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Neue Fronten im Libanon?

Nach einer „Friedensvereinbarung“ zwischen dem syrischen Staatschef Assad und dem Führer der „Tawhid-Bewegung“ (Islamische Einigungsbewegung) sind syrische Truppen in die libanesische Hafenstadt Tripolis einmarschiert.

Während noch die Kämpfe des vergangenen Sommers, als die

Schiiten mit syrischer Billigung Hie Palästinenser in ihren Lagern in West-Beirut bedroht haben, an die erste Phase des Bürgerkrieges erinnerten, gab es in der Schlacht um Tripolis eine überraschende Wendung: Die von Damaskus unterstützten Alawiten-Milizen sowie die Linksgruppen kämpften jetzt gegen die Schiiten und die islamischen Kräfte, was wiederum ein fundamentalistisches Terrorkommando dazu veranlaßte, zum ersten Mal in der Geschichte des Libanonkrieges vier sowjetische Diplomaten als Geiseln zu nehmen.

Durch die Geiselnahme sollte das moskauhörige Syrien gezwungen werden, den Belagerungsring um Tripolis aufzuheben.

Dem syrischen Staatschef Ha-fez-el-Assad dürfte die gegenwärtige Entwicklung im Libanon wenig angenehm sein.

Auf lange Sicht braucht Assad im Libanon ein Gleichgewicht der Kräfte, wenn er sich als „Ordnungsfaktor“ in der Region wirksam präsentieren will. In Wirklichkeit ist jedoch das langfristige Ziel des syrischen Präsidenten ein politisch schwacher Libanon, um seine „Beschützerrolle“ auch weiter spielen zu können.

Zuerst störten die Christen As-sads Pläne im Libanon, dann die Palästinenser und jetzt sind es offensichtlich die mit den Schiiten verbündeten Fundamentalisten von der „Tawhid“-Bewegung (Islamische Einigungsbewegung).

Der Islam war für Assad in seiner politischen Laufbahn stets nur ein Mittel zum Zweck. Der islamische Fundamentalismus ist dem Syrer, trotz seines Zweckbündnisses mit Teheran, suspekt und widerlich, nicht zuletzt deshalb, weil er sein alawitisches Minderheitsregime in Damaskus von den fundamentalistischen Moslembrüdern bedroht sieht.

Gleichzeitig soll der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow seine Fühler vorsichtig in Richtung Israel ausgestreckt haben, um der Kremlführung eine gleichberechtigte Position bei den künftigen Nahostverhandlungen zu sichern.

Radio Teheran wettert schon seit geraumer Zeit gegen eine „kommunistische Aggression“ im Nord-Libanon, wobei nicht so sehr die Sowjets, sondern vielmehr die von ihnen abhängigen Syrer gemeint sind.

Dies bringt möglicherweise As-sads Pläne im Libanon durcheinander, und das in einem Augenblick, als die christlichen und sunnitischen Clans nach einer Reihe „interner Säuberungen“ die De-facto-Vormachtstellung Syriens im Libanon anerkannt haben.

Das in sich gespaltene Lager der libanesischen Christen sowie das sunnitische Establishment sind eigentlich die Verlierer dieses Krieges, obwohl gerade die Maro-niten in der entscheidenden Phase des Bürgerkrieges ihren Uberlebenswillen eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben.

Auf dem Höhepunkt der Kämpfe mit den Syrern im Libanon-Gebirge sollen sogar die Amerikaner den Christen geraten haben, den Libanon aufzugeben und sich ins Ausland abzusetzen, wo bereits ohnehin über eine Million Libanesen lebt.

In einem vom maronitischen Milizführer Dany Chamoun aufgedeckten und veröffentlichten US-Dokument heißt es, die USA seien bereit, im Einvernehmen mit Syrien den auswanderungswilligen Christen hohe Entschädigungssummen zu bezahlen.

Der geheime US-Plan enthielt auch eine zusätzliche „politische Überlegung“: Durch die totale „Arabisierung“ Libanons könnte dann in Absprache mit den Sowjets eine „Ersatzheimat“ für die Palästinenser und somit auch die Grundlage für eine langfristige Regelung der Nahostfrage geschaffen werden.

Daß Libanons Christen trotz allem ihre Heimat behalten haben, ist auf ihre Verteidigungsbereitschaft sowie auf das Organisationstalent des umstrittenen maronitischen Milizführers und Politikers Beschir Gemayel zurückzuführen. Beschir Gemayel ist am 14. September 1982 durch ein Bombenattentat ums Leben gekommen.

Während die traditionellen Clans der Christen und Sunniten viel von ihrem Prestige eingebüßt haben, scheint für Libanons Schiiten, die jahrhundertelang Leibeigene ihrer drusischen und sunnitischen Feudalherren waren, die Stunde des Triumphes geschlagen zu haben.

Die kräftige Schützenhilfe für Libanons Schiiten leistet heute das islamische Regime des Ayatollah Chomeini.

In der Schlacht um Tripolis kämpften zusammen mit den islamischen Fundamentalisten in erster Linie die Streiter der schiitischen „Hezbollahs“ (Die Partei Gottes) des Scheich Fadlallah.

Der Name des Terrorkommandos „Chalid ibn bin Walid“ (Oma-yadenherrscher in Syrien!), das angeblich die vier Sowjetdiplomaten entführt hatte, spricht jedoch eher für den sunnitischen Ursprung der Kidnapper. . . .

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