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Neuer Boden für das Land

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Agrarüberschüsse, Milliarden Schillinge für Exportstützungen, Bauernsterben: der neue Landwirtschaftsminister sieht sich mit einem schweren Erbe konfrontiert.

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Agrarüberschüsse, Milliarden Schillinge für Exportstützungen, Bauernsterben: der neue Landwirtschaftsminister sieht sich mit einem schweren Erbe konfrontiert.

In den USA schnellte die Selbstmordrate im agrarisch dominierten Mittelwesten um 50 Prozent in die Höhe. 36 Bauernbanken, allesamt einst blühende Institute, verdorrten unter der heißen Sonne Reaganscher Landwirtschaftspolitik.

Im Machtbereich des Agrarrie-sen der Alten Welt, in der EG, stirbt alle zwei Minuten ein bäuerlicher Betrieb. Insgesamt 350.000 sind es Jahr für Jahr, die von der Bildfläche verschwinden.

Und die betroffenen Regierungen stehen vor dem teuersten Scherbenhaufen der Neuzeit, einem gordischen Knoten namens Agrarpolitik. Diesen zu durchschlagen, trat nun in Österreich -auch hier geriet die Landwirtschaft zum unfinanzierbaren Mühlstein - Landwirtschaftsminister Josef Riegler an.

Riegler glaubt ein Rezept zu kennen, dem er den Titel „eigenständige österreichische Agrarpolitik“ gibt. Sein Ziel ist es, „völlig konträr zu jener Linie, die von den USA, von Großbritannien oder den Niederlanden gegangen wird“ , den „bäuerlichen Familienbetrieb zu erhalten“ ; wenn möglich, jeden einzelnen der derzeit noch 260.000 existierenden Betriebe.

Ein kühnes Vorhaben, das Visionen verlangt. Riegler: „Da wird der Regierung vorgeworfen, sie sei arm an Visionen. Ihre einzige Tätigkeit bestehe im Krisenmanagement. Doch so pragmatisch all diese Schritte, die wir setzen wollen und zum Teil schon gesetzt haben, auch aussehen, es liegt ihnen eine Vision zugrunde.“

Obwohl die Gegenwart durchaus dazu angetan sein könnte, allzu Seherischen die Augen zu trüben.

So explodierten die Marktordnungsausgaben, also jene Gelder, die Bund, Länder und Bauern für die Verwertung - sprich den Export — ihrer Uberschußprodukte auf den Tisch legen müssen, seit dem Jahr 1970 von 2,5 auf über acht Milliarden Schilling im Vorjahr. Dazu schlugen sich die agrarischen Einfuhren, die mit ihren 30 Minus-Milliarden gar die Kosten für die Auto-Importe (rund 22 Milliarden Schilling) niederrangen.

Einfuhren agrarischer Rohstoffe im Wert von 1.000 Schilling stehen Ausfuhren veredelter Landprodukte im Wert von 1.010 Schilling gegenüber. In der Schweiz werden aus 1.000 Schilling Rohimporten 4.800 Schilling Edelexpor-te.

Und obwohl um Tausende Millionen Schilling eine Million Tonnen Uberschußgetreide außer Landes verbracht werden muß, passieren zwei Drittel aller Kekse und Zuckerln, die heimische Naschkatzen verzehren, rotweiß-rote Zollbalken Richtung „Austria“ .

Da sind die Sorgen, die Riegler ob der Milchseen und Fleischberge hat, durchaus verständlich. Was ihn auch veranlaßt hat, die Ärmel hochzukrempeln:

Im Milchbereich passierte bereits eine Marktordnungsnovelle den Nationalrat. Sie sieht vor, daß die Gesamtanlieferung um fünf Prozent sinken soll. Damit, so errechnete man im ministeriellen ■ Umfeld, sinken die Verwertungskosten und somit auch die Absatzförderungsbeiträge, die ja den Bauern vom Milchpreis abgezwackt weri^en. Voraussichtliche Ersparnis, befolgen die Bauern Rieglers Rat: 600 Millionen Schilling. Und befolgen sie ihn nicht — denn derzeit ist die Anlieferungsrücknahme, wie dieses Sparinstrument exakt heißt, auf freiwilliger Basis organisiert -, so wird die ministerielle Order auf die Melkbremse steigen lassen.

Auch in anderen Bereichen sollen bald Rieglers Vorschläge „greifen“ . Sonderkulturen, wie Raps und Ölsaaten, sollen schon heuer rund 70.000 Hektar Getreidefläche alternativ nutzen, ein Versuchsprogramm Ökologieflächen ist im Anlaufen. Lan^ristig denkt der studierte Landwirt Riegler auch an Energiewälder oder Dauerforstnutzung, um auch Grünflächen in der Produktion umzulenken.

Im Jahr 1988 steht darm wieder eine völlige Neuregelung der Marktordnung auf dem parlamentarischen Spielplan. In diese können, sind bis zu dem Zeitpunkt die gröbsten Steine aus dem Acker geräumt, auch Visionen einfließen.

„Wir müssen stärker als in den vergangenen 30 Jahren den Umweltbezug in der Produktion sehen“ , spricht der Minister grünen Denkern aus dem Herzen. Auch sollten die Bauern ihre Erzeugnisse den geänderten Ernäh-rungs- und Lebensgewohnheiten der Konsumenten anpassen. Und Riegler bietet dabei sein Ministerium mit all seinem Know-how als Brücke an.

In einer wachsenden Freizeitgesellschaft könnten Bauern auch auf den Dienstleistungszug auf-soringen: Urlaub am Bauemhof,

Direktvermarktung oder spezielle Ferienangebote für ältere Semester sind niu- einige Stichworte dazu.

Dann Riegler grundsätzlich: ,J)ie Entwicklung der letzten 15 Jahre hat die Bauern in eine resi-gnative Stimmung hineingeführt.“ Und er ortet auch einen „Verlust an Selbstbewußtsein im Bauernstand“ .

Was sich ändern muß: „Wir müssen dem Bauern zeigen, wo seine Lebens- und Gestaltungschancen in Zukunft liegen. Wir müssen ihm klarmachen, daß er neben qualitativ hochwertiger Nahrung auch andere Werte produziert. Denn Erholungswert und kultureller Hintergrund unseres Landes hängen direkt mit einem funktionierenden Bauemstand zusammen.“

Der Autor ist Chefredakteur von «Blick ini Land“ .

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