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Neuer Goldrausch in den Staaten

1945 1960 1980 2000 2020

Die US-Präsidentenwahl ist vorbei. Wirtschaftlich wird Amerika vom Sieg Ronald Reagans weiter profitieren. Gehen die USA einem neuen goldenen Zeitalter entgegen?

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Die US-Präsidentenwahl ist vorbei. Wirtschaftlich wird Amerika vom Sieg Ronald Reagans weiter profitieren. Gehen die USA einem neuen goldenen Zeitalter entgegen?

„Die Leidenschaft des Geldmachens beherrscht alle anderen Leidenschaften", schreibt der französische Staatswissenschaftler Alexis de Tocqueville 1831 gleich zu Beginn seiner Aufzeichnungen über eine Reise von 320 Tagen durch Amerika. „How is business?" waren die ersten Worte, die er noch auf dem Schiff aus dem Mund eines Amerikaners hörte.

Dem heutigen Amerikabesucher ist dieser Klang durchaus vertraut geblieben.

Die 80er Jahre können wie die 60er Jahre so etwas wie ein „goldenes Zeitalter" werden. Ursachen sind der Wachstumsboom durch Steuerimpulse, der Vormarsch der neuen Technologien und eine unglaubliche Renaissance des Unternehmertums. Eine vergleichsweise kleine Steuerkorrektur — noch unter Carter wurde die capi-tal gain tax von 49 % auf 20 % abgesenkt — ließ die Zahl der Betriebsneugründungen förmlich explodieren: 1978 entstanden 300.000 neue Betriebe, im letzten Jahr waren es schon 600.000. Dabei ist vor allem der Vormarsch der Dienstleistungswirtschaft faszinierend. Fast alle neuen Arbeitsplätze entstehen in der service-economy und nicht mehr im klassischen Industriebereich.

In der Industrie erhöhten sich die neuen „Jobs" in den Jahren 1973 bis 1979 um zehn Prozent. Von 1979 bis 1983 sanken sie bereits um zwei Prozent. Im gleichen Zeitraum stiegen die Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich einmal um siebzig und dann um fünfundachtzig Prozent.

Natürlich gibt es auch in den USA eine Diskussion über Entin-dustrialisierung. Nur glaubt kein Mensch mehr, daß die Lösung der Beschäftigungsprobleme von der Industrie kommen wird. Im Gegenteil, auch die Industrie wandelt sich immer stärker in Richtung Dienstleistung. IBM und ITT sind heute praktisch zur Hälfte bereits Dienstleistungsunternehmungen. Die klassische industrielle Fertigung selbst (manufactu-ring) wird in atemberaubendem Tempo von Industrierobotern übernommen. Eines der Geheimnisse amerikanischer Erfolge ist das Tempo der Umsetzung von Ideen in wirtschaftliche Praxis: Vor zwei Jahren hat AT&T ein neues Autotelefonsystem (Cellu-lar Radio) zur Marktreife gebracht, wobei ein größerer Kundenkreis das System sehr verbilligt (27 Dollar monatliche Leasingrate). Zwei Jahre später sind neun Großstädte, darunter New York, Los Angeles, Chicago, u. a. mit diesem System — mit venture capital finanziert — ausgerüstet. Der gelernte Österreicher staunt.

Man muß sich erst daran gewöhnen, in den USA ständig wirtschaftliche Erfolgsstories zu hören. Scheitern ist nicht „in", geschieht aber täglich. Zweimal fiel der Erfinder einer privaten Geschäftspostzustellung (ebenfalls mit venture capital finanziert) mit gewaltigen Verlusten auf die Nase. Erst beim dritten Mal setzte sich die Idee durch. Auch bei Venture Capital-Projekten (Venture-Capital = Risikokapital) ist nicht alles Sonnenschein: Von den rund vier Milliarden Dollar, die im Vor-jahr in VC-Projekte investiert wurden (das sind etwa zehn Prozent der gesamten Kapitalzuwachse der Wirtschaft), werden rund vierzig Prozent nicht erfolgreich sein, ein Drittel gerade ohne Verlust aussteigen und nur die wenigen Restprojekte sind ungeheuer erfolgreich.

Beeindruckend ist diese Härte in der wirtschaftlichen Beurteilung der Atomenergie. Die Kernenergieistinden Vereinigten Staaten „out". Derzeit arbeiten 74 Atomkraftwerke. Seit 1978 - dem denkwürdigen Unfall in Three Mile Island — hat sich eine dramatische Änderung in der Beurteilung der Atomenergie ergeben. Es wurde seither kein einziges neues Atomkraftwerk bestellt. Uber 100 wurden dagegen storniert. Die Hälfte davon war schon in Bau, zehn Prozent zu mehr als zwanzig Prozent, ein Kraftwerk — Zimmer/Ohio — war (wie Zwentendorf) völlig fertig.

Die E-Wirtschaft kam dabei in eine doppelte Schere: Ein negatives öffentliches Meinungsklima, erhöhte Sicherheitsauflagen, dadurch verdoppelte Bauzeit (statt 6 nunmehr 12 Jahre), Baukostenerhöhungen (hohe Zinsraten), gegenüber den Prognosen stark reduzierte Energienachfrage. Die Tennessee Valley Authority (ein staatliches E-Wirtschaftsunter-nehmen) weist öffentlich aus, daß die Kosten des produzierten Atomstroms derzeit doppelt so hoch liegen wie die von Wasserkraft oder Kohle (intern wird sogar ein Verhältnis von 1:6 angegeben). Auf der 10. Internationalen Atomenergiekonferenz Oktober 1983 umschrieb Präsident Jones (NUS-Corporation) sehr offen die Bedingungen für ein wirtschaftliches Comeback der Atomindustrie.

Es würde ein neues Produkt benötigt: standardisiert, sicher-heitsgeprüft, kleiner (nur 200 bis 300 Megawatt). Auch dann sei vor 1990 eine Entscheidung nicht zu erwarten und erst Mitte der 90er Jahre ein Anlaufen der neuen Produktion. Der Markt funktioniert also, der gelernte Österreicher staunt.

Amerikanische Wahlkämpfe, auch dieser, laufen unglaublich professionell, teuer, personenbezogen und beinahe entpolitisiert. Ronald Reagan gab für seinen Wahlkampf rund 40 Millionen Dollar aus, 50 Prozent geht in die

Werbung (davon wieder zwei Drittel in Fernsehcommercials). Der Präsident investierte in die Meinungsforschung drei Millionen Dollar.

Anfang Oktober fand der amerikanisch-österreichische Arts-Dialogue in Washington statt, eine nun schon zum zweiten Mal stattfindende Aussprache amerikanischer und österreichischer Künstler, Kunstmanager und Politiker. Welten liegen zwischen diesen beiden Systemen. Wer jemals im — privat finanzierten — Eastwing der National Gallery in Washington war, das Museum of Science and Industry in Chicago gesehen hat, im Museum of Modern Art (MoMa) nahe der Fifth Avenue in New York die Donationen der Familie Lauder (Klimt, Schiele und Kokoschka) bewundert hat, begreift, wie viele Chancen in Österreich durch eine engherzige Steuergesetzgebung einfach verschenkt werden.

Das Geheimnis all dieser Privat-' initiative ist nämlich, daß Zuwendungen an Museen, Universitäten, Galerien etc. steuerlich absetzbar sind. In Chicago wurde ein ganzer Zoo zur Hälfte privat finanziert. Wer je in Wien-Schönbrunn traurig die auf engstem Raum eingesperrten Tiere und das unzureichende Budget zur Verbesserung ihrer Situation gesehen und bedacht hat—dort sieht er, wie es sein könnte, wenn... Warum nicht einmal den Versuch wagen, Privatinitiative derart zu stimulieren?

Dabei haben wir gar keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Österreich ist kulturpolitisch tatsächlich eine Großmacht. Ein Besuch bei Barnes & Nole zeigt, daß nach vielen Mühen und Anstrengungen des österreichischen Kulturinstituts so etwas wie eine Franz Kafka-Renaissance in Amerika feststellbar ist. Bei Scribners sind Rilke-Gedichte in der Auslage ausgestellt, bei Doubleday gibt es Wittgenstein in mehreren Ausgaben und Interpretationen, die Kulturteile der amerikanischen Zeitungen berichten über das Auftreten österreichischer Künstler und Ensembles sooft wie über kein anderes Land. Im 4. Stock des MoMa — Industrial Design sind Tho-net-Sessel, Kolo Moser-Bestecke, Riedl-Gläser zu finden. Warum es nicht gelingt, ein bißchen vom kulturellen Glanz österreichischer Produkte auf unsere wirtschaftlichen Erzeugnisse zu lenken, bleibt rätselhaft.

Der Autor ist Nationalratsabgeordneter und Generalsekretär des Osterreichischen Wirtschaftsbundes.

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