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Neues Bündnis hat gute Chancen

Gibt es Jahrhunderte, auf welche die Menschheit stolz sein kann? Das 19. und 20. scheinen mir keinesfalls dazu zu gehören. Das Ende dieses 20. Jahrhunderts, erfüllt von Produkten der Naturwissenschaft und Technik, erwarten wir mit etlichen bitteren Empfindungen. Eine Ahnung über das 21. kann man am ehesten aus einer Betrachtung der Beziehungen zwischen Glaube und Naturwissenschaften in den letzten 20 Jahren und ihrer Extrapolation ableiten.

Die tägliche Arbeit der erkundenden Naturwissenschaft wie auch ihrer Anwendung hat als solche keine Beziehung zum Glauben. Die Aufstellung des Ohmschen Gesetzes, zum Beispiel, und seine Benützung zur Lokalisierung eines aufgetretenen Fehlers sind völlig orthogonal zur Religion. Es gibt nichts Gemeinsames, nichts Überdeckendes.

Erst wenn man einen Schritt aus der Tagesarbeit heraus macht und entweder die universale Situation von Naturwissenschaft und Technik oder die individuelle Stellung des Menschen zu diesen Geistesleistungen und die Rückwirkung einer von ihnen immer mehr dominierten Welt betrachtet, stößt man auf die Verflechtungen zwischen Glaube und Naturwissenschaft, und je länger man untersucht, umso entscheidender erscheinen sie.

Die philosophische Betrachtung des Glaubens und die Auseinandersetzung des Glaubens mit der Philosophie sind Felder so alt wie die Menschheit. Das Überschauen der Ergebnisse erfordert eine Kultur, die durch das Vordringen von Naturwissenschaft und Technik in Randbezirke gedrängt worden ist. Man kann sagen, daß im jetzigen Jahrzehnt die Niederlage des Gymnasiums im Kampf um die humanistische Bildung offenbar wird - nicht zuletzt an der Sprache, die in der Öffentlichkeit, aber auch im Schrifttum dominiert (und für welche extreme Kleinschreibung in Dialekt-Lautschrift ebensosehr gerechte Strafe wie höchster Triumph wäre). •

Damit gerät die philosophische Betrachtung von Naturwissenschaft und Technik in eine immer schwieriger werdende Situation. Denn anstatt die von der Technik ermöglichte Erkenntnis der Natur bis in Bereiche des Kleinsten und Größten, Kürzesten und Längsten in der Zusammenschau mit den Ergebnissen jahrtausendelanger Arbeit der Geisteswissenschaften zu bewältigen, begnügt sich die heutige Welt mit der Faszination an den scheinbaren und tatsächlichen gewaltigen Veränderungen, die der Fortschritt hervorruft.

In der Geschichte der philosophischen Betrachtung von Naturwissenschaft und Technik kann man seit dem 18. Jh. drei Abschnitte unterscheiden. Der erste ist die Aufklärung mit ihrer naiven Hoffnung, das Licht des Verstandes müsse die bessere Welt garantieren und das mittelalterliche Dunkel aufräumen.

Der zweite Abschnitt ist durch den Neupositivismus gekrönt, durch die in Anläßlich des 100. Geburtstages von Pierre Teilhard de Chardin (siehe auch Seite 3) beginnt die FURCHE heute mit einer losen Serie von Beiträgen zum Thema,, Glaube und N aturwissenschaft“. tellektuelle Hoffnung, die logisch-formale Beschreibung der Welt werde Philosophie und Religion unnötig machen und die ideale Welt auf Grund der naturwissenschaftlichen Gesetze einrichten, denen doch niemand den Konsens verweigern könne. Was über derartige Gesetze hinausgeht, ist Bereich ungehemmter Freiheit, höchstens durch demokratischen Kompromiß eingeschränkt. Die politische Umsetzung und Primitivierung dieser Gedanken ist an den Parteien und Parteiprogrammen (aller Richtungen - nur Ausmaß und Schwerpunkte variieren) unschwer abzulesen. Der Glaube geriet entweder in die Defensive oder in staubige Winkel, zur reinen „Privatsache“ degradiert.

Der dritte Abschnitt ist durch die Wendung unserer Jahre zum Pessimismus über Naturwissenschaft und Technik markiert. Vereinfacht könnte man von einer Enttäuschung über die nicht erfüllten Hoffnungen der ersten beiden Abschnitte sprechen, verbunden mit der Unfähigkeit, zu den Lebensprinzipien des vortechnischen Zeitalters zurückzufinden. Dieser Pessimismus predigt nicht Buße, sondern übt Demonstration. Der Lärm aber schädigt das innere Gehör noch weiter. Pessimismus und Proteste werden, müssen fruchtlos bleiben.

Waren die ersten beiden Abschnitte durch einen Kampf der Naturwissenschaft gegen die Religion gekennzeichnet, so herrscht nun vergleichsweise Frieden, aber ein Frieden der Gleichgültigkeit und Verwirrung. Die Naturwissenschaft hat den Kampf nicht gewonnen und der Klerus verhält sich vielfach wie eine geschlagene Armee, nicht wie das Heer Christi, des Königs.

Den meisten Zeitgenossen ist reichlich unklar, wo die Naturgesetze einem allmächtigen Gott noch Platz lassen, und die fortschrittliche Theologie macht die Kirche schwerlich als Felsen sichtbar. In Wirklichkeit ist alles recht einfach. Gottes Allmacht wirkt aufs beeindruckendste auch durch die Naturgesetze - man muß sich nur durch die Monods nicht verwirren lassen - und heute wie früher kommt es im Leben auf die Realisierung der klaren Anweisungen der Evangelien an - aber das verlangt Selbstbeherrschung und Verzicht und steht im Gegensatz zu den verführenden Möglichkeiten der technikerfüllten Welt.

Teilhard de Chardin hat eine Vereinigung von Glaube und Naturwissenschaft versucht, die in ihrem Gesamtkonzept grandios und in einem höheren Sinn wahrscheinlich richtig ist; auf jeden Fall bezeugt sie einen gläubigen Naturwissenschaftler. Aber in ihrer naturwissenschaftlichen Einzelargumentation ist sie schwer durchstehbar und in ihrer Anwendung auf die technische Realität unserer heutigen Welt ist sie fast hoffnungslos. Daher hat er Anhänger gefunden, konnte aber nicht zum Gründer einer Schule für den Neuein- bafi des Glaubens in das tägliche Leben werden.

Wann eine solche Schule gründbar sein wird, ist nicht abzusehen. Vielleicht sendet Gott eine dazu fähige Persönlichkeit schon früher. Nach menschlichem Ermessen sieht es aber danach aus, daß wir bei nur langsamer Senkung des Lebensstandards - die Technik wird immer besser, die Ressourcen jedoch machen ihre Begrenztheit immer drastischer bemerkbar, die Naturwissenschaft bewegt sich in immer irrelevanter werdenden Höhen und Tiefen, weitere Einsichten werden durch erhöhte Gefahr der (unbekümmerten) Anwendung kompensiert - einen beschleunigten Zerfall der menschlichen Werte erleben werden. Und weil es materiell eben immer noch gut geht, wird die Umkehr im Geistigen länger warten lassen.

Im kleinen Kreis, im unscheinbaren Kleinklima stirbt der echte Glaube niemals aus. Von dort aus wird das neue Bündnis zwischen Glaube und Naturwissenschaft vorbereitet werden, und dieses Bündnis hat auf lange Sicht gute Chancen. Denn die Zeit, wo die Naturwissenschaft mit ihren Erklärungender Religion „offenbar“ überlegen war, ist vorbei. Langsam stellt sich heraus, daß die einfache physikalische Erklärung für das Komplexe in der Welt (also für fast alles) unzulänglich ist, während die komplexe physikalische Begründung weder befriedigt noch hilft.

Die biblische Erzählung von der Schöpfung der Welt in sechs Tagen, zum Beispiel, könnte sich in nicht ferner Zeit unter sehr kritischer naturwissenschaftlicher Lupe als optimale Darstellung der physikalischen Wahrheit für den Nichtphysiker erweisen. Und das Neue Testament als einziges Mittel zur Bewältigung der Technik - die nicht zufällig im christlichen Abendland entstanden ist.

Der Autor ist Informationstheoretiker an der Technischen Universität Wien und bei IBM.

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