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Neu evangelisieren!

1945 1960 1980 2000 2020

Über ein „Herzensanliegen“ von Papst Johannes Paul II. sprach der neue Nuntius in Österreich jüngst auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV).

1945 1960 1980 2000 2020

Über ein „Herzensanliegen“ von Papst Johannes Paul II. sprach der neue Nuntius in Österreich jüngst auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV).

Neu-Evangelisierung in Europa. Dieses Wort könnte als Neologismus betrachtet werden; daher treten auch andere synonyme oder sinnverwandte Wörter wie zum Beispiel „Reevangelisierung“, „ Dauerevangelisierung“, „ Selbstevangelisierung“ und ähnliches auf.

Um etwas Vernünftiges über die Neu-Evangelisierung von Europa zu sagen, sollen wir uns zunächst fragen: Was ist eigentlich das Evangelium?

Von den vielen möglichen Antworten werde ich nur einige aufgreifen:

Das Evangelium ist

• die Vollendung der Offenbarung (DV 2 = Dei Verbum)

• die Quelle jeder Wahrheit und jeder Sittlichkeit für alle, die das Geschenk des Glaubens erhalten haben (DV 7)

• die Botschaft Gottes, die ihre

Gültigkeit bis ans Ende der Welt bewahren wird (Mt 28,20): „der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen“ (Mt24,35;Mkl3,31; Lk 21,33)

• die Kraft Gottes zum Heil für jeden, der glaubt (Rom 1,16; DV 17).

Welches Ziel beziehungsweise welchen Zweck hat das Evangelium, die gute Nachricht?

Das Evangelium ergeht an die Menschheit, um

• die Menschen mit Gott zu versöhnen: „ja, Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt (II Kor 5,19)... „Wir, die Christen sind also die Botschafter (der Versöhnung) an Christi Statt“ (II Kor 5,20),

• um die Bekehrung des Herzens, die Veränderung der Mentalität (Apg 3,19; Mt 13,15; Mt 3,2) zu bewirken.

• um die Befreiung von der Sünde, die die Wurzel jeden Übels ist (Mt 26,28; Joh 8,34; 20,23), zu ermöglichen.

Welche Früchte bringt das Evangelium?

Die Frohe Botschaft Gottes an die Menschen verkündet den Menschen

• die wahre und tiefe Freude: „ich verkünde euch eine große Freude“ (Lk 2,10)

• den Frieden für die Menschen, die guten Willens sind (Lk 2,14) und die den Frieden stiften: „selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen“ (Mt 5,9)

• das Licht denen, die in Finsternis

und in Todesschatten sitzen, um unsere Füße zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1,79)

• die Idee der ehrlichen Brüderlichkeit unter allen Menschen in allen Kontinenten, in allen Ländern gehören: „ihr alle aber seid Brüder“ (Mt 23,8)

• die Idee der wirklichen Freiheit als der Frucht der Wahrheit: „und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Jo 8,32)

• die wahre und endgültige Gleichberechtigung vor dem gerechten Richter (II Tim 4,8).

Wer soll evangelisieren?

Das nachsynodale Apostolische Schreiben „Christifideles laici“ Seiner Heiligkeit Papst Johannes Pauls II. über die Berufung und die Sendung der Laien in Kirche und Welt gibt die umfassendste Antwort zu dieser Frage. Diese Antwort ist das Ergebnis der Bischofssynode von 1987, an der der Papst und Hunderte Vertreter des Weltepiskopats, Priester, Diakone, Or-

densleute und Laien aus der Kirche aller Kontinente und Nationen ohne Unterschied von Rasse, Farbe und Sprache teilgenommen haben.

In dem obenerwähnten Dokument wird klar und bestimmt festgehalten, daß alle Mitglieder der Kirche - daher auch alle Laien -mitverantwortlich für die Kirche in ihrer Sendung und in der Verkündigung des Evangeliums sind...

In der Nummer 34 seines Apostolischen Schreibens geht der Heilige Vater auf jene Situationen ein, die eine Neu-Evangelisierung dringend machen. Wohlstand und Konsumismus haben die Menschen der Länder in der Ersten Welt dazu verleitet, so zu leben, „als wenn es Gott nicht gäbe“. Es ist nicht nur der ausdrückliche Atheismus, der besorgniserregend und zersetzend ist; denn, religiöse Indifferenz und fast inexistente religiöse Praxis sind genauso gefährdend. Der christliche Glaube wird aus den zentralen Ereignissen des Lebens, wie Geburt, Leid und Tod, immer mehr

ausgeschlossen, auch wenn noch traditionelle und ritualistische Ausdrucksformen des Glaubens erhalten sind. Gewaltige Rätsel und Fragestellungen bleiben für den Menschen unbeantwortet und versuchen die Menschen sogar zur Zerstörung des menschlichen Lebens.

Der Heilige Vater sieht aber auch die Gefahren für jene Länder, in denen noch die traditionelle christliche Frömmigkeit und Religiosität im Volk erhalten blieben; auch hier drohen Säkularisierung und Verbreitung der Sekten. Diese noch lebendigen Traditionen können jedoch nur dann zu einer Kraft wahrer Befreiung werden, wenn eine neue Evangelisierung die Vertiefung eines reinen und festen Glaubens gewährleistet. Die christliche Substanz der Gemeinden in diesen Ländern und Nationen muß erneuert werden, damit die christliche Substanz der menschlichen Gesellschaft sich erneuern kann. In diesem Kontext des Indifferentismus, der Säkularisierung, des Atheismus und des Verlustes christlicher Substanz auf vielen Ebenen spricht der Heilige Vater von der Aufgabe der Laien:

„Aufgrund ihrer Teilhabe am prophetischen Amt Christi werden die Laien ganz in diese Aufgabe der Kirche einbezogen. Ihnen kommt

„Den Gegensatz zwischen Evangelium und eigenem Leben überwinden“

es in besonderer Weise zu, Zeugnis zu geben vom christlichen Glauben als einzige und wahre Antwort - die alle mehr oder weniger bewußt erkennen und nennen - auf die Probleme und Hoffnungen, die das Leben heute für jeden Menschen und für jede Gesellschaft einschließt.

Dieses Zeugnis wird möglich, wenn es den Laien gelingt, den Gegensatz zwischen dem Evangelium und dem eigenen Leben zu überwinden und in ihrem täglichen Tun, in Familie, Arbeit und Gesellschaft eine Lebenseinheit zu erreichen, die im Evangelium ihre Inspiration und die Kraft zur vollen Verwirklichung findet.

Ich möchte heute erneut den leidenschaftlichen Anruf, mit dem ich mein Hirtenamt begonnen habe, allen modernen Menschen entgegenrufen: Habt keine Angst! Öffnet, ja öffnet Christus weit die Türen!...“

Die Verkündigung des Evangeliums ist die Aufgabe der Kirche überall auf der Welt zugunsten jedes einzelnen Menschen und aller Generationen eines jeden Zeitalters. Die Worte Unseres Herrn Jesus Christus bleiben immer aktuell: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,19-20).

Diese Worte bedeuten, daß jeder Mensch evangelisiert werden soll,

daß jede Generation die „Gute Nachricht“ Gottes empfangen und, daß jeder evangelisierte Mensch die Errungenschaft des Glaubens auch selbst fördern soll.

Der Glaube, der von den Vorfahren in unser Herz gesät wurde, soll in uns wachsen, mit uns reifen in ständiger Konfrontation mit dem Wort Gottes, in andauernder Ausbildung, mit steter Beherrschung unserer unüberlegten Antriebe.

Wenn der Glaube nicht in jedem Christen mitreift, kann dies zum Verlust des christlichen Glaubensbewußtseins und der christlichen Glaubensüberzeugung führen. Daher lädt die Liturgie ein, zu Gott zu beten: „mache uns würdig Christen zu heißen, und gebe uns die Kraft, Christen zu sein“ (Schlußgebet des Gedenktages des heiligen Ignatius von Antiochien).

Deswegen sprechen Papst Johannes Paul II. wie auch die Bischöfe und die anderen Verantwortlichen in der Kirche von „Reevangelisie-rung“ oder von „Neuevangelisierung“. In der heutigen Welt braucht man Christen:

• die das Wesen und die Werte der Gottesbotschaft kennen,

• die fähig sind, den Plan Gottes zu verstehen, die Liebe Gottes für jeden Menschen zu widerstrahlen und,

• die handlungsfähig sind, jene

bessere Welt zu bauen, wo Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, verantwortungsvolle Freiheit herrschen, und wo die Rechte der Menschen mit den Rechten Gottes vereint sind.

Dies gilt für alle Kontinente, für alle Nationen und daher auch für Österreich.

Die Neu-Evangelisierung des europäischen Kontinents ist ein besonderes Herzensanliegen des heutigen Nachfolgers Petri, Papst Johannes Pauls II.; anläßlich seines zweiten Pastoralbesuchs in Österreich - Tor zu Ost-Europa und Schnittpunkt des ganzen europäischen Kontinents - hat der Heilige Vater die Bedeutung der Neu-Evangelisierung hervorgehoben.

Zum Thema Neu-Evangelisierung hat der Papst den Österreichern unter anderem gesagt (Rede andieÖsterreichischeBischofskon-ferenz in Salzburg, 3): „Wir wollen Gott danken, daß in vielen Menschen dieses Landes noch ein tiefer, starker Glaube vorhanden ist und daß sich viele redlich darum bemühen, aus dem Glauben zu leben und ihn durch Werke der Liebe zu bezeugen.

Ebenso wissen wir aber auch, daß bei nicht wenigen der Glaube bedauerlicherweise verflacht oder in Gewohnheit und Brauchtum erstarrt ist. Wieder andere sind in den letzten Jahren in nicht geringer Zahl sogar - aus welchen Gründen auch immer - aus der Kirche ausgetreten. Das Ausmaß der Säkularisierung als Folge von Wohlstand und religiöser Gleichgültigkeit ist auch bei Euch im Leben des einzelnen, der Familie und vor allem der Öffentlichkeit weit fortgeschritten. Der Glaube hat im konkreten Leben des Alltags an Kraft verloren. Nicht nur einige vereinzelte pasto-rale Initiativen sind heute gefordert, eine umfassende Neu-Evangelisierung wird immer notwendiger, die bei den einzelnen, bei den Familien und Gemeinden beginnt und die verschütteten Quellen des Glaubens und einer überzeugten Christusnachfolge neu zum Fließen bringt.“ ,

Auszug aus der Rede am 21. Oktober in Eisenstadt.

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