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Nächster Kriegsherd ist der Kosovo

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Nach dem blutigen Wochenende in Kroatien wollen die EG-Beobachter ihre Friedensmission verstärken. Doch die Lunte brennt bereits am nächsten Pulverfaß.

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Nach dem blutigen Wochenende in Kroatien wollen die EG-Beobachter ihre Friedensmission verstärken. Doch die Lunte brennt bereits am nächsten Pulverfaß.

Jetzt erst beginnt Europa und auch der US-Senat - mit Hilfe des österreichischen Außenministers - auf das Problem Kosovo aufmerksam zu werden. Ein Balkan-Krieg stehe vor der Tür, wird vorausgesagt.

Beobachter haben davor schon vor vielen Monaten gewarnt. Auch dieses Problem kann innerjugoslawisch nicht gelöst werden - nur eine Internationa-lisierung kann helfen. Wenn sie nicht wieder zu spät kommt. „Helfen Sie uns, oder Sie werden mitverantwortlich für die Folgen!", so endete der Appell des Demokratischen Bundes Kosovo an die Öffentlichkeit. „Die Albaner in Jugoslawien befinden sich in größter Gefahr - Europa erwache!" heißt es in einem Aufruf des Komitees zum Schutz der Menschenrechte und Freiheit im Kosovo an die KSZE-Regierungen Anfang dieses Monates.

Zuverlässigen Informationen zufolge, wurden in den letzten Monaten große Mengen von Waffen mit Lastwagen und Kombis aus Serbien nach Kosovo gebracht und in aller Öffentlichkeit an Serben und Montenegriner verteilt. Gleichzeitig trafen serbische Reservisten - an einem Tag Anfang Juli 52 Busse- ein, die durch ihre Präsenz und durch ihr provokatives Auftreten die Bevölkerung Schwerstens beunruhigen. Obwohl die täglichen Schikanen gegenüber der albanischen Bevölkerung - Hausdurchsuchungen, willkürliche Festnahmen auch von Jugendlichen, stundenlange Verhöre und Schläge bei der Polizei, Vorladungen zu „Informationsgesprächen", Überfälle durch „Unbekannte", Polizeiterrorauf Marktplätzen und in Kneipen, dazu kommt die wachsende materielle Not durch die immer größer werdende Zahl von Arbeitslosen oder albanischen Angestellten, denen die Löhne nicht ausbezahlt

wurden - mit unverminderter Intensität fortgesetzt werden und immer wieder Situationen entstehen, wo die enorme Disziplin der Bevölkerung auf harte Probe gestellt wird, konnten bisher die großen Konfrontationen vermieden werden.

Selbstbewußte Albaner

Es ist aber auch unverkennbar, daß das Selbstbewußtsein der Albaner in den letzten Monaten gestärkt wurde. Die Tatsache, daß das Mutterland Albanien jetzt ein gleichberechtigter Partner innerhalb der KSZE-Gemeinschaft geworden ist, daß seine Bemühungen um Demokratie und Menschenrechte anerkannt werden, und es deshalb öffentlich gegen den serbischen Terror protestieren kann - hat die Beziehungen zwischen Pristina und Tirana entkrampft'und bisher verdrängte Emotionen geweckt. Die Möglichkeit, aus Albanien Hilfe zu bekommen, die Aussicht auf eine offene Grenze in absehbarer Zukunft, die direkten Kontakte zwischen den jeweiligen politischen Parteien - das alles ist eine neue Hoffnung.

Eine Hoffnung - aber nichts weniger als eine Lösung der Probleme. Erstens sind nicht nur die Albaner im Kosovo selbstsicherer geworden, sondern auch die Albaner in Mazedonien - im Sinne einer immer stärker und lauter werdenden Forderung nach Einheit der Albaner in Jugoslawien. Serbiens Forderung für Autonomie der Serben auf kroatischem Territorium hat ein nützliches, aber nicht ungefährliches Beispiel gegeben.

Je kleiner „Jugoslawien" heute schon ohne Slowenien, morgen ohne ein Rumpf-Kroatien - sein wird, -umso stärker wird Serbien sein. Darum muß Europa die Signale verstehen. Mit anderen Worten: Eine internationale Intervention muß auf zwei Ebenen in Funktion treten, wenn sie Blutvergießen in dieser Region vermeiden will: Erstens durch Präsenz an Ort und Stelle, zweitens, in dem sie verlangt, daß auch die Albaner zu Verhandlungen, wo immer sie stattfinden, über ein künftiges Jugoslawien hinzugezogen werden müssen.

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