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1945 1960 1980 2000 2020

Trotz der im Jahre 1979 durchgeführten Reform des Medizinstudiums ist die Kritik an der Ärzteausbildung nicht verstummt. Eine Untersuchung plädiert für mehr Spitalspraxis.

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz der im Jahre 1979 durchgeführten Reform des Medizinstudiums ist die Kritik an der Ärzteausbildung nicht verstummt. Eine Untersuchung plädiert für mehr Spitalspraxis.

Die Spezialisierung und Technisierung der Medizin, aber auch die Einbeziehung neuer Tendenzen (Akupunktur, Homöopathie, Psychosomatik) und die veränderten Erwartungen von Seiten der Beitragszahler und Sozialversicherungsträger scheinen auf eine grundlegende Korrektur der Ausbildung hinzuführen. Ebenso gab und gibt es immer wieder Klagen von Seiten der Ärzte und Primarii über bestehende Mängel in der praktischen Ausbildung der Jungärzte.

Im Mai und Juni dieses Jahres wurde deshalb über Auftrag des Anstaltenamtes (Magistratsabteilung 17) durch das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) eine Studie über die „Qualität der

Medizinerausbildung in Wien“ durchgeführt. Befragt wurden insgesamt 450 Personen und zwar sowohl Medizinstudenten im zweiten und dritten Studienabschnitt, promovierte Mediziner, als auch Turnusärzte.

Auf der Basis der Befragungsergebnisse kann festgestellt werden, daß Einschränkungen des vorgeschriebenen Ausmaßes an Pflichtvorlesungen in keinem einzigen Ausbildungsfach des Medizinstudiums mehrheitlich wünschenswert erscheinen.

Es gibt nur einzelne Fächer, die von größeren Gruppen als mit theoretischem Wissen überfrachtet bezeichnet werden. Ausweitungen werden hingegen häuf ig in der theoretischen, vor allem aber in der praktischen Ausbildung gefordert. Unausgewogenheit zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung wird konstatiert.

Die größten Hindernisse in der Medizinerausbildung sind nach Angaben der Zielpersonen die Prüfungen im Fach pathologische Anatomie. Als Ursache für dieses Problem wurde überwiegend der Umfang des Lehrstoffes angeführt. Auf Schlechte Vorlesungen wird vor allem im Fach Physik hingewiesen. Aber auch in anderen Fächern wird in dieser Hinsicht Kritik geübt.

Spezial- und Randgebieten der Medizin wird sehr großes Interesse entgegengebracht. Die vermittelten Inhalte sind zu wenig praxisbezogen, sie sind mit Unwesentlichem überfrachtet, meinen die Zielpersonen.

Für eine Begrenzung des Zugangs zum Medizinstudium sprechen sie sich nicht mehrheitlich, mit Fortschreiten des Ausbildungsweges aber in zunehmendem Maße aus. Als Selektionsverfahren erscheint ein Pflichtpraktikum am Beginn des Studiums am geeignetsten. Die Einführung eines Numerus clausus findet kaum Zustimmung.

Als bester Einstieg in das Medizinstudium wird ein Pflegepraktikum am Beginn des Studiums bezeichnet. Am wenigsten Zustimmung finden Eignungstests sowie das derzeitige System (!). Die Zielpersonen fühlen sich im Durchschnitt - egal, in welchem Ausbildungsstadium sie sich befinden -durch das Studium nicht ausrei-

chend auf die Aufgabe der Versorgung verschiedener Patientengruppen vorbereitet.

Es fällt auf, daß sich Ärzte im Turnusdienst weniger konkrete medizinische Tätigkeiten zutrauen, als Studenten erwarten, am Ende ihres Studiums leisten zu können.

Es sind jene Tätigkeiten, die den intensivsten Patientenkontakt erfordern, denen man sich - im Turnusdienst mit der ärztlichen Realität konfrontiert - am wenigsten oft gewachsen fühlt.

Vorträge und Vorlesungen im Rahmen des Medizinstudiums haben nach eigenen Angaben den geringsten Einfluß auf die Vorstellung, gen, die sich die Zielpersonen von ihrem zukünftigen Tätigkeitsbereich machen. Prägend wirkt in erster Linie praktische medizinische Tätigkeit.

Auf die Frage: Wie würden Sie das derzeitige Ausbildungssystem im Medizinstudium mit eigenen Worten beschreiben?, antworteten 73 Prozent der Studenten und 83 Prozent der Promovierten mit „zu wenig praxisbezogen“.

Auf die Frage: Welche der folgenden Möglichkeiten wäre der beste Einstieg ins Medizinstudium?, antworteten nur sechs Prozent der Studenten und drei Prozent der Promovierten mit „das derzeitige System“, hingegen entschieden sich 58 Prozent der Studenten und 78 Prozent der Promovierten für ein Pflegepraktikum am Beginn des Studiums.

Dieses von den Studenten selbst

gewünschte Praktikum sah der ehemalige Wiener Stadtrat Alois Stacher jedoch als „anfängliche Belastung“ für den Spitalsbetrieb. Die anfangs zu investierende Ausbildung der Studenten würde erst ab dem zweiten oder dritten Monat einen „Gewinn“ für den Betrieb selbst bringen. Er könne sich diese Ausbildung so vorstellen, daß der Student Wünsche der Patienten an Ärzte und Schwestern weiterleitet und sich selbst einen ersten Eindruck seines zukünftigen Arbeitsbereiches verschafft.

Stacher sah das geplante „Medizinalpraktikum“ auch als eine mögliche Selektion jener, die für den Beruf ungeeignet sind. Die IFES-Studie sei eine Möglichkeit herauszufinden, „welche Ärzte letztlich in den Turnus kommen“. Ernst Gehmacher vom IFES-Institut sieht die Problematik des Praktikums vor allem in der zu erwartenden Ablehnung seitens der Krankenschwestern selbst und in der derzeitigen Überlastung des Pflegepersonals.

Mediziner sehen sich nicht nur praktisch mangelhaft ausgebildet (in einem Beruf der hohe Geschicklichkeit verlangt), es fehlt auch das

notwendige psychologische Wissen und damit die Voraussetzung zum richtigen Umgang mit Patienten.

Ob Hilfsschwestern-Dienste zu Beginn des Studiums der richtige Einstieg und Test für eigene psychische Belastbarkeit sind, zeigt das Beispiel von „N. T.“ (Name der Redaktion bekannt), der ein solches Praktikum freiwillig, jedoch nicht zu Beginn des Studiums sondern im zweiten Abschnitt in einem Spital der Wiener Gebietskrankenkasse erlebte:

„Während der vier Wochen, die ich auf der HNO-Station gearbeitet habe, durfte ich folgende Tätigkeiten verrichten: Frühstück austeilen, Zimmer putzen.Betten machen, mit Patienten in die Dusche gehen, Infusionen abhängen, das Mittagessen austragen. Nachmittags ging ich mit Fieberthermometern und frischen Durchzügen durch die Zimmer, durfte Puls zählen.

Manchmal hatte ich Patienten auf ihre Entlassung vorzubereiten, hin und wieder durfte ich bei Operationen zuschauen oder wurde zu Patienten gesetzt, die von Operationen zurückkamen.

Ich habe Patienten (es waren auch schwere Krebs-Fälle darunter) über Sonde gefüttert, und erlebt, wie sie zum Sterben kamen. Einige meiner Kollegen haben Verstorbene für die Prosektur vorbereitet (Kärtchen anhängen und in Leintuch einwickeln).In diesem Spitalsbetrieb war die Hierarchie stark spürbar. Das heißt, es wurde von oben nach unten delegiert. Minderwertige Arbeiten wurden von der Oberschwester an die Diplomschwester, von dieser an die Hilfsschwester und von ihr an den Pfleger abgegeben.

Das Klima auf dieser Station war nie herzlich, wobei ich annehme, daß das sicher stationsspezifisch ist. Ich hatte immer den Eindruck, daß Krankenbetreuung und Pflege als „job“ betrachtet und ausgeführt wird, der Umgangston war eher kalt und herzlos. Der Kontakt der Ärzte zu den Schwestern beschränkte sich auf ein Minimum, untereinander jedoch wurde viel über Wochenendaktivitäten und Autos gesprochen.

Ich hab' schon beobachtet, daß die „unten“ mehr und schwerer arbeiten müssen, und daß der extreme Schwesternmangel sich negativ auswirkt. Ich selbst bekam nur Anleitung „wo ich was finden kann“.

Um einen positiven Umgang mit Patienten zu „erlernen“ könnte ich mir vorstellen, daß es sinnvoll wäre, das Psychologie-Kolloquium (wird heute im zweiten Studienabschnitt gemacht) in den ersten vorzuverlegen und Psychologie mit dem künftiggeplanten „Pflegepraktikum“ zu koppeln.

Neben der Anleitung für den Spitalsbetrieb hilft die Beschäftigung mit diesem Fach der Medizin dem Studenten, sich selbst besser kennenzulernen und seine Eignung und Motivation für diesen Beruf gleich zu Beginn noch einmal zu überprüfen.

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