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Mubarak hat es geschafft

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Mit der Wiederaufnahme Ägyptens in die islamischarabische Gemeinschaft hat sich in Kairo eine Weichenstellung vollzogen, die für die weitere Entwicklung in Nahost entscheidend sein dürfte.

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Mit der Wiederaufnahme Ägyptens in die islamischarabische Gemeinschaft hat sich in Kairo eine Weichenstellung vollzogen, die für die weitere Entwicklung in Nahost entscheidend sein dürfte.

Die dadurch erneut gefestigte Schlüsselposition der Ägypter zwischen dem afrikanischen und dem vorderasiatischen Raum ist auch sofort bei der Afrikareise von Präsident Hosni Mubarak deutlich geworden. Vor allem sind es aber jetzt die Spekulationen um seinen Amerikabesuch nach König Hussein von Jordanien als Sprecher einer gemeinsamen ägyptisch-palästinensisch-irakischen Nahostinitiative, von denen Ägyptens wiedererlangte Führungsrolle unterstrichen wird.

Präsident Mubarak hat also das vollendet, woran sein Vorgänger als an einer regelrechten Quadratur des Kreises scheitern mußte. Sadat war nämlich von der Vision einer nahöstlichen Friedensordnung beseelt, in der für Ägypten sowohl die Aussöhnung mit Israel wie die des Palästinaproblems und volle Aufrechterhaltung der arabisch-islamischen Bande möglich sein sollte.

Er glaubte sogar, Ägyptens von Nasser begründete Hegemonie durch die Beispielhaftigkeit seines Weges für die PLO, Syrien und Jordanien mit einem neuen Gehalt erfüllen zu können. Dieses nach allen Seiten abgewogene Ziel ging über die Kraft eines Mannes und die Dauer eines Lebens hinaus.

Anwar as-Sadat ist im Kugelregen des 6. Oktober 1981 in erster Linie ein Opfer seines Dranges nach Uberwindung der Gegensätze geworden, der nahöstlichen ebenso wie der innerägyptischen Spannungen zwischen Muslimen und koptischen Christen, zwischen arabischen Sozialisten und westorientierten Pragmatikern.

Heute kann nun rückblickend gesagt werden, daß die Ägypter wieder einmal ihre hohe Kunst unter Beweis gestellt haben, bei voller Beibehaltung der äußeren Kontinuität und Stabilität ganz wesentliche Akzentverschiebungen vorzunehmen. Diese Fähigkeit zur Entwicklung und Verwandlung ohne sichtbaren Bruch hatte schon Abdel Nassers Chefideologe Muhammad Hassanein Heikai, bekannt als langjähriger Chefredakteur des Kairoer Al-Ahram, in seiner Theorie des arabischen Sozialismus dem Klassenkampf der Marxisten als „Ta-tauwur" (Evolution) entgegengestellt und übergeordnet.

Sadat bewies dann seine ganze evolutionäre Meisterschaft bei Verwandlung der prosowjetischen, judenfeindlichen und staatskapitalistischen „Vereinigten Arabischen Republik" in die „Arabische Republik Ägypten" mit ihrem engen Freundschaftsverhältnis zum Westen, dem Frieden mit Israel und ihrer liberalen Wirtschaftspolitik der „Offenen Tür".

Unter Mubarak ist eine so drastische Neu- und Uminterpretati-on des Sadat-Erbes, wie sie der Friedensnobelpreis-Träger von 1978 am Nasserismus vorgenommen hatte, noch nicht zu bemerken. In einem wichtigen Punkt ist der ägyptische Staatschef von heute in seiner Nahostpolitik jedoch schon einen Schritt über Abdel Nasser und Sadat hinausgegangen:

Beide hatten zeitlebens irgendwie „großägyptisch" im Sinne des modernen Staatsgründers Muhammad Ali Pascha gedacht. Wie dieser im frühen 19. Jahrhundert alles auf die Eroberung Syriens angelegt hatte, so drehte sich auch später das ägyptische Konzept für Einigung oder wenigstens Bundeschluß in der arabischen Welt um die Achse von Kairo nach Damaskus.

An dieser Einseitigkeit ist aber sowohl die nasseristische VAR von 1958 wie Sadats „Konföderation Arabischer Republiken" von 1971 gescheitert. Mubarak gründet die Aussöhnung Ägyptens mit seiner arabischen, afrikanischen und islamischen Nachbarschaft auf die Freundschaft mit dem Irak als der bedeutendsten politischen, militärischen und kulturellen Kraft unter den Arabern östlich von Suez.

Schon Nasser hatte in den irakischen Revolutionen von 1958 und 1968 immer mehr die Rivalen als die wichtigsten Weggefährten seines eigenen Anliegens eines nationalen Aufbruchs der Araber erblickt. Dazu kam, daß Bagdad allein den Ägyptern deren Dominanz in der Arabischen Liga streitig machen konnte, und das vor allem nach der ägyptisch-syrisch-jordanischen Niederlage im Sechstagekrieg von 1967 auch versucht hat.

Mubaraks allererste Aussöhnung mit Saddam Hussein lange vor König Fand, Hussein von Jordanien, Arafat und Hassan von Marokko ist hauptsächlich aus der Einsicht erwachsen, daß jeder weitere Fortschritt im Nahen und Mittleren Osten auf Zusammenarbeit statt Eifersucht zwischen dessen historischen Zentren Kairo und Bagdad beruhen muß.

Treibende Kraft bei diesem Zusammenschluß ist allerdings auch die gemeinsame Herausforderung durch die Islamische Revolution iranischer Prägung, die den Irak von außen im Golfkrieg angeht und in Ägypten von innen heraus bedrohlich angewachsen ist. Die Abwehr Chomeinis übt heute bei den Arabern überhaupt einen Solidarisierungseffekt aus, wie er seinerzeit vom Zionismus bewirkt wurde.

Die Bedeutung der Heimkehr Kairos in den Schoß der arabischislamischen Volks- und Schicksalsgemeinschaft für neue Ideen und Initiativen zur Lösung des Palästinaproblems wird vor dem Hintergrund der parallelen Libanonkrise erst recht deutlich. Diese ist letztlich so chaotisch und bedrohlich geworden, daß eine Entwirrung der einander entgegenstehenden jüdischen und arabischen Rechte beziehungsweise Ansprüche in Palästina im Vergleich mit dem libanesischen Hexenkessel sich als die fast schon leichtere Aufgabe anbietet.

Nach dem Islam-Gipfel in Ca-sablanca herrscht nun die bisher einmalige Konstellation, daß Ägypten mit seinem seit Camp David von Israel anerkannten Verhandlungsmandat für die Zukunft der Palästina-Araber, das zweite palästinensische Heimatland Jordanien und der vom Ara-o bischen Gipfel in Rabat 1974 mit dem Alleinvertretungsauftrag für alle Palästinenser ausgestattete Jasser Arafat endlich zusammengefunden haben.

Allein können natürlich auch sie nicht mit dem aus taktischen Gründen jetzt erst recht zurückhaltenden Israel ins Geschäft kommen. Für die Anbahnung eines entsprechenden Dialogs müssen aber unbedingt die Amerikaner herhalten.

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