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Nach innen lauschend

Im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts zog sich ein schmächtiger, feinnerviger Dandy aus dem Leben der glanzvollen Pariser Gesellschaft zurück. Er war kränklich. Er verbrachte den größten Teil des Tages im Bett, in einem Zimmer, das mit Hilfe von Korkplatten gegen Geräusche isoliert war, und schrieb an einem Buch.

Marcel Proust, „der kleine Proust“, wie man ihn etwas verächtlich nannte, der Snob und Schöngeist entwarf ein breites Panorama der Gesellschaft und zugleich das Bild einer Seele, die von der lebendigen Kraft der Erinnerung durchströmt wird.

1913 erschien der erste Band des Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, fünf Jahre später folgte der zweite, nach dem Ersten Weltkrieg der dritte, und als 1927 endlich auch der letzte Band erschienen war, lebte der Autor nicht mehr, und die Gesellschaft, die er beschrieben hatte, war zum Schatten ihrer selbst geworden. Das Werk wirkte nun als ein Roman der mitfühlenden und dennoch erbarmungslosen Analyse und zugleich als ein wehmütiges Epos des Abschiednehmens.

Proust beschreibt, durchaus in der Tradition Flauberts, Realität, allerdings vom Licht der Erinnerung durchflutet. Dieser Realismus zeigt Seelenwirklichkeit in zweifacher Hinsicht: Er schildert die Vorgänge von innen, aus der psychischen Motivation der Figuren, und er macht den Prozeß des Sich-Erinnerns selbst begreifbar, indem er die Wertigkeit aller Motive der freien subjektiven Empfindung unterordnet.

Vor 110 Jahren, am 10. Juli 1871 ist Proust zur Welt gekommen. Sein Roman hatte auf die erzählende Prosa des Jahrhunderts tiefe Wirkung. Er wirkt heute noch als beglückende Lektüre und für Schriftsteller als Quelle der Inspiration.

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