6872606-1978_30_12.jpg
Digital In Arbeit

Nein zum Experiment - zurück zur Tradition

Werbung
Werbung
Werbung

Jahrhunderte hindurch waren die Bühnen der zweitgrößten Stadt Österreichs das Sprungbrett zum Ruhm für Schauspieler, Sänger und Dirigenten. Brockmann, der spätere erste Direktor des Burgtheaters hat hier gewirkt, Emanuel Schikaneder, Sonnenthal, Mitterwur-zer, Alexander Girardi, Aslan, Lie-wehr, die Sallocker, Walther Reyer hatten in Graz begonnen ebenso wie Karl Muck, Josef Manowarda und Franz Völker. Graz war - lange vor den Salzburger Festspielen - die zweite musikalische Metropole Österreichs.

Aber während dieses Theater noch vor 130 Jahren auch ein politischer Ort war - im März 1848 verkündete der Gouverneur Graf Wickenburg Konstitution und Pressefreiheit den jubelnden Grazern während eines Theaterabends im Hause am Freiheitsplatz -, so sind Revolutionen und politische Manifestationen heute überall anders denkbar, nur nicht im Theater. Die Allgemeinheit betreffende Ereignisse finden hier nicht mehr statt, ganz selten noch stört heute ein vereinzelter Buh-Rufer den kulturellen Frieden des Bürgers, von echter Auseinandersetzung ist keine Rede mehr. Um wenigstens jene 20 Prozent des Gesamtbudgets, die derzeit vom zahlenden Publikum bestritten werden, noch halten zu können, darf man den Theaterkonsumenten nur ja nicht vergrämen. Denn: die Grazer Bühnen stehen am Rande der nackten Not. Wenn die Kostenexplosion sich fortsetzt, woran kaum gezweifelt werden kann, wird auch jenes Mindestmaß an Aufwand nicht mehr erbracht werden können, dessen ein engagiertes Haus bedarf. Das Existenzminimum verbietet das Experiment. Während innerhalb 25 Jahren das Grazer Schauspiel immerhin 45 Uraufführungen (darunter Canettis „Hochzeit“) herausbringen konnte und weit mehr als 50 Stücke in deutschsprachiger oder österreichischer Erstaufführung gezeigt hatte, werdien in Zukunft die „sicheren“ Stücke den Spielplan bestimmen. Dennoch will Dr. Rainer Hauer, der das Schauspielhaus leitet, „wenigstens zweimal im Jahr etwas wagen dürfen“: einmal „wagt“ er zum „steirischen herbst“, und ein zweites Mal leistet er es sich, einen steirischen Autor uraufzuführen. Deutschsprachige Erstaufführungen und die kleinen Avantgarde-Stücke, mit denen noch vor Jahren Experimentier- und Probebühnen ihre Existenzberechtigung beweisen konnten, gibt es praktisch nicht mehr.

Das Grazer Schauspielhaus, im Jahre 1776 erbaut und nach verheerendem Brand 1823 von Grund auf neu errichtet, mußte 1952 wegen Baufälligkeit schließen; es wurde durch Initiative des Vereins „Rettet das Schauspielhaus“ renoviert und nach modernen Bühnenerfordernissen unter Beibehaltung des biedermeierlichen Charakters als Logentheater mit drei Rängen im Jahre 1964 mit Max Mells „Pa-racelsus“ wiedereröffnet. Zu seinen 580 Sitzen kommen noch 100 Plätze auf der „Probebühne“ und weitere 190 im „Cafehaustheater“, das im Redouten-saal des Hauses vor einem Jahr eingerichtet wurde. Aber das Studio auf der Probebühne ist faktisch stillgelegt. Dies machen kritische Stimmen Hauer zum Vorwurf: er suche nichts, weiche ganz bewußt jedem Risiko aus. Selbst das Cafehaustheater, das beinahe zum Nulltarif spielt (40 und 70 Schilling), während im Schauspielhaus die Eintrittspreise von 10 bis 120 Schilling variieren, scheue jede kritische Auseinandersetzung. Beweis dafür: Das „Karl Valentin-Panoptikum“, das mit bewährter Schenkelschlag-Taktik fürs Gaudium der Zuseher statt für deren kritische Sensibilisierung sorge. Was aber bleibt dem Schauspieldirektor Dr. Hauer angesichts deryerzweifelten finanziellen Lage der Grazer Vereinigten Bühnen anderes übrig, wenn überdies der Schwerpunkt eindeutig bei der Oper liegt. Und wenn der Intendant im Schauspiel den „Unterhaltungsfaktor - im positiven Sinne natürlich, Feydeau etwa“ stärker berücksichtigt sehen möchte? Und wenn der Verwaltungsdirektor, der selber ein Opernmann ist (Dr. Thomas Tarjan war in Ungarn Bankdirektor und in Graz Erster Operettentenor!), dem Vernehmen nach für die Oper ein offenes Ohr, für das Schauspiel aber eine zugeknöpfte Tasche hat?

Aus dem Steirischen Landestheater der unmittelbaren Nachkriegszeit und den Städtischen Bühnen Graz wurden 1950 die „Vereinigten Bühnen“, die auf Grund eines Abkommens vom Land

Steiermark gemeinsam mit der Stadtgemeinde Graz geführt werden. Ein neunköpfiger, aus den im Landtag und im Gemeinderat vertretenen Parteien gebildeter „Theaterausschuß“ ist politisch für das Unternehmen verantwortlich und bestellt den Intendanten, den Schauspieldirektor und den kaufmännischen Leiter. Während das klassizistische Schauspielhaus über 580 Sitze (ohne Nebenspielplätze) verfügt, ist das 1899 in neobarockem Stil erbaute Opernhaus als Logentheater mit zwei Rängen für 1330 Besucher eingerichtet. Die Bühnentechnik ist hier zwar einigermaßen auf der Höhe der Zeit, es fehlt jedoch an Künstlergarderoben und Aufenthaltsräumen für die Mitwirkenden. Die Eintrittspreise reichen im Opernhaus derzeit von 25 bis 300 Schilling. In beiden Häusern gibt es je ein Premierenabonnement; das Sprechtheater bietet zusätzlich drei Abonnementreihen pro Inszenierung, die Oper vier. Am Gesamtverkauf haben die Abonnements jedoch nur geringen Anteil: etwa 17,5 Prozent im Opern- und nur 10 Prozent im Schauspielhaus. Die durchschnittliche Auslastung im Opernhaus beträgt bei rund zweihundert Vorstellungen im Jahr etwa 78 Prozent, im Schauspielhaus trotz in den letzten Jahren gestiegener Besucherzahlen nur 62 Prozent (die Nebenspielstätten haben allerdings eine bedeutend größere Frequenz). Das Sprechtheater bot in der Saison 1976/77 283 Vorstellungen in Graz und 70 sogenannte „Abstecherabende“ auf dem Lande, in der Saison 1977/78 sind es etwas weniger.

Das Gesamtbudget beider Häuser (jedoch ohne Orchester, das ein Problem für sich darstellt) beträgt für 1978 128 Millionen Schüling. Seit dem Jahr 1971 sind die Besucherzahlen um etwa 20 Prozent, die Einnahmen um 150 Prozent gestiegen; der Anteil der Einspielergebnisse am Gesamtbudget macht somit derzeit 20 Prozent aus, was gegenüber anderen Theatern noch günstig ist. Das Hauptkontingent stellen natürlich die Subventionen dar:

Vom Bund kommen 12,1 Millionen Schilling, den Rest - also etwa 90 Millionen Schilling - berappen das Land Steiermark und die Stadt Graz zu gleichen Teilen. „Das Land“, meint Schauspieldirektor Hauer, „ist finanziell günstiger dran, weil die Stadt zusätzlich noch als Gebäudeerhalter belastet ist.“ Deshalb, so Hauer, wäre es nur gerecht, daß das Land das Orchester als Rechtsträger übernimmt. Dieses Philharmonische Orchester, das Musikkritikern und Zuhörern nur geringes Vergnügen bereitet, stellt eine enorme Belastung für die Theatererhalter dar: vor Jahren wurde der Vertrag mit dem ORF abgebrochen - von dort sind also keine Einnahmen zu erwarten, und im Musikverein tritt das Orchester fünfmal pro Saison in Erscheinung, was finanziell nicht sehr ins Gewicht fällt und außerdem nicht ausreicht, um dem viel zu wenig geforderten Klangkörper die „Podiumsangst“

zu nehmen, wie Intendant Nemeth bedauernd vermerkt.

Vom 128 Millionen-Budget entfallen 80 Prozent auf Personalkosten, der Rest auf Sachausgaben. Die Ausstattungskosten nehmen dabei nur ein Fünftel, also 20 Prozent, ein.

Zur Personalsituation: das Opernensemble besteht aus 20 Herren und 13 Damen, das Ballett umfaßt 24, der Chor 43 Mitglieder, das Orchester (als eigener Wirtschaftskörper geführt) verfügt über 96 Planstellen; es gibt drei ständige Regisseure und 136 Angehörige des „sonstigen Personals“. Das Jahr über sind 29 Gäste fix eingebaut. Die Höchstgage der ständigen Mitglieder beträgt 32.000 Schilling, die Mindestgage 6840 Schilling. Im Schauspiel liegt die Durchschnittsgage bei 12.000 Schilling, die Höchstgage beträgt hingegen nur 21.000 Schilling. Diese viel zu niedrigen Beträge stellen ein beträchtliches Hindernis beim Aufbau eines guten Ensembles dar. Im Schauspiel sind übrigens zwölf Damen und 20 Herren fest engagiert, dazu kommen acht öfter eingesetzte Externisten; es gibt jedoch nur selten Gäste. Zwei Hausregisseure und sechs Gastregisseure, zwei Dramaturgen, von denen einer auch Disponent ist (beide sind auch für die Oper zuständig), ergänzen das künstlerische Personal. Technik und Verwaltung beschäftigen in beiden Häusern 298 Personen.

Seit 1972 leitet Dr. Carl Nemeth als Intendant die Vereinigten Bühnen, Dr. Thomas Tarjan ist für die kaufmännische Seite des Unternehmens und Dr. Rainer Hauer für die künstlerische Leitung des Schauspielhauses verantwortlich. Der Wiener Nemeth, Musikfachmann mit viel Volksopern-Erfahrung, hatte ein klares Konzept für die künstlerische Sanierung der Grazer Oper, das er in den vergangenen Jahren auch mit ziemlicher Konsequenz verwirklichte. Das Hauptgewicht wird auf die selten gespielte Oper des 19. Jahrhunderts gelegt, auf eine Neuerweckung der Belcanto-Oper einerseits und die Pflege fast verschollener Meisterwerke anderseits.

Diesem Trend sind die sorgfältig vorbereiteten Produktionen etwa von „I Puritani“ (Bellini), „Mose“ (Rossini), „Anna Bolena“ (Donizetti), aber auch „Die Perlenfischer“ (Bizet), „Lakme“ (D61ibes) und „Fürst Igor“ (Borodin) zu verdanken. Daneben wird besonderes Augenmerk auf die Pflege der Mozart-Oper gelegt (fünf Neuinszenierungen in fünf Jahren). Gewissermaßen als Gegenpol zur wiederentdeckten Opernvergangenheit findet fast in jeder Spielzeit eine österreichische oder deutschsprachige Erst- bzw. Uraufführung statt („Der Tod in Venedig“ von Britten oder Kreneks „Orpheus“). Natürlich werden die Lieblingskomponisten der Grazer - Wagner, Puccini und Richard Strauss -nicht vergessen. Musicals bereichern fallweise den Operettenspielplan; pro Spielzeit gibt es höchstens einen Ballettabend. Die Laufzeit der einzelnen Inszenierungen ist unterschiedlich und reicht von einer bis zu acht Spielzeiten. Den Löwenanteil der Publikumsgunst buchen Operette und Musical für sich, am schlechtesten gehen naturgemäß die zeitgenössischen Opern, was wiederum die Intendanz nicht zu Progressivst ermutigt. In der Saison 1976/77 hatte die Oper bei 112 Abenden 105.580 Besucher und 8,741.887 Schilling Einnahmen zu verzeichnen, die Operette an 50 Abenden 53.526 Besucher und 4,408.478 Schilling, das Ballett verzeichnete an 13 Abenden 9462 Besucher und 689.433 Schilling an Einnahmen.

1976/77 brachte das Schauspiel 18 Produktionen, davon zwei Uraufführungen, eine deutschsprachige und sechs österreichische Erstaufführungen, heraus; in dieser Saison waren es allerdings nur 13 Produktionen, davon 3 Uraufführungen und eine österreichische Erstaufführung.

Neben dem Spitzenreiter der heurigen Schauspielsaison, der „Dreigroschenoper“, stößt die Pflege des Kinder- und Jugendstückes auf großes Publikumsinteresse. Das Programm der letzten Jahre bedeutet eine klare Absage an das klassisch-verkitschte Märchenspiel zugunsten phantasieanregender Vorlagen mit einsichtigem Rollenspiel („Schule mit Clowns“) und des emanzipatorisch-kritischen Jugendtheaters („Ein Fest bei Papada-kis'.V Blfid bleibt bled“), Im Haus selbst und in mobilen Produktionen für Schule und Heime kommen in dieser Sparte durchschnittlich etwa 70 Vorstellungen zusammen.

Die Struktur der „Grazer Vereinigten Bühnen“ bringt auch eine Reihe von Problemen mit sich. Zu niedrige Gagen und zu wenige Schauspieler verhindern etwa die Aufführung eines „mittelgroßen Schiller“, der Abstecherbetrieb mit seinen zwei Spieltagen pro Woche in der „Provinz“ läßt einen ausgewogenen, intensiven Probenbetrieb nicht zu; so muß beispielsweise die Arbeit einfach abgebrochen werden, weil keine Uberstunden gemacht werden dürfen oder weil um 15 Uhr der Autobus zum „Abstecher“ startet. Der Aufführungstermin für die „Dreigroschenoper“ hängt davon ab, ob der Klarinettist des 13-Mann-Orchesters im Opernhaus gebraucht wird oder nicht.

Noch drückender wirkt sich das Fehlen geeigneter Werkstätten aus: Ein Schichtbetrieb ist wegen der getrennten Häuser nicht möglich, manchmal muß ein Stück nur deshalb „gewählt“ werden, weil die Dekoration dazu noch vorhanden ist oder ausgeliehen werden kann. Zur Erneuerung der Werkstätten und der Opernhausheizung bedürfte es einer Investition von 140 Millionen Schilling.

Doch Intendant Nemeth gibt sich nicht so pessimistisch. Er will versuchen, das Niveau zu halten, indem er zwar weniger produziert, aber die Qualität nicht senkt. Konkret heißt das für die nächste Opernsaison: mehr Wiederaufnahmen statt Neuinszenierungen. Charpentiers „Louise“ wird eben nicht in fünf Bildern zu sehen, sondern nur konzertant zu hören sein.

Dennoch: ein Sprungbrett, dessen Federn nicht mehr funktionieren, ist eben kein Sprungbrett mehr. Das müßte sich auch der Unterrichtsminister einmal sagen. Wenn er den Bundeszuschuß für das Sprungbrettunternehmen erhöht, so erbringt er damit ja nichts anderes als eine „Vorleistung“ für die Bundestheater und das Fernsehen. Wer aber die künstlerische Basis aushungert, der wird den Schaden über kurz oder lang an der Wiener „Spitze“ spüren...

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung