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Neue Sicht der christlichen Ehe ?

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„Familiaris consortio”, das Apostolische Schreiben über die Familie, steht im Mittelpunkt des Symposions am 8./9. Oktober. In der Folge werden kurz seine wichtigsten Anliegen in Erinnerung gerufen.

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„Familiaris consortio”, das Apostolische Schreiben über die Familie, steht im Mittelpunkt des Symposions am 8./9. Oktober. In der Folge werden kurz seine wichtigsten Anliegen in Erinnerung gerufen.

Die erste und unersetzliche Schule „zwischenmenschlicher Beziehungen, die von Gerechtigkeit und Liebe geprägt sind” (Art. 2), ist nach dem Alten und Neuen Testament Grundbestandteil der Schöpfung. Die Liebesgemeinschaft von Mann und Frau ist für die katholische Kirche seit den ersten Kirchenlehrern ein Sakrament, das auf persönlicher Entscheidung und Verpflichtung beruht; es bewirkt die Integration der Sexualität in dauerhafte, menschliche Liebe.

Die Auffassung von der Ehe als ungebührlichen Eingriff der Gesellschaft in die Privatsphäre teilen der Papst und die Kirche ebensowenig wie die Abwertung der Familie gegenüber dem Zölibat. Wo die Ehe kein Wert ist, ver-. liert auch der Zölibat, der Verzicht auf die Ehe als Hinweis auf die Nähe des „Reiches Gottes”, jede Bedeutung (16).

Unauflöslichkeit, Einehe und Offenheit für Kinder ergebensich aus dem gegenseitigen Engagement der Partner; es sind Minimalforderungen, die zu einer gemeinsamen Lebensgestaltung im Geist Christi verhelfen. Uber sie hinausgehend, kommt der Papst sehr bald ausführlich auf gesellschaftliche Strukturen und menschliche Haltungen zu sprechen, die lieblos und ehezerstörend wirken: Da ist einmal die Abwertung der Haushalts- und Erziehungsarbeit der Frau, der Mann muß seine Verantwortung als Miterzieher ernster nehmen, die Frau muß Zugang zu öffentlichen Aufgaben bekommen (23), die Familie — vor allem auch die kinderlose — muß sich in Weltoffenheit und Gastfreundschaft üben.

Staat und Schule erinnert das Schreiben an den Vorrang familiärer Erziehung, die auch gegenseitig ist: auch die Kinder „heiligen die Eltern” (26). Gegen Ubergriffe anonymer gesellschaftlicher Institutionen hilft vor allem der Zusammenschluß von Familien — Gruppen von Eheleuten nehmen selbst die Familienpolitik in die Hand.

Der päpstliche Autor ist sich der Autoritätskrise bewußt, unter der Familien besonders wahrend der Pubertät der Kinder zu leiden haben, und verweist auf die alten Menschen, die „oft das Charisma haben, Barrieren zwischen den Generationen zu überbrücken, ehe sie entstehen” (27). Schon darum sollten wir Europäer die Großeltern nicht sozialen Wohlfahrtseinrichtungen überlassen, sondern sie in die jungen Familien integrieren, deren Selbständigkeit sie freilich anzunehmen lernen müssen.

Einen Schwerpunkt des Symposions bildet die Diskussion über die „natürliche Empfängnisregelung” (Zeitwahl, Temperatur- und Selbstbeobachtung). Der Papst sieht einen theologischen Unterschied zwischen dieser und anderen Methoden und erwartet von den Theologen eine Vertiefung der Aussagen zur Sexualität auf personalistischer Grundlage.

Der Schlußteil von „Familiaris consortio” ist den pastoralen Konsequenzen der kirchlichen Ehelehre gewidmet. „Die Evangelisierung wird in Zukunft groß-teils von der Hauskirche abhängen” (65). Die Familien sind auf diese ihre zentrale Aufgabe heute aber nicht nur in der Kirche ungenügend vorbereitet. Die Kirche muß familiärer, häuslicher werden (64), und die Familien unterstützen und bestärken in dem Geist Christi, der ihnen durch das Sakrament zugesichert und zur Weitergabe anvertraut ist.

Dazu braucht es eine Erneuerung der Ehevorbereitung (besonders der langfristigen), die vor allem von den Familien selbst zu tragen ist. Eine spezielle Ausbildung sollten die Priester für den Umgang mit Katholiken erhalten, die auf das Sakrament verzichten zu können glauben, oder die aus den verschiedensten Gründen in „Ehen auf Probe” oder „wilden Ehen” leben.

Der Papst ermuntert die getrennten Partner geschiedener Ehen, ihrem Eheversprechen treu zu bleiben und keine neue Verbindung einzugehen (83). Bezüglich der weit größeren Zahl wiederverheirateter Geschiedener heißt es: „Es ist ein Unterschied, ob jemand trotz aufrichtigen Bemühens, die frühere Ehe zu retten, völlig zu Unrecht verlassen wurde, oder ob jemand eine kirchlich y gültige Ehe durch eigene schwere Schuld zerstört hat” (84). Um kein Ärgernis zu geben, können solche Geschiedene nicht an der Eucharistie teilnehmen — aber die Gläubigen sollen alles tun, „damit sie sich nicht als von der Kirche getrennt betrachten”.

Die pastoralen Richtlinien von „Familiaris consortio” eröffnen ein schwieriges Arbeitsfeld. Besonders die Probleme im Randbereich kirchlichen Wirkens werden sich nicht über Nacht aus der Welt schaffen lassen und bedürfen eines großmütigen Einsatzes Ehe und Familie als Sakrament lebender Christen. Nur so kann sich ein Klimawechsel für die Familie ergeben, zu dem das internationale Symposion von Feldkirch beitragen wilK

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