Teheraner Gottesstaates vom Gipfel von Kuwait verstößt im Grunde gegen ihre eigenen Prin-

zipien. Revolutionsführer Khomeini knüpft direkt an die Politik Alis an, des 661 verstorbenen Gründers des Schiitentums.

So wie Ali nach allgemeiner Anerkennung seines Kalifats trachtete, ließ Khomeini den Export der Islamischen Revolution in seiner Verfassung festschreiben. Grundsatz 11: „Die Islamische Republik Iran ist verpflichtet, ihre allgemeine Politik auf das Bündnis mit den islamischen Nationen zu gründen und sich ohne Unterlaß zu bemühen, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit der islamischen Welt zu verwirklichen.“

Für die vornehmlich sunnitisch ausgerichtete arabische Welt wä-

re eine vom Iran beanspruchte Führungsrolle nicht annehmbar. Traditionsbewußt sehnt sich der Fagih, der Religionsführer, nach der Zeit des osmanischen Reiches zurück, als das „islamische Vaterland“ noch geeint war und nicht unter westlichen Kolonialmächten aufgeteilt war.

Die Mullahs haben den Export der Islamischen Revolution auf ihre Fahnen geschrieben. Gerade darin liegt die Wurzel für die außenpolitische Isolierung Teherans, da die arabischen Bruderländer von dieser heißen Ware nichts wissen wollen.

Sie haben alle Hände voll zu tun, um die eigenen Fundamentalisten zu zügeln. In schiitischen

Regionen glosen bereits allerorts Gefahrenherde. Dies ist speziell in Saudi-Arabien, in Kuwait, im Libanon, im Irak und sogar in Syrien der Fall.

Kuwait weist eine ganz spezifische Bevölkerungsstruktur auf. Die eigentlichen Kuwaitis machen nur gut vierzig Prozent der Bevölkerung aus. Unter den Ausländern stellen ausgerechnet die Palästinenser die größte Bevölkerungsgruppe. In puncto Glaubensbekenntnis ist etwa ein Fünftel der moslemischen Mehrheit den Schiiten zuzurechnen.

In der Theorie streben alle die islamische Einigkeit an, aber in der Praxis haben sie vielfach Angst voreinander. Für die Iraner war die Wahl Kuwaits als Versammlungsort äußerst unangenehm, da dieser Golf staat zu nahe am Kriegsschauplatz Irak liegt und der Emir gute Beziehungen zum Todfeind Saddam Hussein in Bagdad pflegt.

Die Kuwaitis hatten begründete Angst vor den Iranern. Seit Jahren hat der Terror eine blutige Spur durch das ölreiche Emirat am Golf gezogen, die in den Iran führt Die spektakulärsten Terrorakte waren ein Attentatsversuch gegen Emir Jabir al-Sabah, eine Flugzeugentführung nach Teheran, ganz zu schweigen von blutigen Bombenanschlägen auf Zivilisten. All diese Taten werden der radikalen libanesischen Schiiten-Gruppe „Heiliger Islamischer Krieg“ zugeschrieben, der finanzielle und logistische Unterstützung aus Teheran nachgesagt werden.

Der Islamischen Weltkonferenz geht es vornehmlich darum, vor der internationalen Öffentlichkeit Einheit und Solidarität zu demonstrieren. Gegenwärtig kommen jedoch eher gegenseitige Ängste und Rivalität als Einigkeit durch.

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