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Digital In Arbeit

Neue Technik — neue Aufgaben

An hohe Wachstumsraten gewöhnt, fast müßte man sagen, von ihnen verwöhnt, nehmen wir ungern zur Kenntnis, daß wir mit weniger Wachstum auskommen müssen. In den EG-Staaten 10,6 Millionen Arbeitslose, im gesamten OECD-Bereich 33 Millionen — besonders betroffen sind die jungen Menschen. 40 Prozent der Arbeitslosen im OECD-Bereich sind unter 25 Jahren.

Staatliche Defizitpolitik kann zwar beitragen, einen kurzfristigen Konjunkturabschwung aufzufangen, führt jedoch bei permanentem Einsatz zu eigenen wirtschaftlichen Problemen. So werden der Finanzierung des Staatsschuldendienstes durch zusätzliche Steuerbelastungen natürliche Grenzen gesetzt.

Heute müßte der Staat mehr als dreimal soviel Mittel in die Wirtschaft pumpen, um ähnliche Effekte wie in den sechziger Jahren zu erreichen. Diese Mittel haben wir nicht mehr zur Verfügung, weil der staatlichen Verschuldungspolitik Grenzen gesetzt sind. Der Optimismus, durch Globalsteuerung Konjunktur „machen“ zu können, ist Skepsis gewichen.

Der Wandel in der Einschätzung der Konjunktursteuerung geht Hand in Hand mit einer technischen Innovation, von der viele behaupten, daß sie zu einer neuen industriellen Revolution führen wird. Der Rückgang des Wirtschaftswachstums bei gleichzeitigem Vordringen der Mikroelektronik wird den Wandel in unserer Gesellschaft und vor allem unserer Arbeitswelt beschleunigen. Auswirkungen spüren wir bereits: Wir haben zunehmend Schwierigkeiten, Absolventen bestimmter Schulen auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen. Die Rationalisierungsmöglichkeiten im Büro, Dienstleistungsbereich und Produktion werden möglicherweise größere Ausmaße an nehmen als wir uns heute vorstellen. Wir werden einen Wandel der Berufsbilder hinnehmen müssen, unsere Bildungspolitik wird aufs äußerste herausgefordert sein.

Die menschenleere Fabrik gibt es bereits. Nicht nur in Japan und den US A sind die Roboter im Vormarsch. Die Rationalisierungsmöglichkeiten der Textverarbeitung sind enorm: Rationalisierungsexperten vertreten die Meinung, daß sie in der Lage sein werden, den personellen Aufwand für Textverarbeitung in den nächsten fünf Jahren um 50 Pro-

zent senken zu können. Wie schnell solche Entwicklungen gehen können, wurde uns in den sechziger Jahren im Bereich der Druckereien drastisch vor Augen geführt.

So wird die Mikroelektronik in einigen Branchen und Wirtschaftszweigen Arbeitsplätze kosten, in einigen Sparten neue Arbeitsplätze schaffen, und in anderen Bereichen wie Umweltschutz, medizinischer Versorgung und Energiesteuerung beträchtliche Vorteile bringen.

Verringertes Wirtschaftswachstum, Vormarsch neuer Technik, sie werden die Arbeit wieder in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses rük- ken. Zum Teil sind wir schon damit konfrontiert: steigende Arbeitslosenzahlen und die technologischen Entwicklungen sind die großen Schubkräfte, die für eine Arbeitszeitverkürzung ins Treffen geführt werden. Die Arbeit soll auf mehr Köpfe aufgeteilt werden, weil keine Arbeit zu haben große gesellschaftliche Probleme aufwirft.

Volkswirtschaftlich belastet eine Arbeitslosenrate von einem Prozent die öffentlichen Haushal te mit über vier Milliarden Schilling. Davon entfallen etwa 1,7 Milliarden auf direkte Unterstützungen und 2,4 Milliarden auf Steuer- und Beitragsausfälle.

Arbeitslosigkeit belastet aber auch die private und familäre Situation, führt zu psychischen Problemen, Zerfall des Selbstwertgefühls, Verteilungskämpfen zwischen den organisierten Gruppen der Gesellschaft.

Wir müssen daher alles tun, die Vollbeschäftigung zu sichern und zu erhalten. Dies wird möglicherweise eine Solidarität unter den Arbeitern und Angestellten erforderlich machen, die erst entwickelt werden muß. Es wird notwendig sein, unter allen Umständen zu verhindern, daß wir in eine Zweiklassengesellschaft schlittern: jene, die Arbeit haben und jene, die keine Arbeit habęn.

Gesellschaftlicher und technischer Wandel fordert die Arbeitnehmer-Interessenvertretungen heraus. Es ist unsere Aufgabe, sicherzustellen, daß der Wandel nicht allein zu Lasten der Arbeitnehmer geht und die in harten Kämpfen errungenen sozialen Leistungen und Sicherheiten zu erhalten. Der Wandel wird nicht allein den Marktkräften überlassen, sondern muß unter Einschluß der Arbeitnehmer-Interessenvertretungen vor- sich gehen.

Es muß unser Bemühen sein, daß der Mensch mehr und mehr zum Mittelpunkt auch in der Wirtschaft wird. Angesichts der neuen Techniken scheint es notwendig, dies in Erinnerung zu rufen. Die katholische Soziallehre bezeichnet den Menschen als „Ursprung, Träger und Ziel allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Handelns“. Das verpflichtet uns, all unsere Tätigkeit dahin zu überprüfen, ob sie dem Menschen dient.

Der Autor ist Präsident der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Vorarlberg, anläßlich ihrer 100. Vollversammlung entwickelte er diese gekürzt wiedergegebenen Gedanken.

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