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Nationalismus und Weltbüigertum

1945 1960 1980 2000 2020

Exklusiv-Interview mit dem katholischen Parlamentspräsidenten der Slowakei, Frantsek Miklosko

1945 1960 1980 2000 2020

Exklusiv-Interview mit dem katholischen Parlamentspräsidenten der Slowakei, Frantsek Miklosko

FURCHE: Will die Slowakei als eigenständiger Staat ins neue Europa eingehen?

FRANTISEK MIKLOSKO: Die Slowakei hat ein unerfülltes Gefühl der staatlichen Dimension. Das ist etwas, das die anderen Nationen in Europa, auch in Mitteleuropa, nicht kennen. Ich sprach darüber auch mit Präsident Vaclav Havel und ich habe ihm das in dem Sinne erklärt, daß in einer Zeit, in der sich ganz Europa integriert und die einzelnen Staaten ihre Souveränität einer höheren Ebene übergeben, die Slowakei dies alles in einem Moment durchführen müßte, in dem sie diese Staatlichkeit überhaupt noch nicht erlebt hat. Präsident Havel hat das akzeptiert. Ganz genau sagte er, daß er es begreifen könne, die Slowaken aber diesen Prozeß beschleunigen müßten. Und genau das ist die Frage, ob man so etwas beschleunigen kann.

Und es gibt hier auch ein anderes Moment: Die Slowaken hatten einmal in ihrer 1.100jährigen Geschichte eine eigene Staatlichkeit -während des Zweiten Weltkrieges. Und es ist ein ständiges Trauma, daß wir einmal diese Staatlichkeit hatten, aber in einer schlechten Situation, die noch dazu mit den Judendeportationen verbunden ist, was ein ewiges und unlösbares Problem sein wird.

Wir stehen erstens vor dem Problem der Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Und das wäre - wenn wir den Slowakenstaat von Hitlers Gnaden nicht rechnen - die erste Konstitution der Slowakei überhaupt. Das können andere vielleicht schwer begreifen, aber für uns ist das ein großes Symbol. Daß es dazu unterschiedliche Reaktionen, ein gewisses Spektrum gibt, das ist etwas ganz Natürliches.

Zweitens geht es darum, daß hier bei uns eine soziale und ökonomische Unsicherheit entstanden ist. Die Preise steigen, die Arbeitslosigkeit wächst. Daran waren wir nicht gewöhnt - auch während der Zeit des Kommunismus nicht.

Und drittens - das ist auch für mich eine neue Entdeckung - handelt es sich jetzt um die Erfahrung, wie tief wir während der Kommunismus-Ära gefallen sind. In der Kommunisten-Zeit war es leicht, gewisse Grundprinzipien der Religion zu wahren. Aber jetzt, mit der Freiheit, haben wir gesehen, daß es zu wenig war, diese Prinzipien bloß zu bewahren. Es entstand ein Vakuum des geistig-geistlichen Lebens und der Kultur.

Diese Faktoren führen dazu, daß die Menschen einfache und schnelle Lösungen suchen. Das könnte Rückkehr zu einem Totalitarismus anderer Art bedeuten, indem man nach einem Führer, einer starken Hand ruft. Es könnte verstärkten Nationalismus oder Haß gegenüber Minderheiten bedeuten. Einfache Lösungen, die es in allen Gesellschaften gibt, nicht nur in der Slowakei, haben es an sich, daß man einen Feind sucht, der für alles Schlechte verantwortlich ist. Das sind natürliche Mechanismen. Alles, was wir derzeit hier erleben, ist einerseits etwas ganz Spezifisches, andererseits ein allgemeines Zeichen.

FURCHE: In der Slowakei ist doch die katholische Kirche eine Kraft und es gibt hier auch eine neue Politikergeneration, zu der auch Sie und Vizepräsident Carno-gursky gehören. Was tun Sie, um gegen die Entwicklung von Feindbildern zu wirken?

MIKLOSKO: Die Kirche ist in keiner guten Situation. Sie ist eine Autorität. Sie hat als einzige Organisation den Kommunismus überlebt - ohne große Wunden. Beim Ende des Kommunismus war sie die größte Kraft in der Slowakei. Aber in dieser neuen Situation müssen wir zwar die Kraft der Geistigkeit, die Treue zur Kirche und unser geistliches Leben bewahren, gleichzeitig uns aber bemühen, das intellektuelle Niveau zu erhöhen. Das habe ich vor kurzem den Seminaristen des Bischofs Jan Korec in Nitra gesagt. Wir brauchen einen europäischen Blick, eine europäische Sichtweise. Und das ist eine Frage, die man nicht in einem Jahr lösen kann, das ist eine Frage einer Generation. Und da wäre Hilfe vom Westen vonnöten: Stipendien für begabte junge Menschen, die Fremdsprachen lernen und hier dann weltoffen wirken

sollen.

Zu den Politikern: Wir waren in derselben Situation. Wir waren Dissidenten, wir schrieben im Samisdat.wir bildeten kleine kirchliche und intellektuelle Zirkel und standen unter ständiger Bedrohung seitens der Polizei. Wir befanden uns in einer Isolation. Mit Europa standen wir nur über die Journalisten, über den Rundfunk und über einige Bücher in Verbindung. Es war etwas anderes, wenn Menschen aus anderen Ländern zu uns kamen, sie hatten die Weltoffenheit in sich. Wir waren in einer Provinz, wir trugen die Treue zu einigen allgemeinen Prinzipien in uns, aber den Weltbürgerblick hatten wir nicht, das müssen wir ganz bescheiden sagen.

FURCHE: Und glauben Sie, diesen Weltbürgerblick über den -positiv verstandenen - Nationalismus zu erreichen?

MIKLOSKO: Es ist sehr interessant, wie oft in der Bibel der Begriff Nation benützt wird. Besonders in der Apokalypse: Die Nationen sollen ihren Ruhm darein setzen, ins neue Jerusalem zu kommen. Nation ist keine Fiktion, es ist ein Charisma, das auch in der Bibel einen Inhalt hat. Aber wie jedes Charisma kann man auch dieses erhöhen oder zum Schlechten führen. Gerade in dieser Synthese von Nationalismus und Weltbürgertum sehe ich einen Ausgleich.

FURCHE: Der außenpolitische Sprecher der ÖVP, Andreas Khol, hat vergangene Woche im österreichischen Parlament die Völker Osteuropas vor Nationalismus und

Kleinstaaterei als Hindernis einer europäischen Integration gewarnt. Wie interpretieren Sie diese Warnung?

MIKLOSKO: Ich sehe darin ein Unverständnis. Da versucht einer, der unsere existenzielle Situation nicht kennt, diese Lage zu beurteilen. Was wollen Sie beispielsweise einem Litauer sagen? Vierzig Jahren war Litauen Rußland assimiliert. Einem Menschen, der Hunger hat, dürfen Sie nicht von irgendwelchen Prinzipien erzählen. Sie müssen ihm Brot geben. Dann kann man von Prinzipien reden. Also: Die Dimension der Nationalität war in Osteuropa ganz unterdrückt -und man muß sie jetzt positiv zum Zug kommen lassen. Eben positiv und nicht aggressiv. Daß wir das

einfach unter den Tisch fallen lassen sollen, ist keine Lösung. Das würde nur neue Aggressivität auslösen.

FURCHE: Wird in der Slowakei aus dem berechtigten Nationalismus Chauvinismus?

MIKLOSKO: Die Gefahr ist gegeben. Es hängt davon ab, welche Kräfte die nationale Frage in die Hand bekommen. Nach dem Zwischenfall mit Präsident Havel (FURCHE 12/1991, Seite 3, Anm. d. Red.) habe ich im Fernsehen gesagt,

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Die Menschen suchen einfache und schnelle Lösungen, was Rückkehr zu Totalitarismus oder verstärkten Nationalismus zur Folge haben könnte...

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daß unser Schweigen schuld daran ist, daß eine wirkliche Minderheit in der Slowakei, die niemanden repräsentiert, von der Welt als unsere Vertretung zur Kenntnis genommen wird. Und wenn wir schweigen, ändern diese Menschen auch uns. Und das können wir nicht erlauben. Wenn wir als kulturelle europäische Nation existieren wollen, dürfen wir dazu nicht mehr schweigen.

FURCHE: Hat Präsident Havel mit seinem Gang durch die Demonstranten nicht selbst ganz bewußt zur Provokation und damit zur Denunziation der Slowaken vor der europäischen Öffentlichkeit - wie das viele Slowaken interpretiert haben - beigetragen?

MIKLOSKO: Ich kenne Havel persönlich. Und ich fühle mich auch als Slowake. Und das stimmt nicht. Havel hat keine Lust, die Slowaken zu provozieren. Ich war am 14. März ständig an seiner Seite. Er sagte zu mir, daß er sich während seines Preßburg-Besuches nicht ständig nur in Räumen aufhalten wollte. Havel wollte unter die Menschen. Also gingen wir am Donau-Ufer spazieren. Er wollte unbedingt zu jenen sprechen, die an dem Tag für die Einheit der Republik demonstrierten. Ich habe ihm gesagt, daß

mir das gerade an diesem Tag nicht gefällt, daß es etwas Schlechtes sei, gerade auf diese Demonstration zu gehen. Wir kamen aber dann zu dieser Manifestation, die Leute ließen Havel hoch leben, und sofort hat er mir gesagt, daß wir auch zur Gegendemonstration müßten. Das war eine momentane Entscheidung.

Die Polizei jedoch wollte uns nicht dorthin gehen lassen, weil sie Havels Schutz nicht garantieren konnte. Und da habe ich einiges auf de.n Gewissen: Ich sagte zu Havel, daß er als Präsident nicht nur als Zuschauer am Rande zur nationalistischen Demonstration kommen könne, sondern hindurch gehen müsse. Ich sagte ihm, daß wir uns zwar in die Höhle des Löwen begeben würden, aber in Gottes Namen gehen wollten. Ich verstehe Havels Entscheidung: Er ging im Jänner 1989 auf den Wenzelsplatz, um dort Blumen niederzulegen, und wurde verhaftet. Vier Monate war er dafür im Gefängnis. Sehen Sie, das ist Havel. Er geht dorthin, wo es Konfrontationen gibt. Er ist derselbe wie damals.

FURCHE: Wie wird Prälat Jozef Tiso, der Präsident des von Hitler garantierten slowakischen Staates, heute bewertet?

MIKLOSKO: Das ist ein ewiges Problem, das sage ich offen. Tiso war seit 1918 in der Politik. Zwanzig Jahre hielt er dabei ein hohes moralisches Niveau. 1939 kam es zu einer schrecklichen Situation: Die Slowakei war von der tschechischen Armee besetzt, slowakische Parlamentarier wurden verhaftet. Hitler wollte, daß hier ein unabhängiger Staat entsteht. Die führenden slowakischen Politiker, auch Tiso, haben das nicht gewollt. Tiso wollte in eine Pfarre zurückgehen. Nach einem zweiten Anruf traf er sich mit Hitler in Berlin und dort wurde er mit der Alternative konfrontiert, daß die Slowakei von Polen und Ungarn besetzt oder ein selbständiger Staat wird. Tiso hat das dann auf legalistische Weise durchgeführt.

Er machte seine eigene Politik, bis er im Juli 1940 von Hitler nach Salzburg eingeladen wurde. Dort wurden Spitzenpolitiker der Slowakei einfach ausgewechselt und pro-nazistische Kräfte eingesetzt. Tiso wußte, daß er als Priester diese Politik nicht mittragen konnte. In dieser Lage baten aber jüdische Rabbiner, daß Tiso nicht abtreten solle, weil es sonst zu einem Ende des Judentums in der Slowakei käme.

Für Tiso war das ein Spitzenaugenblick seines Lebens. Bei seinem Prozeß nach 1945 sagte ihm der Richter: .Wenn Sie damals zu99

Mit der Hinrichtung Tisos wollte Benes die Idee der slowakischen Staatlichkeit und des slowakischen Katholizismus in alle Ewigkeit unterdrücken...

rückgetreten wären, wären Sie heute heilig.'

Nach diesem vielseitigen Druck entschied er sich fürs Bleiben und es endete alles mit einer Tragödie: Mit den Deportationen der Juden, mit allen Folgen der Zusammenarbeit mit Hitler-Deutschland. Das war aber nicht das Ende der persönlichen Tragödie Tisos.

Das Ende war folgendes: Präsident Benesals tschechischer Politiker wollte die Idee der slowakischen Staatlichkeit und des slowakischen Katholizismus in alle Ewigkeit unterdrücken. Er hat das durch Tisos Hinrichtung bewerkstelligen wollen. Das Priestertum ist in der Slowakei wirklich etwas Heiliges, etwas Unantastbares. Für den Slowaken ist ein Priester ein heiliges Zeichen.

Benes hat Tiso hinrichten lassen und dachte, damit sei das Ende all dieser Ideen gekommen. Er hat aber eine ewige offene Frage zurückgelassen.

FURCHE: Wie schätzen die Slowaken Tiso heute ein? Es soll ja sogar seine Seligsprechung vorangetrieben werden?

MIKLOSKO: Diese Seligsprechung ist Sache einiger Slowaken in der Emigration. Die Slowaken hier wissen, daß das nicht geht. Die politische Verantwortlichkeit ist gegeben, und die ist ganz klar. Die moralische Verantwortlichkeit ist Sache der Historiker - und am Ende vielleicht nur Sache Gottes. Tiso hat nämlich 8.000 Ausnahmen von den Judendeportationen ermöglicht. Das bedeutet mit den Familienmitgliedern ein Zahl von 30.000 Juden.

Wäre es nicht zum slowakischen Aufstand gekommen, wären diese Leute gerettet worden. Aber danach hat Deutschland die Slowakei besetzt und alles war in den Händen der Deutschen. Das ist die Tragödie einer Politik, auch einer Nation, aber man sollte nicht schwarz-weiß malen.

Mit dem Präsidenten des slowakischen Parlaments, FRANTISEK MIKLOSKO, sprach FRANZ GANSRIGLER.

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