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Neuer Hauptfeind

Arbeiterschaft und National- ¦ Sozialismus in Österreich - eines der Themen, die nie aufgear- beitet wurden. Die Meinungen rei- chen vom Extrem, die Arbeiter hätten den Nationalsozialismus ge- schlossen abgelehnt, bis zum ande- ren, sie seien spätestens ab Februar 1934 den Nazis in hellen Scharen zugelaufen.

Das Symposion „Nationalsozia- lismus und Arbeiterschaft", das vor einem Jahr in Linz stattfand, wur- de vom Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte der Arbeiterbewe- gung noch zu Lebzeiten des am 7. Juli 1987 verstorbenen Gründers und Leiters, Karl R. Stadler, ge- plant. Nun gaben Rudolf G. Ardelt und Hans Hautmann die Beiträge in memoriam Karl Stadler heraus. Dieser befürchtete, so Herausgeber Rudolf G. Ardelt, „daß sich die Beiträge... allein auf den Themen- komplex .Widerstand und Exil' • konzentrieren würden. Zu deutlich stand ihm vor Augen, was jeder bei einem Blick in Bibliographien, Zeitschriften, Sammelwerke und Festschriften feststellen kann - die Tatsache, daß bis in die jüngste Zeit nur wenige Publikationen über die Problematik von Verfolgung, Wi- derstand und Exil hinausgehen."

Ardelt fragt, „ob man nicht ei- nem in der Auseinandersetzung der organisierten Arbeiterbewegung mit dem Faschismus geborenen Vorurteil erliegt, wenn man von einem a priori gegebenen funda- mentalen Gegensatz und Grund- widerspruch von Arbeiterklasse und Faschismus" ausgehe.

Was Stadler befürchtete, trat nicht ein. Eine Reihe von Referen- ten stellte sich gegen jede Beschö- nigung. Die Bandbreite der The- men reicht vom Werben der Natio- nalsozialisten um die Arbeiter zwi- schen 1933 und 1938 (mehrere Re- ferenten) bis zur intellektuellen Ausdünnung der österreichischen Sozialdemokratie in der Nach- kriegszeit durch die Emigration (Christian Fleck), von Anpassung und Widerstand im bäuerlichen und im Arbeitermilieu (Ernst Hanisch) bis zu Aspekten der Ausländer- Zwangsarbeit im Dritten Reich (mehrere Autoren).

Gerhard Botz setzt mit Ergebnis- sen eines Forschungsprojektes über das Ausmaß, in dem die Arbeiter in verschiedenen Phasen in der NSDAP repräsentiert waren, dem Abräumen der Legenden Grenzen: Die Arbeiterschaft war von den Anfängen des Nationalsozialismus in Österreich bis zu seinem Unter- gang stets jene Bevölkerungsgrup- pe, von der die NSDAP die wenig- sten Mitglieder bezog. Sie stellte 53,5 Prozent aller Erwerbstätigen, aber nur 18 bis maximal 31 Prozent der NSDAP-Mitglieder.

Er registriert den Eintritt ehe- maliger Sozialisten vor allem 1934 bis 1937, als „die Enttäuschung über das lange kampflose Zurückwei- chen der Sozialdemokratie vor dem heraufziehenden ,Austrofaschis- mus' und die schließliche Zerschla- gung der traditionellen Arbeiteror- ganisationen Auswirkungen gezei- tigt haben dürfte."

In der NSDAP „waren alle städ- tischen mittelständischen Gruppen fast durchgehend überrepräsen- tiert. In einem besonderen Maße gilt dies für die Angestellten und öffentlich Bediensteten und Stu- denten, die bis 1932 die eigentliche soziale Basis der NSDAP und somit ein Element der Kontinuität mit dem vor-hitlerschen Nationalsozia- lismus darstellten. Die Anteile des .neuen Mittelstandes' betrugen bis 1932 über 40 Prozent, was neuer- lich die These bestätigt, daß der österreichische Nationalsozialis- mus von seinen deutschböhmischen Anfängen und seiner engen Bin- dung mit den .völkischen Gewerk- schaften' her zunächst eine... Par- tei der Eisenbahn- und Postbeam- ten und der Privatangestellten ins- besondere im Handel war. 1933, auf dem Höhepunkt des ersten Massenzulaufs, gleichzeitig als Re- aktion auf den zunehmenden Kon- formitätsdruck des .christli- chen Ständestaates', wurde der ,neue Mittelstand' zugunsten der mehr politischen Spielraum besit- zenden akademischen Freiberufler und selbständigen Händler und in einem geringen Ausmaß auch der Handwerker auf die Hälfte seines ursprünglichen Anteils (auf 21 bis 23 Prozent) zurückgedrängt... Selb- ständige im Handel und Gewerbe waren permanent überrepräsen- tiert, ganz besonders aber, solange die NSDAP klein war, die freien Berufe."

Der Eintritt ehemaliger Sozial- demokraten in die NSDAP nach dem Februar 1934 änderte nichts an der Unterrepräsentation der Ar- beiter in der Nazipartei. Das Aus- maß dieser Beitritte blieb aber bis in jüngste Zeit ausgeblendet. Hans Schafranek nimmt an, daß es mit dem Verbot der NSDAP durch Doll- fuß vom 19. Juni 1933, vor allem aber ab Herbst 1933, „in Teilen der Arbeiterschaft bewußtseinsmäßig und psychologisch" zu einer „.Hauptfeind'-Verlagerung von den Nationalsozialisten zur Heim- wehr beziehungsweise den .staats- tragenden' Kräften insgesamt" kam.

Seine Materialien stützen die These von der „ Hauptfeind-Verla- gerung" , deuten aber nicht auf ideo- logische Annäherung. Immerhin: „Häuften sich noch im Frühjahr 1933 die blutigen, mehrere Todes- opfer fordernden Auseinanderset- zungen zwischen sozialdemokrati- schen Arbeitern und SA-Forma- tionen ,im Kampf um die Straße', bei Versammlungssprengungen und dem Eindringen von Nationalso- zialisten in Gemeindebauten... so fanden in der zweiten Jahreshälfte nur mehr ganz vereinzelt Zusam- menstöße zwischen diesen Grup- pen statt, es dominierten eindeutig die gewalttätig ausgetragenen Konflikte zwischen der Heimwehr und den Nationalsozialisten. Und als gleichsam .ungeschriebenes Gesetz' galt unter den Illegalen: .Nie hätte ein Nazi einen Kommunisten verraten oder umgekehrt.' Diese Aussage eines ehemaligen KP-Ak- tivisten, verknüpft mit der Fest- stellung, daß in einer solchen Hal- tung keineswegs eine .Sympathie' für die Nationalsozialisten begrün- det lag, weist in erster Linie auf eine Parallelität unversöhnlicher Gegnerschaft zum Dollfuß-Regime hin." Das Bundespolizeikommissa- riat Wels registrierte bereits um die Jahreswende 1933/34, daß alle Rau- fereien zwischen Nazis und Sozial- demokraten aufgehört hatten und sie sich fallweise sogar gemeinsam auf der Straße zeigten, ein direktes Einverständnis habe allerdings nicht wahrgenommen werden kön- nen.

Daß der Ver- zicht auf jeden ernsthaften Versuch, die So- zialdemokratie wieder zu lega- lisieren, Bun- deskanzler Kurt Schuschnigg bei seinen Ver- suchen, Hitler abzuwehren, schwächte, wurde schon oft gesagt. Mögli- cherweise müs- sen aber die Ressourcen, auf die er dabei ver- zichtete, neu und noch viel höher bewertet werden.

Ein Abbrök- keln sozialisti- scher Anhän- gerschaft, so Schafranek, habe allerdings nicht erst nach dem Februar 1934, sondern in geringerem Maße schon in den Jahren zu- vor stattgefun- den. Zeitzeuge Karl Hans Heinz darüber zur FURCHE: „Der Nieder- gang hat eigent- lich 1927 begon- nen, als der Schutzbund (die sozialisti- sche Parteiar- mee, Anm. d. Red.) eingreifen wollte, aber nicht durfte. Damals hat die Abwanderung Enttäuschter angefangen." Nach dem Fe- bruar 1934 sei- en, so Schafranek, besonders Schutzbündler zu den Nazis über- gegangen: Besiegte, die den Kampf gegen den nunmehrigen Hauptfeind fortsetzen wollten, und sei es auf der Seite des ehemaligen Haupt- feindes. (Ein größerer Teil schloß sich den illegalen Kommunisten an.Viele emigrierten.) 1945 gebot die Partei- wie die Staatsräson, sich dieser Grenzgän- ger nicht mehr zu erinnern. Viel war von der Lagerstraße in Dachau die Rede, auf der sich Sozialisten und Christlichsoziale versöhnt und von einem demokratischen Öster- reich geträumt hatten. Aber vor 193 8 hatte es die Lagergemeinschaft von Wollersdorf gegeben - zwischen eingesperrten Nazis und Soziali- sten. Sie liefert den Schlüssel zum Verständnis dafür, daß es mit der „Entnazifizierung" in manchen Be- reichen schon unmittelbar nach der Befreiung nicht klappte.

Ein offenbar von ÖVP-Seite stammender Beitrag in der Drei- parteienzeitung „Neues Österreich" vom 1. Juli 1945 (!), in dem über die „Langsamkeit bei der Wiederein- stellung der 1938 aus dem städti- schen Dienst geworfenen Beamten" und über den „Canossagang" ge- klagt wird, den von den Nazis ge- maßregelte Beamte „in vielen Äm- tern... überwinden" müßten, „be- vor dann endlich eine Einstellung erfolge", obwohl doch selbstver- ständlich sei, „daß die in der Nazi- zeit aus ihren Ämtern verjagten österreichischen Beamten wieder voll in ihre Rechte eingesetzt wür- den" , läßt vermuten, daß solche Lo- yalitäten in Verbindung mit ver- ständlichen Antipathien gegen die Ständestaat-Beamtenschaft dazu führten, daß manche Nationalso- zialisten mit Hilfe von Sozialisten in 1938 gewonnenen Positionen überdauern konnten. Wie viele der 1938 aus ihren Ämtern verjagten Beamten 1934 ihre Vorgänger aus ihren Ämtern verjagten, wird öf- fentlich nicht gefragt. Aber die per- sonalpolitischen Weichenstellun- gen haben begonnen, und die Emotionen der Vorkriegszeit spie- len, auch wenn sie verleugnet wer- den, dabei mit.

ARBEITERSCHAFT UND NATIONALSO- ZIALISMUS IN ÖSTERREICH. Herausgegeben von RudolfC. Ardelt und Hans Hautmann Ver- öffentlichung des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Europa- verlag, Wien 1990. 736 Seiten, Ln., öS 3B8,-.

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