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Neue Ethik für Aizte?

1945 1960 1980 2000 2020

In einigen Ländern wird der hippokratische Eid nicht mehr geschworen, in fast allen treiben Ärzte ab, in Holland wird für Euthanasie plädiert. Wohin steuert die Ethik der Ärzteschaft?

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In einigen Ländern wird der hippokratische Eid nicht mehr geschworen, in fast allen treiben Ärzte ab, in Holland wird für Euthanasie plädiert. Wohin steuert die Ethik der Ärzteschaft?

Hippokrates hat mehrere Jahr- hunderte vor Christus in Grie- chenland gelebt. Wir wissen nicht viel über ihn, aber der hip- pokratische Eid, der von ihm oder seinen Schülern festgelegt worden ist, hat sich als eines der wichtig- sten Dokumenten der westlichen Zivilisation erwiesen. Es ist der Mühe wert, etwas über diesen Eid nachzudenken.

Er sagt einiges aus, was für eine gute ärztliche Tätigkeit von zen- traler Bedeutung ist: Ärzte müssen Information für sich behalten, sie dürfen ihre beruflichen Bezie- hungen nicht sexuell mißbrauchen, sie müssen ihre Lehrer fachlich achten. Festgehalten werden auch heute sehr kontroverse und aktuel- le Aussagen: keine Abtreibung, keine Euthanasie. Aber wohl am wichtigsten ist folgendes:

Erstens: Werthaltung und Tech- nik gehen Hand in Hand. Die Ethik des Arztes und die ärztlichen Fer- tigkeiten sind unlösbar verbunden. Im Eid wird das dadurch hervorge- hoben, daß, wer diesen Eid schwört, auch zustimmt, das besondere Know How niemandem weiterzu- geben, der den Eid nicht geschwo- ren hat.

Zweitens: Diese Werte sind in Gott verankert. Der Wert des Le- bens ist jenseits des menschlichen Daseins verankert. Der hippokra- tische Eid ist eben ein Eid. Hippo- krates war kein Christ. Und Juden und Muslime, ebenso wie auch andere haben diese Medizin als Modell gewählt. Aber die Werte des Eids haben nur dann einen Sinn, wenn man daran glaubt, daß der Grund für das menschliche Leben im Jenseits verankert ist.

Daraus leitet sich alles andere ab, vor allem die Heiligkeit des men- schlichen Lebens. Im alten Grie- chenland war Abtreibung alltäg- lich und Ärzte wurden häufig von ihren Patienten um Sterbehilfe gebeten. Dem stellte Hippokrates ein Nein entgegen.

Margaret Mead, die bekannte Anthropologin, hat den hippokra- tischen Eid „einen der Wendepunk- te in der Menschheitsgeschichte" genannt. Die hippokratischen Doktoren „sollten sich vollständig dem Dienst am Leben weihen, un- ter allen Umständen, dem Leben von Sklaven, dem Leben des Kai- sers, dem Leben des Fremden, dem Leben des behinderten Kindes unabhängig von Rang, Alter oder Intellekt".

Bei Hippokrates finden wir erst- mals „eine vollständige Trennung von töten und heilen", von zwei Akten, die in primitiven Ge- sellschaften immer in den Händen einer Person, des Zauberers, ver- eint sind.

Dieser radikal neue Zugang zur Medizin bewies eine große Durch- schlagskraft. Er begann als Min- derheitenmedizin und konnte in einer Gesellschaft, in der liberale Abtreibung, Selbstmord und Eu- thanasie stattfanden, zunächst nicht populär gewesen sein. Aber letztlich setzte sich diese Medizin durch und es ist kein Wunder, daß die junge Kirche diesen humanen Ansatz adoptiert und als Modell • christlicher Medizin eingesetzt hat.

So entstand unsere medizinische Tradition. Deswegen wurde der hippokratische Eid bis vor wenigen Jahren an unseren medizinischen Schulen geschworen.

Was ist nun aber die „Neue Me- dizin"? Auch da möchte ich Mar- garet Mead zitieren, die es treffend sagt: „Die Gesellschaft versucht immer wieder, den Arzt zum Mör- der zu machen - um das behinderte Kind bei der Geburt zu töten, um Schlaftabletten neben dem Bett eines Krebskranken liegen zu las- sen." •

Genau das ist passiert. Es gibt neue Werte in unserer nach- christlichen Gesellschaft. Und ei- nes der wichtigsten Konzepte ist, daß es überhaupt keine letztgülti- gen Werte gibt. Jeder kann sich bedienen und wählen. Du kannst tun, was du willst - nur darfst du mir nicht vorhalten, was ich tun sollte. Das ist das große Verbot der liberalen Gesellschaft.

So wurde die Medizin von ihren moorings abgetrennt und die tra- dierten Ideen, daß Werthaltung und Technik zusammenstimmen müssen, daß der jenseits des menschlichen Lebens das Leben Gottes existiert - diese Funda- mente der humanmedizinischen Tradition werden wird Verach- tung behandelt.

Das ist der Hintergrund, auf dem ich alle besonderen Kritiken an den Trends der medizinischen Praxis im Westen darstellen möchte.

Der augenscheinlichste Aspekt der „Neuen Medizin" ist wohl ihre Ablehnung des Prinzips der Heilig- keit des menschlichen Lebens, daß also das Leben zu nehmen, niemals eine Option - aus welchem Grund auch immer - klinischen Tuns sein kann.

Stattdessen haben wir das Prin- zip des „Respekts vor dem Leben" gesetzt, was leider nichts anderes bedeutet, als: Wir werden mensch- liches Leben so hoch schätzen, wie wir dies zu tun entscheiden. Wie groß diese Wertschätzung ist hängt in der jeweiligen Situation von an- deren Dingen ab.

Die liberale Abtreibung ist das markanteste Beispiel dafür, das auch am meisten im Widerspruch zu hippokratischen Werten steht. Da hieß es von Anfang an nein - in einer Umwelt, die nicht so dachte. Und Abtreibung hat selbstver- ständlich zur Tötung behinderter Babys geführt. Man hat sie Föten „ex utero" genannt. Und parallel dazu ist der Druck in Richtung Eu- thanasie steigend: In Holland wer- den Tausende Menschen jährlich bewußt getötet.

Dahinter steht noch ein Phäno- men. Das Zerbröckeln der Werte hat uns ein Modell einer Medizin, die nur mehr auf Kontrakt beruht, beschert. In der „Alten Medizin" war Arzt sein ein Beruf, der darin bestand, zu heilen, wo jemand krank war. Jetzt ist er Vertragspartner: Man veranlaßt ihn zu tun, was man von ihm will. Man sagt es ihm, zahlt ihn (direkt oder indirekt) und er geht ans Werk, wie ein Baumeister oder ein Installateur.

Vielleicht wollen Sie geheilt wird. Vielleicht auch Schluß machen.

Vielleicht wollen Sie, daß er sich um Ihre Schwangerschaft kümmert. Vielleicht aber auch, daß er das ungewollte Kind beiseite schafft.

Vielleicht wollen Sie Hilfe, damit es Oma wieder besser geht. Viel- leicht aber auch nur dazu, sie los- zuwerden.

Man nennt die „Alte Medizin" paternalistisch, weil sie von der Vorstellung ausgeht, der Arzt wüß- te es am besten. Sicher ist am Pater- nalismus einiges auszusetzen und Patienten haben das Recht zu wis- sen, was vorgeht. Und sie müssen zustimmen.

Aber in der hippokratischen Medizin sind die Möglichkeiten des Arztes beschränkt und müssen be- schränkt sein. Er ist - so wie Sie - von der Versuchung befreit, darauf zu vergessen, daß das Leben heilig ist. Das Wertsystem ist in die Medi- zin eingebaut.

Da ist auch die Frage nach dem Leiden. Man redet heute viel von der Aufgabe des Arztes, das Leiden zu lindem. Als ich das erste Mal den hippokratischen Eid gelesen habe, war ich sehr erstaunt, daß über- haupt nicht Bezug auf das Erleich- tern von Leiden genommen wird.

Natürlich lindern Ärzte das Lei- den. Aber da gibt es Grenzen für ihre Macht - moralische und prak- tische Grenzen. Ich denke Hippo- krates wollte in seiner Weisheit sicherstellen, daß keiner seiner Ärzte auf die Idee kommen könn- te, um jeden Preis Leiden zu lin- dern.

Genau so wird aber - bei der Abtreibung und sonst auch - ar- gumentiert, wenn man das Leben nimmt. Es sei abzuwägen, sagen die Ärzte, zwischen der Heiligkeit des Lebens und dem Erleichtern von Leiden. Einmal hat eines über- hand, einmal das andere. Aber die Heiligkeit des Lebens ist ein oberster Wert. Er kann nicht be- wertet werden. Ansonsten löst er sich auf. Alles andereist ihm zu unterordnen.

Ein anderer Leitgedanke ist Macht. Wenn der Arzt Vertrags- partner wird, dann wird er auch Agent sei- nes Auftragge- bers und dann übt er in dessen Dienst Macht über seinen Pa- tienten aus. In der hippokrati- schen Medizin bekam der Arzt natürlich auch ein Honorar - das war immer so - aber er kam mit seinem ärztli- chen Ethos in der Ärztetasche. Jetzt ist er ein Agent des Pa- tienten oder der Familie oder der Versicherungs- gesellschaft oder des Staates. Und so gibt es andere Überlegungen, die seine Ent- scheidungen be- einflussen als die Interessen des Patienten. In der Situation äußer- sten Ausgelie- fert-Seins des Patienten ist Medizin zu ei- nem Machtmit- tel geworden, wer glaubt, das sei übertrieben, der erkundige sich danach, was einem behinderten Baby zustoßen kann.

Man lasse sich nur ja nicht ein- reden, daß es sich hier um einen Fortschritt handelt. Genau das Ge- genteil ist der Fall. Die „Neue Me- dizin" ist ein höchst komplexer, technologischer Rückschritt in die primitive Welt vorchristlicher und vor-hippokratischer Werte.

Der Autor ist Herausgeber der Zeitschrift „Ethics and Mediane", sein Beitrag ein Auszug aus einem Vortrag, den er beim XVI. Internatio- nalen Familienkongreß in Brighton (FURCHE 29/1990) gehalten hat. Aus dem Englischen über- setzt von Christof Gaspari.

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